Enkeltauglich? Vanessa Weber über das „unternehmerische Why“

© Werkzeug Weber

Vanessa Weber

Bereits im vergangenen Jahr veröffentlichte 'markt intern' eine Lesereihe mit Ihrer Kollegin Vanessa Weber, Inhaberin Werkzeug Weber/Aschaffenburg, Autorin und Rednerin – unter anderem, muss man gleich dazu sagen. Den Faden möchten wir in diesem Jahr wieder verstärkt aufgreifen. Ob national oder auf der geopolitischen Bühne, in unseren Branchengefilden oder in der gesamtwirtschaftlichen ­Betrachtung: Die Welt erfährt derzeit vielschichtige und komplexe Wand­lungsprozesse. Impulse von Kolleginnen und Kollegen aus der Praxis für die Praxis können – das ist die 'mi'-Überzeugung – dabei helfen, die ganz großen, aber auch kleinen, alltäglichen Herausforderungen zu meistern, um gestärkt aus dieser Situation hervorzugehen.

Daher werden wir uns über das Branchenjahr hinweg in regelmäßiger Folge mit der im positivsten Sinne umtriebigen Unternehmerin zu unterschiedlichen Themen und Entwicklungen austauschen, die dem Fachhandel auf den Nägeln brennen. An ­dieser Stelle verweisen wir noch einmal auf das bereits in 2. Auflage erschienene Sachbuch Webers '#malehrlich – 52 ungeschminkte Impulse einer Unternehmerin' und das im Zuge dieser Publikation veröffentlichte 'mi'-Exklusivinterview, das nach wie vor unter www.markt-intern.de/impulsinterview-­weber online frei lesbar ist. Ebenso steht das Buch weiterhin an der Spitze unserer Leseempfehlungen. Einige der dort angerissenen Aspekte werden wir in der heute startenden 'mi'-Kolumne aufgreifen.

Welches Thema könnte sich zum Jahresstart – die guten Vorsätze 2023 sind noch präsent – besser eignen, als das häufiger von Vanessa Weber thematisierte Zusammenspiel von Unternehmensnachfolge und Nachhaltigkeit? Dabei folgt sie der 'Enkeltauglichkeits'-Lehre. Heißt das also, man sollte das Unternehmen im Geiste nicht den Kindern, sondern bereits den Enkeln übergeben? „Dieser Aspekt sollte tatsächlich mit reinspielen“, stellt sie ihre Interpretation des Begriffs vor. „Allerdings, wenn mich jemand fragt, »wie lange planst du strategisch vor?«, muss ich ehrlicherweise sagen: mehr als zwei bis maximal drei Jahre ist das gar nicht möglich. Das hat nicht zuletzt Corona gezeigt und wird durch die aktuelle Situation leider erneut bestätigt. Solche Entwicklungen kann niemand wirklich einplanen. Ich unterscheide jedoch recht klar zwischen strategischer und ideeller Planung.“

Soll heißen: „Wenn ich mir selbst die Frage stelle »Was würde es bedeuten, meinem Enkel die Firma zu übergeben«, lautet meine Antwort: Ich investiere jetzt in Innovationen, in neue Marktideen und baue das Unternehmen so auf, dass es auch in zwei Generationen noch existent ist; ich kümmere mich jetzt darum, das Fundament und ein wirtschaftliches Polster zu schaffen, damit die Firma bestehen kann. Das wiederum ist ein zentraler Nachhaltigkeitsaspekt: Für mich hat das Thema Nachhaltigkeit generell sowohl eine ökologische wie auch ökonomische Komponente. Wenn ich ökonomisch positive Dinge tue, hat das nichts mit Kapitalismus zu tun – diese Diskussion wird leider noch zu oft geführt. Ich muss vielmehr einer­seits mein Unternehmen stabil halten, damit ich Mitarbeiter einstellen und bezahlen kann, das ist im Handelsbereich an sich schon ein schwieriges Unterfangen. Andererseits kann ich nur ökologisch agieren, wenn ich Geld im Rücken habe. Das ist nicht verwerflich, sondern eine Notwendigkeit, um Gutes tun zu können.“

© Vanessa Weber Stiftung für Bildung und ­Nachhaltigkeit

In der Praxis habe Weber die Wechselbeziehung dieser beiden Nachhaltigkeitsaspekte beispielsweise an zwei sehr unterschiedlichen Initiativen festmachen können. Zum einen etwa durch ihre Erfahrungen als Start-up-Mentorin. Selbst Mitgründerin der PVH Future LAB GmbH, ist sie Coach im VentureLab, ein von der Technischen Hochschule Aschaffenburg initiiertes digitales Gründerzentrum für die Region. Zum anderen rief sie vor knapp zwei Jahren die 'Vanessa ­Weber Stiftung für Bildung und Nachhaltigkeit' ins Leben (s. Kasten), die unter anderem – ganz klassisches ökologisches Investitionsfeld – Bäume pflanzt. Hintergründig ­spiegeln solche Aktivitäten aber nach Ausführungen Webers ihre Selbstdefinition als Privatperson und Unternehmerin wider, was wiederum den 'Fußabdruck', die Identität ihres Unternehmens und dessen Wahrnehmung durch Dritte beeinflusst. „Das ist Teil meines Wesens­kerns und auch mein 'unternehmerisches Why', also der Grund, warum ich Dinge tue: Ich möchte die Welt besser hinterlassen als ich sie vorgefunden habe“, so die Händlerin. „Das ist zwar ein sehr hehres Unterfangen. Aber trotzdem sind Aspekte wie: mit wem arbeite ich zusammen, welche Mitarbeiter finde ich, was gebe ich Kindern mit, mein innerer Antrieb. Das gilt auch für Start-ups zum Thema Nachhaltigkeit, mit denen ich bzw. die Stiftung zusammenarbeite. Wenn wir dort Kapital, Zeit, Wissen, Kontakte etc. investieren, werden wir davon vielleicht gar keinen direkten Profit haben. Ganz nach dem Motto: »Wer Bäume setzt, obwohl er weiß, dass er nie in ihrem Schatten sitzen wird, hat zumindest angefangen, den Sinn des Lebens zu begreifen«. Darum geht es nach meinem Verständnis bei der Enkeltauglichkeit: Wir sind in aller Regel auf eine sofortige Belohnung unserer Handlungen trainiert, ansonsten verlieren wir schnell den Spaß. Bewusst enkeltaugliches Verhalten hingegen ist, Dinge anzugehen in dem Wissen, dass ich von dem Impact, den ich jetzt schaffe, wahrscheinlich keinen Ertrag ernten werde, dafür aber meine Enkel. Dieser generationenübergreifende Leitgedanke ist doch genau das, was mittelständisches, inhabergeführtes Unternehmertum ausmacht – das sollten wir dann auch in allen Facetten vorleben.“

Vanessa Weber Stiftung für Bildung und Nachhaltigkeit

Im April 2021 gründete Vanessa Weber die 'Vanessa Weber Stiftung für Bildung und Nachhaltigkeit'. Ziel ist nach Angaben des Vereins, Erwachsene mehr in die Verantwortung für die Themen Klimaschutz sowie eine sinnvolle Verbindung von Ökonomie und Ökologie zu nehmen, Kinder und Jugendliche zu befähigen, sich selbst zu engagieren und zu entwickeln, damit sie selbst an einer positiven Zukunft mitgestalten können und mehr Bewusstsein zu schaffen für Zusammenhänge menschlichen Agierens mit der Natur und knappen Ressourcen. Das Netzwerk aus Unterstützern ist mehr als beachtlich: So spricht sich unter anderem der ehemalige Formel-1-­Pilot und Nachhaltigkeitsunternehmer Nico Rosberg für das Projekt aus und auch Nationalspieler Thomas Müller befürwortet die Arbeit mit der Stiftung. Mehr Infos zur Stiftung unter https://vanessa-weber.org/.

'mi' fragt Sie: Verfolgen Sie eine Enkelstrategie? Und: ­Haben Sie weitere 'Impulse für die Impulse'? Wenn Sie ein bestimmtes übergeordnetes Thema gern im kollegialen Kontext erörtert wissen möchten, kontaktieren Sie uns – auf Wunsch streng vertraulich – unter ewg@markt-intern.de oder 0211 6698-236. Übrigens werden wir auch das Thema 'Nachhaltigkeit in der Wertschöpfungskette' in diesem Jahr verstärkt in den Fokus nehmen – auch mit Blick auf eine ­direkte ­monetäre Belohnung.