Wie hat sich COVID-19 auf die Auslastung der Betten in den Krankenhäusern ausgewirkt?

28.05.2021
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Für viel Wirbel hat das Thesenpapier der Autorengruppe um Prof. Dr. Matthias Schrappe zur intensivmedizinischen Versorgung in der Corona-Pandemie gesorgt. Mit ihm versuchen die Verfasser nachzuweisen, die Belastung auf den ­Intensivstationen sei nicht so dramatisch gewesen wie öffentlich vom RKI und der Bundesregierung verkündet. Die Zahlen seien sogar manipuliert worden, so der Vorwurf. Gerade wer seit Monaten beruflich zum Nichtstun verurteilt ist, wie auch viele Mittelständler, wird einen solchen Befund nachvollziehbar besonders kritisch beurteilen. Der Streit dürfte in Teilen überflüssig sein, weil eine rein statistische Betrachtung der Gesamtzahlen die Verhältnisse in konkret betroffenen Krankenhäusern nicht abzubilden vermag. Es nutzt Patienten in Köln beispielsweise wenig, wenn es noch ausreichend Betten­kapazität in Nordfriesland gibt. Jedenfalls solange es noch kein bundesweites Verteil­management und keine gleichwertige medizinische Versorgung in Krankenhäusern aller Größenklassen gibt. Weniger Aufmerksamkeit erzielt hat dagegen die Untersuchung des RWI – Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung und der Technischen Universität Berlin, die beide im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums erstellt haben. 'Analysen zum Leistungsgeschehen der Krankenhäuser und zur Ausgleichspauschale in der Corona-Krise' lautet deren etwas sperriger Titel. Die Analysen beruhen auf krankenhausindividuellen Struktur- und Leistungsdaten des Instituts für das Entgeltsystem im Krankenhaus (InEK) für die Jahre 2018 bis 2020. Untersucht wurde dabei die Belegungssituation und die Einnahmesituation der Krankenhäuser. Die Ergebnisse sind nicht weniger brisant als die des Schrappe-Thesen­papiers. Zusammengefasst lauten sie so:

  „Im betrachteten Zeitraum 2020 gab es in Deutschland seit Beginn der COVID-19-Pandemie Mitte März durchgehend weniger stationäre Fälle, und zwar im Zeitraum bis Ende Mai um ca. –30 Prozent und ab dann – einschließlich des Zeitraums der zweiten Welle – um –10 Prozent. Über das Jahr gesehen beläuft sich das Minus auf 13 Prozent, d.h. ohne Berücksichtigung der ersten zehn COVID-19-freien Wochen auf ca. –16 Prozent“   „Im Resultat sank die Bettenauslastung auf ein Allzeittiefpunkt von 67,3 Prozent (und 68,6 Prozent auf den Intensivstationen). Dies berücksichtigt bereits die Versorgung der COVID-19-Patienten, für deren stationäre Versorgung im Jahresschnitt unter Berücksichtigung der Überlieger 2 Prozent aller Betten und knapp 4 Prozent der Intensivbetten benötigt wurden, natürlich mit zeitlichen und geographischen Spitzen.“ Konkret bedeutet dies, während des Sommers im vergangenen Jahr sind sehr viele Betten frei geblieben, ab der 43. KW ist die Auslastung aber sprunghaft angestiegen, mit der Konsequenz, dass etliche Kliniken dadurch an die Kapazitätsgrenze ­gekommen sind. Relativ am stärksten belastet waren Kliniken mit einer Bettenkapazität zwischen 300 und 399 Betten.

 Um auf die Frage nach der Aussagekraft statischer Durchschnittszahlen zur Auslastung der Intensivstationen zurückzukommen, ist die Auflistung zur Belegung nach Größenklassen hilfreich: „Da die Anzahl der dem InEK gemeldeten Intensivbetten praktisch konstant blieb (2019: 26.581; 2020: 26.787), sank die Auslastung insgesamt leicht um einen Prozentpunkt ab. Da die Anzahl der Intensivbetten in den kleinen Häusern jedoch abgenommen hat (und zwar um 7 Prozent von 6.697 [= 7,2/Krankenhaus] auf 6.237 [= 6,8/Krankenhaus]), stieg trotz des Rückgangs an Verweildauertagen die Auslastung auf 63,6 Prozent. Demgegenüber sank sie, trotz der gestiegenen Anzahl an Verweildauertagen, in den großen Häusern auf 71,0 Prozent. Dies liegt an einem Anstieg der gemeldeten Intensivbetten (und zwar um 5 Prozent von 11.543 [= 73/Krankenhaus] auf 12.076 [= 77/Krankenhaus]).“

Der Vollständigkeit halber sei auch noch erwähnt, wie es im vergangenen Jahr um die medizinische Behandlung der ­COVID-19-Patienten bestellt war: „Insgesamt wurden 172.248 Behandlungsfälle mit der Nebendiagnose U07.1 ­(COVID-19, Virus nachgewiesen) behandelt. Es sei ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es sich um Fälle, nicht Personen handelt, da verlegte Patienten entsprechend mehrfach zählen. Die Patientinnen und Patienten waren im Median 71 Jahre alt. Von allen 172.248 Fällen wiesen 26.268 einen intensivmedizinischen OPS-Komplexkode auf (mit einer durchschnittlichen Verweildauer von 20,3 Tagen, davon 11,0 auf Intensivstation), weitere 120 einen OPS-Code für inten­siv­medizinische Komplexbehandlung bei Kindern und wei­tere 10.037 Fälle in benannten Intensivbetten, die keinen Komplexkode Intensivmedizin aufwiesen, insgesamt also 36.305 Fälle oder 21,1 Prozent aller Fälle mit der Nebendiagnose U07.1. 17.376 Fälle (10,1 Prozent aller Fälle bzw. 47,9 Prozent der intensivmedizinisch behandelten Fälle) wurden für mindestens sechs Stunden beatmet.“ Daraus wird ­jeder für sich unterschiedliche Schlüsse ziehen, ob unnötig Angst verbreitet wurde oder nicht und ob die jeweils ­beschlossenen Maßnahmen gerechtfertigt waren.

Zum Schluss noch ein Hinweis zu den finanziellen Folgen der gesunkenen Fallzahlen und Belegungszeiten. Die Auswirkungen sind abhängig von der Größe der Krankenhäuser. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 2,465 Millionen ­Fälle weniger von den Krankenhäusern abgerechnet als 2019. Bei kleineren (bis 300 Betten) und mittelgroßen Krankenhäusern (300 bis 600 Betten) war der Rückgang ausgeprägter als in den großen Kliniken (mehr als 600 Betten). Im Ergebnis hat dies dazu geführt, dass „laut Bundesamt für Soziale Sicherung (BAS) bis zum 31. Dezember 2020 rund 10,2 Milliar­den Euro für die Einnahmeausfälle der Krankenhäuser in Form von Ausgleichszahlungen ausgezahlt“ wurden.

Dr. jur. Frank Schweizer-Nürnberg
Chefredakteur
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