Können stationäre Händler Amazon mit LocaFox Paroli bieten?

17.10.2016
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LocaFox wurde im Juni 2013 gegründet und ging im April 2014 mit einer ersten Beta-Version online. Heute ist LocaFox nach eigenen Angaben der größte lokale Online-Marktplatz in Deutschland. Mit der Übernahme des Wettbewerbers SimplyLocal im Juni 2016 dürfte das Unternehmen seine Spitzenstellung ausgebaut haben. Nach der Übernahme bieten ca. 900 Händler auf der Plattform rund 3,5 Mio. Produkte an, hauptsächlich aus den Sparten Elektronik, Sport und Freizeit, Spielzeug, Bücher, Schuhe und DIY. LocaFox kooperiert mit Händlern aus dem gesamten Bundesgebiet, konzentriert sich nach eigenen Angaben derzeit aber auf die Städte Berlin, Hamburg, München, Köln, Leipzig, Dortmund, Bochum und Bielefeld. Neu hinzugekommen sind bei LocaFox Heilbronn und Ulm sowie die alten SimplyLocal-Standorte Bremen, Wilhelmshaven, Oldenburg, Münster, Wiesbaden und Mainz. Neben anderen Investoren wie Holtzbrinck Ventures ist die Medienholding der SPD, die Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft (ddvg), mit rund 15 Prozent einer der Hauptinvestoren bei LocaFox. Nach der Übernahme von SimplyLocal wird künftig auch die Media-Saturn-Holding über die my-xplace Gmbh Teilhaber an LocaFox sein.

Filialisten und Einzelhandelsketten bestimmen das Bild der Plattform
Unter den auf der Plattform eingebundenen Geschäften finden sich klassische, inhabergeführte Fachhändler, aber das Gros kommt aus dem Bereich der großen Handelsketten und Filialisten. Namen wie ATU, CONRAD und Hornbach bis hin zu MediaMarkt, MyToys, Obi und Saturn prägen das Bild. Das muss für kleinere Händler kein Nachteil sein, denn durch die Beteiligung der großen Player erreichen Angebot und Sortiment eine Größe, die auch für die Masse der Verbraucher interessant sein dürfte.

Konkurrent und Vorbild Amazon
LocaFox will als lokaler Marktplatz kein zweites Amazon sein, aber man versteht den Onlineriesen in mancher Hinsicht als Konkurrent und Vorbild. Das gilt vor allem in punkto Kundenorientierung. LocaFox bemüht sich sichtbar, den Ansprüchen und Wünschen der Kunden gerecht zu werden. Interessen der Händler treten dabei zuweilen in den Hintergrund. Die Macher von LocaFox glauben, dass ein Lokaler Marktplatz nur dauerhaft Erfolg haben kann, wenn er vom Kunden angenommen wird. Das führt zu Entscheidungen, die Händler irritieren könnten: Beispielsweise testet LocaFox bei einigen Produkten das Affiliate-Programm von Amazon. Konkret heißt das: Sucht ein Kunde auf dem Marktplatz nach einem Produkt, wird ihm in vielen Fällen neben der Verfügbarkeit des Produkts im kooperierenden Fachhandel auch der Preis und die Verfügbarkeit bei Amazon angezeigt und zwar mit direktem Link zum Angebot auf der Konkurrenzplattform.ne offene Frage.

LocaFox: Kundenwünsche stehen im Mittelpunkt
Locafox-Sprecher Thilo Grösch begründet gegenüber ’markt intern´ das Affiliate-Programm:„…Wir haben festgestellt, dass eine Vielzahl an Konsumenten nach der Recherche auf unserer Plattform auch auf anderen Plattformen nachschaut, was das gewünschte Produkt online kostet. Wenn der User einmal das ´LocaFox-Universum´ verlassen hat, ist es schwer, ihn wieder reinzuholen … Durch den E-Commerce sind Konsumenten gerade bei Preisen Transparenz gewohnt und sie erwarten sie auch vom stationären Handel. Das haben unsere Befragungen klar gezeigt. …“

Warum sollte ein Händler zu LocaFox gehen?
Doch warum sollte ein Fachhändler bei LocaFox sein Glück suchen, wenn er dort im Preiswettbewerb mit Amazon steht? Könnte er dann nicht gleich als Marketplace-Händler beim Onlineriesen anheuern? Aus Sicht von Thilo Grösch sprechen entscheidende Gründe dagegen: „Auf Amazon muss der Händler zum Online-Händler mutieren, auf LocaFox erreicht er zwar Online-User, die kommen aber in seinen Laden. Und davon hat er Ahnung – vom E-Commerce häufig nicht. Das sind ja zwei völlig verschiedene Geschäftsmodelle: Verkaufe ich online (dann brauche ich Know-how, wie meine Waren auf Amazon gefunden werden, ich muss Pakete packen, ich muss Retouren bearbeiten, gleichzeitig aber auch im Geschäft stehen und verkaufen…) – oder verkaufe ich stationär, nehme dabei aber die Online-User mit, die sich aus vielerlei Gründen für mein Geschäft entscheiden? …“

Same Day Delivery ohne Mehraufwand für Händler
Locafox testet in Berlin seit Mitte des Jahres mit rund 300 Händlern eine Lieferung innerhalb von 90 Minuten oder zur Wunschzeit. Auch hier will Locafox Händlern den Zugang so leicht wie möglich machen. Genau wie bei einer Reservierung, muss der Händler das Produkt nur an der Kasse hinterlegen. Ein Kurierfahrer – Locafox arbeitet mit den Dienstleistern Messenger, Liefery und Packator zusammen – holt das Produkt ab und bringt es zum Kunden. Dieser bezahlt bei Annahme an der Haustür, entweder bar oder mit EC- bzw. Kreditkarte. Für Thilo Grösch verbinden sich damit „die Annehmlichkeiten des Versandhandels mit den Vorzügen eines Einkaufs im lokalen Handel. Durch Same-Day-Delivery kann der stationäre Handel seinen Kunden den gleichen Komfort bieten wie der Online-Handel, dabei sogar schneller und ökologisch nachhaltiger liefern – und er mutiert eben nicht zum Online-Händler, der seine Waren verpacken und verschicken muss.“

Minimalanforderung Warenwirtschaftssystem
Allerdings sind die Eintrittsbarrieren für kleinere Händler nicht gerade niedrig. Wer bei LocaFox dabei sein will, braucht als Minimalanforderung ein Warenwirtschaftssystem, das die Bestände der Waren tagesaktuell erfasst. LocaFox-Sprecher Thilo Grösch versucht im Gespräch mit ´mi´ jedoch, Berührungsängste mit der Technik zu zerstreuen: „Eine Integration in das System ist dabei nicht notwendig – wir haben einen Importer entwickelt, der die Daten so annimmt, wie sie kommen. Das heißt, solange es nicht handgeschrieben auf Karopapier an uns übermittelt wird, kann LocaFox es verarbeiten. Wir versuchen, den Aufwand vom Händler fern- und bei LocaFox zu halten. Unser Client-Services-Team kümmert sich darum, dass alles seinen Weg auf die Website findet.“ Mit dem „Locafox POS“ bietet das Unternehmen Händlern jetzt auch eine eigene Lösung zum Festpreis, die Kasse, Warenwirtschaft, elektronisches Kassenbuch und E-Commerce-Lösung in einem bieten soll.

Algorithmen und Heuristiken antizipieren Verkauf
Grundsätzlich sei es LocaFox enorm wichtig, dass ein Artikel, der auf der Plattform angezeigt ist, dann auch im Geschäft vorrätig ist. Ansonsten werde der Konsument enttäuscht. Thilo Grösch: „Daher ist ein Abgleich der Warenbestände zwischen Händler und LocaFox wichtig. Ist das Produkt seitens des Händlers zwar grundsätzlich im Geschäft, derzeit aber ausverkauft, können wir anzeigen, dass er das Produkt für den Kunden in die Filiale bestellen kann. Wir nutzen Algorithmen und Heuristiken, um den Abverkauf von Produkten zu antizipieren und die Anzeige der Verfügbarkeit daraufhin anzupassen.“

Kosten für Händler
Händler können aus drei unterschiedlichen Abrechnungsmethoden wählen: Entscheidet sich der Händler für das Modell „Cost per Lead“ (CPL) – zu Deutsch: Kontaktvergütung –, wird immer dann eine Provision an Locafox fällig, wenn der Kunde auf der LocaFox-Plattform auf den Reservierungsbutton für ein Produkt klickt. Nachteil: Die Provision ist auch dann zu zahlen, wenn der Kunde gar nicht im Geschäft erscheint, um das reservierte Produkt abzuholen. Das zweite Modell ist die klickbasierte Zahlung – englisch „Cost per Click“ (CPC). Hier wird eine Zahlung fällig, wenn der Kunde sich auf Locafox Details zu einem Geschäft, beispielsweise die Öffnungszeiten, oder zum Angebot eines Händlers ansieht. Als dritte Variante zahlt der Händler nur dann, wenn er ein Produkt auch tatsächlich via Locafox verkauft. Dieses Modell heißt „Cost per Order“ (CPO). Thilo Grösch: „Je nachdem, wie der Händler LocaFox für sich nutzen will, kann er aus den Bezahlmodellen wählen. Ist LocaFox für ihn eine Art verlängerter Marketing-Arm, ist das CPC-Modell sinnvoll; sieht er LocaFox als Vertriebskanal sind CPO und CPL sinnvoller.“ Zur Höhe der Provisionen will Locafox nichts sagen. Nur soviel wird verraten, es gibt Rabatte und zwar unabhängig von der Größe des Händlers, wie Grösch gegenüber 'markt intern' versichert.

Fazit: Unterm Strich bezahlt der Händler bei LocaFox eher für Frequenz, nicht unbedingt für Umsatz. Lohnend dürfte dieses Geschäft sein, wenn es dem Händler gelingt, aus einigen der Neukunden und Interessierten Stammkunden zu machen. Zu Umsätzen will sich LocaFox derzeit nicht äußern. Für den Händler heißt das, im Vorfeld kann ihn nur das Konzept von LocaFox überzeugen, ob die Zahlen das Urteil bestätigen werden, kann sich erst im Nachhinein erweisen. LocaFox richtet sich mit seinem Sortiment an ein großes Publikum. Dadurch konkurrieren Händler auf der Plattform unmittelbar mit dem Platzhirschen Amazon. Der Test mit dem Amazon-Affiliate-Programm ist in dieser Hinsicht konsequent und nachvollziehbar. Die teilweise Integration des Amazon-Sortiments deutet an, in welchem Wettbewerbsumfeld LocaFox sich bewegt: Die Plattform zieht durch ihre Ausrichtung und ihr Angebot Kunden an, die ihre Kaufentscheidung online getroffen haben und nun nach den Faktoren Preis und Verfügbarkeit das beste Angebot auswählen – jedes Mal von Neuem. Die stationäre, schnelle lokale Verfügbarkeit eines Produkts kann dabei ein Wettbewerbsfaktor sein. Ob die beteiligten Händler bei einem solchen Modell neue Stammkunden gewinnen, ist ei

Dr. Bastian Peiffer
Online-Redaktion
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