Eine „angespannte Netzsituation“: Viel Lärm um nichts?

Am vergangenen Sonntag rief Stromnetzbetreiber TransnetBW, eine EnBW-Tochter mit Sitz in Stuttgart, die Stromkunden in Baden-Württemberg wegen einer „angespannten Netzsituation“ auf, zwischen 17 und 19 Uhr so wenig Energie wie möglich zu ­verbrauchen. Das klang besorgniserregend. Aber war es das auch? Gab es einen wirklichen Stromengpass? Wir ordnen ein.

Am späten Samstagabend kam die Warnmeldung über die unternehmenseigene App 'StromGedacht' auf die Smartphones der Nutzer. Wegen starken Windes an der Küste beobachte TransnetBW die „Auswirkungen auf das Stromnetz ganz genau“. Man rate dazu, am Sonntag ab 17 Uhr den Verbrauch zu reduzieren. Das klang erst einmal drastisch.

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miEI fragte Annett Urbaczka, Sprecherin von TransnetBW: Was genau bedeutet 'angespannt'? Ist dies gleichzusetzen mit 'kritisch'? „Nein, das war keine kritische Situation. Angespannt bedeutet, dass TransnetBW mehr tun musste als üblich, um die Netzstabilität gewährleisten zu können. In diesem Fall war es die Aktivierung von mehr als 500 MW Erzeugung im Ausland für Redispatch“, so ­Urbaczka. Was Redispatch ist, kann man auf der Webseite der Bundesnetzagentur nachlesen: „Unter Redispatch versteht man Eingriffe in die Erzeugungsleistung von Kraftwerken, um Leitungsabschnitte vor einer Überlastung zu schützen. Droht an einer bestimmten Stelle im Netz ein Engpass, werden Kraftwerke diesseits des Engpasses angewiesen, ihre Einspeisung zu drosseln, während Anlagen jenseits des Engpasses ihre Einspeiseleistung erhöhen müssen. Auf diese Weise wird ein Lastfluss erzeugt, der dem Engpass entgegenwirkt.“ Es wird also umdisponiert, welche Kraftwerke welchen Strom wohin liefern sollen. Übersetzt auf den Sonntag hieß das: Im Norden wurde im Laufe des Tages ein so hohes Windaufkommen erwartet, dass viel Strom produziert ­wurde, der aber nicht gen Süden transportiert werden konnte. Das Stromnetz kann Ungleichgewichte zwischen einer hohen Erzeugung von Strom etwa aus Windkraft im Norden und einem Verbrauch im Süden nicht ausgleichen, das heißt, im Süden kommt zu wenig Strom an. Mal eben einige GW von Norden nach Süden schieben, das geht nicht. Grund ist der verschleppte Netzausbau; es fehlen geeignete Leitungen. Das Resultat sind Transportengpässe. Stau auf der Stromauto­bahn. Damit das System nicht zusammenbricht, müssen dann im Norden Windräder abgeschaltet und im Süden Kohle­kraftwerke hochgefahren, Strom aus dem Ausland eingekauft werden. All das hat gezeigt, wie schlecht das Land noch immer vorbereitet ist auf die Veränderung seiner Versor­gung mit Strom. Urbaczka: „Grundsätzlich gehören Redispatch-Maßnahmen inzwischen fast zum Tagesgeschäft in der Systemführung – will sagen: Maßnahmen zur Netz­stabilisierung werden an den meisten Tagen im Jahr eingeleitet, allerdings selten in dieser Größenordnung. Die ergab sich aus der sehr großen Wind­erzeugung von rund 50 GW am späten Nachmittag des 15. Januar.“ In der Tat listet die Webseite von TransnetBW vom 1. Januar dieses Jahres bis einschließlich 17. Januar – also gestern – mehr als 200 vom Netzbetreiber aus Stuttgart veranlasste Redispatch-Maßnahmen auf. Die erste Aufforderung zum Stromsparen, um das Netz zu stabili­sieren, hatte es Medienberichten zufolge übrigens für den 7. Dezember vergangenen Jahres gegeben.

Deutschland hat laut Statista 865 Stromnetzbetreiber und vier Übertragungsnetzbetreiber: TransnetBW ist einer dieser vier. Sie sind für die Infrastruktur der überregionalen Stromnetze verantwortlich und damit auch dafür, dass das Stromnetz technisch auf einem aktuellen Stand und stabil ist. „Ja, das gehört zu den Aufgaben der Stromnetzbetreiber“, bestätigt die Unternehmenssprecherin. „Wir müssen für einen angemessenen Netzausbau sorgen, um den Veränderungen in der Erzeugungslandschaft durch die Energiewende auch in Zukunft gerecht zu werden. Wir haben aber eine Energiewende der zwei Geschwindigkeiten: Der Ausbau der Erneuerbaren schreitet zügig voran, der Ausbau der Übertragungsnetze kommt langsamer voran.“ „Kommt langsamer voran“ – ein Euphemismus für 'der Leitungsausbau lahmt', insbesondere im Süden?

Und was, wenn eine 'angespannte Situation' noch angespannter wird – kann daraus ein Blackout resultieren? „Nein. Ein Blackout bedeutet einen unkontrollierten, großflächigen und längerfristigen Stromausfall. Den halten wir für extrem unwahrscheinlich.“ Am vergangenen Sonntag habe zu keiner Zeit das Risiko einer Lastabschaltung bestanden, so Urbaczka.

Nun impliziert der Aufruf zum Stromsparen, dass die Verbraucher helfen können, das Netz stabil zu halten, indem sie ihren Stromverbrauch reduzieren. Ist der Stromverbrauch der Endkunden wirklich so hoch, dass sie zum Gamechanger werden können? Wir bemühen noch einmal Statista. Demnach ist die Industrie der größte Stromverbraucher. 2022 nutzte sie knapp die Hälfte des gesamten Stroms. Die Verbrauchergruppen 'Gewerbe, Handel, Dienstleistungen' sowie 'Haushalte' verbrauchten jeweils rund ein Viertel des Stroms in Deutschland. „Je mehr die App nutzen und mitmachen, desto größer ist der Effekt auf das Netz. Eine Schätzung zeigt, dass bis zu 1 GW an Leistung flexibilisiert werden könnte, wenn circa 15 % der deutschen Haushalte ihren Stromverbrauch während angespannter Netzsituationen halbieren würden.“ Momentan nutzen 100.000 Stromkunden die App. Nach Schätzungen von TransnetBW würden rund 500.000 teilnehmende Haushalte gebraucht, um einen sichtbaren Effekt zu erzielen. Also viel Lärm um nichts? „Derzeit dient unsere App darum tatsächlich eher der Sensibilisierung der Bevölkerung für die aktu­ellen Themen im Strommarkt.“ Denn immerhin würden die Kosten für die Netzeingriffe – es gibt Ausgleichszahlungen für die Beteiligten, zum anderen ist Strom aus dem Kraftwerk nun mal teurer als Wind – über die Netzentgelte umgelegt und kommen so über die Stromrechnung beim Endverbraucher an.

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Thomas Bürkle

Thomas Bürkle, Präsident des Fachverbands Elektro- und ­Informationstechnik Baden-Württemberg: „Strom aus erneuer­baren Energien wirkt sich auf die Lastflüsse im Netz aus. Es kann Engpässe in der Stromversorgung geben. Das ist nicht neu und auch nicht dramatisch. Um Situationen wie diese zu umgehen, haben wir schaltbare Lasten, die sogenannte netzdienliche Betriebsweise, die dafür sorgt, dass durch eine Steuerung der Anlagen die Netzlast im Stromnetz möglichst gleich verteilt wird. Da zunehmend Wärmepumpen und E-Autos ans Netz gehen, steigen die benötigten Strommengen. Nicht immer können diese bedient werden, dann muss der Netz­betreiber eingreifen können. Warum auch nicht? Wärme beispielsweise ist speicherbar, E-Autos können zu Zeitpunkten geladen werden, in denen das Netz wenig belastet ist. Die netzdienliche Steuerung trägt also zur Versorgungssicherheit bei. Situationen wie die am vergangenen Sonntag hatten wir schon öfter und werden wir auch zukünftig vermehrt haben. Es drohten keinerlei Stromausfälle oder -abschaltungen. Zu oft befürchteten Blackouts werden sie jedoch nicht führen. Wenn es diese gibt, dann haben die andere Ursachen, Sabotage beispielsweise. Oder es bricht temporär die Stromversorgung zusammen, weil das regionale und lokale Nieder- und Mittelspannungsnetz schlecht überwacht wird.“

miEI findet: Ein guter Gedanke, für weniger Stromverbrauch zu sensibilisieren und diesen via App transparent zu machen. Aber: Auch wenn die App noch jung ist und weiter entwickelt wird – laut TransnetBW gibt es sie erst seit Dezember –, Appelle wie der von Sonntag sind so besorgniserregend wie missverständlich, denn das Wording ist unangemessen. So schlagen sie hohe Wellen, jedoch unbegründet, denn die 'angespannte Netzsituation' ist offenbar weniger angespannt als suggeriert wird.