Interview mit Marija Kolak, Präsidentin des Bundesverbands der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR)

13.08.2020
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Zu aktuellen wirtschaftlichen Fragen hat Mi das nachfolgende Interview mit Marija Kolak geführt, die gerade erst von Papst Franziskus zum Mitglied des 'Wirtschaftsrats des Heiligen Stuhls' berufen wurde.

Mi: Frau Kolak, die Bundesregierung lobt sich für ihre Bazooka. Der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Prof. Felbermayr, hat dagegen festgestellt: „Wir retten die Kaufkraft derer, die von der Krise wenig betroffen sind, und vergessen die, die Hilfe nötig haben. Trotz der vielen Milliarden, die wir in die Hand nehmen, drohen uns hier viele Insolvenzen. Die Unternehmen bekommen zwar Kredite, gehen aber überschuldet aus der Krise.“ Wie sieht Ihre Bewertung der Corona-Hilfsmaßnahmen aus?

Marija Kolak
© BVR
Marija Kolak

Kolak: Meine Einschätzung ist deutlich positiver. Mit ihrem Konjunkturpaket hat die Bundesregierung die Wirtschaft hierzulande zum richtigen Zeitpunkt breit gestärkt. Eine weitere wichtige Säule der konjunkturellen Erholung ist das europä­ische Wiederaufbauprogramm, das auch einen Beitrag zum langfristigen Zusammenhalt der Europäischen Union leistet. In der zweiten Jahreshälfte dürfte die Konjunktur wieder an Fahrt aufnehmen, auch weil die Konjunkturhilfen die Zuversicht der Unternehmen und Bürger deutlich gestärkt haben. Die wirtschaftlichen Folgen der Corona­pandemie können so zügiger überwunden werden. Unsere Erfahrungen im Bankgeschäft mit den Privat- und Firmenkunden spiegeln dies wider. Die Förderkreditvergabe durch Genossenschaftsbanken läuft weiter auf Hochtouren. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter leisten hier seit Monaten einen enormen Kraftakt, teils mit Sonder- und Wochenendschichten. Sie helfen ihren Kunden mit zielgenauer Beratung und der Vermittlung passender KfW-Fördermaßnahmen oder bankeigenen Lösungen.

Mi: In einer von uns durchgeführten – nicht repräsentativen – Umfrage haben 70 Prozent der Teilnehmer erklärt, ihr Wunsch nach einem KfW-Förderkredit sei schon daran gescheitert, dass ihre Hausbank den Kreditwunsch nicht weitergeleitet habe. 30 Prozent der Umfrageteilnehmer haben dabei angegeben, als Hausbank eine Genossenschaftsbank zu haben. Liegt die vergleichsweise hohe Ablehnungsquote an den zu restriktiven gesetzlichen Vergaberichtlinien oder ist dies ein Beleg dafür, dass die Kredite oft das falsche Instrument sind?

Kolak: Natürlich sind die Vergabekriterien der KfW so gestaltet, dass sich die Fördermaßnahmen gezielt an diejenigen Unternehmen richten, deren gesunde Geschäftssituation durch die Coronakrise beeinträchtigt wurde. Für unsere genossenschaftliche FinanzGruppe kann ich sagen: Die Förderkreditvergabe an unsere Firmenkunden funktioniert gut, wir beraten unsere Kunden gezielt und können so zahlreichen ­Unternehmen helfen. Genossenschaftsbanken stellen einen Marktanteil von rund 30 Prozent bei den KfW-Corona-­Förderkrediten. Aktuell per Ende Juli verzeichnen wir rund 35.000 Corona-Förderkreditanträge mit einem Antragsvolumen von über 8,3 Milliarden Euro, die von Genossenschaftsbanken an die KfW oder Landesförderinstitute vermittelt wurden, davon mehr als 4.600 KfW-Schnellkredite mit einem Volumen von 1,4 Milliarden Euro. Ausschlaggebend ist immer die individuelle Situation des Unternehmens und die dazu passende Lösung. Das kann vielfach ein Förderkredit sein, oftmals sind aber auch andere bankeigene Angebote oder Dienstleistungen geeignet.

Mi: Auch bei den Wirkungen des Konjunkturpaketes gehen die Meinungen zwischen der Regierung und den Unternehmen auseinander. Während der Bundesfinanzminister den „Wumms“ gelobt hat, mit dem die Regierung agiert habe, kritisieren viele Unternehmen die befristete und zudem extrem kurzfristig in Gang gesetzte Mehrwertsteuersenkung. Welches Urteil fällen Sie zu dieser Maßnahme?

Kolak: Zur Beurteilung der Wirkungen des Konjunkturpakets sollte man meines Erachtens schon die Gesamtheit der Maßnahmen betrachten. In Summe halte ich das Konjunkturprogramm für einen recht ausgewogenen Maßnahmenmix, der mit der ­befristeten Senkung der Mehrwertsteuer und der Strompreise sowie mit dem Kinderbonus positive Impulse zur Stärkung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage setzt. Dass die Mehr­wert­steuer­senkung auf schnelle Nachfrageimpulse abzielt, ist angesichts der Unterauslastung in vielen Wirtschaftszweigen genau richtig. Diese Impulse sind nötig, um einen weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit zu verhindern und die vorhandene Beschäf­tigung zu sichern. Allerdings fallen aus meiner Sicht die steuer­lichen Entlastungen für Unternehmen deutlich hinter diese kaufkraftstärkenden Maßnahmen zugunsten der Privathaushalte zurück. Eine wichtige Hilfe im Konjunkturpaket sind die Überbrückungszahlungen für kleine und mittlere Unternehmen, die gravierende Umsatzeinbrüche zu verkraften haben.

Mi: Die genossenschaftliche FinanzGruppe hat für 2019 erneut eine sehr gute Bilanz vorgelegt. Vor Steuern hat die Gruppe über 10 Milliarden Euro verdient. Können Sie schon eine Prognose abgeben, wie sich die Coronakrise auf die Bilanz 2020 der Gruppe auswirken wird?

Kolak: Die Coronapandemie ist für uns alle eine Zäsur und wird sich auch im konsolidierten Ergebnis 2020 der genossenschaftlichen FinanzGruppe der Volksbanken und Raiffeisenbanken bemerkbar machen. Bis zur Jahresmitte 2020 sind nur sehr vereinzelt höhere Kreditrisiken bei unserer Kundschaft erkennbar. Wir rechnen 2020 mit einem weiterhin positiven Gewinn vor Steuern, gehen jedoch gegenüber dem sehr guten Jahresabschluss 2019 von einem deutlichen Ergebnisrückgang aus. Wir erwarten in den nächsten Jahren einen Anstieg der Wertberichtigungen, insbesondere für Kredite an den Dienstleistungssektor und das verarbeitende Gewerbe. Dafür sind wir gewappnet: Wir verfügen in der genossenschaftlichen ­FinanzGruppe über eine solide Kapitalausstattung. Unser Eigen­kapital haben wir seit der letzten Finanzmarktkrise verdoppelt. Damit verfügen wir über die erforderliche Resilienz für die Herausforderungen der Coronapandemie. Zugleich werden wir weiter in Zukunftsprojekte investieren können.

Mi: Aktuell warnt das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) vor erheblichen Problemen, die wegen Kreditausfällen der Kreditnehmer aufgrund der Coronakrise auf die Banken zukämen. Insbesondere Sparkassen und Genossenschaftsbanken seien gefährdet. Im optimistischsten Szenario erwartet das IWH Existenzgefährdungen bei sechs Prozent der Banken. Im schlimmsten Fall seien mehrere Hundert Banken betroffen. Teilen Sie für die Banken des ­Genossenschaftssektors diese Befürchtung? In welchem Umfang erwarten Sie Kreditausfälle für die Gruppe?

Kolak: Die Schlussfolgerung der IWH-Studie unsere Genossenschaftsbanken betreffend kann ich nicht nachvollziehen. Per Mitte des Jahres 2020 sehen wir die Effekte, die das IWH diagnostiziert hat, nicht. Natürlich muss man in dieser Krise die Risiken von Zeit zu Zeit neu bewerten, aber aktuell sind keine Kreditausfälle im nennenswerten Umfang festzustellen. Wir sind eine der profitabelsten und kapitalstärksten Bankengruppen Europas und können aus einer Position der wirtschaftlichen Stärke und stabiler Mitglieder- und Kundenbeziehungen heraus agieren.

Mi: Welche Maßnahmen fordert der BVR zur Stärkung der Unternehmen noch von der Bundesregierung?

Kolak: Für von der Pandemie geschwächte Mittelständler kann die Wirtschaftspolitik hierzulande noch mehr tun, um die Unternehmen in ihrem Eigenkapital zu stärken. Wir setzen uns als BVR in Gesprächen mit der Politik dafür ein, dass Unternehmen die erweiterte Möglichkeit eines steuerlichen Verlustrücktrags erhalten und die staatlichen Rückbürgschaften und Beteiligungsvolumina für mittelständische Beteiligungsgesellschaften erhöht werden. Das bestehende KfW-Förderprogramm 'ERP-Kapital für Gründung' mit einem zu 100 Prozent haftungsfreigestellten Nachrangdarlehen ist bislang ausschließlich für Gründer und junge Unternehmen zugeschnitten. Es sollte für alle kleinen und mittleren Unternehmen bis zu einem Antragsvolumen von 800.000 Euro je Unternehmen geöffnet werden.

Dr. jur. Frank Schweizer-Nürnberg
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