Handel, Hersteller, Handwerk: fischer Digitalisierungs-Chef Matthias Schneider im 'mi'-Interview

01.07.2021
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Wer das knapp 6.000 Einwohner zählende Örtchen Waldachtal im Nordschwarzwald passiert, kommt nicht unbedingt darauf, dass dort ein international operierendes mittelständisches Unternehmen seinen Ursprung und bis heute seinen Hauptsitz hat: Die 1948 gegründete Unternehmensgruppe fischer (https://www.fischer.de/de-de/) ist ein echtes Schwergewicht in der Befestigungstechnik, die fischertechnik-Baukästen begeistern seit 1965 Generationen von Kindern. Bis heute ist das Unternehmen in Familienbesitz, Inhaber Prof. Klaus Fischer ist Vorsitzender der Holding und des Beirats.

Abgesehen vom Standort der Firmenzentrale ist fischer kein wirklicher Hidden Champion, sondern agiert vielmehr proaktiv. Stillstand gibt es in dem Traditionsunternehmen nicht. Eine Consultance für die Prozessberatung zählt ebenso zum Portfolio wie das in Berlin ansässige Start-up Craftnote (https://lp.craftnote.de/), eine Projektmanagement- und Dokumentationssoftware für Handwerksbetriebe. Das passt in die Unternehmensstrategie, denn fischer ist ein absoluter Vorreiter in Sachen Digitalisierung: Im Inneren wie in der Vernetzung zwischen Hersteller, Handel und Handwerk. Auf dem nexmart Hub (https://nexmarthub.com/), einer Start-up-Plattform für die Bau- und Handwerksbranchen, stellten die Waldachtaler gemeinsam mit Craftnote einige ihrer Visionen für die digitale Zukunft von Bau und Handwerk vor. ‘markt intern‘ hat sich im Nachgang der Veranstaltung mit Matthias Schneider, Geschäftsführer Digitalisierung der Unternehmensgruppe fischer, über Trends und Wege der Digitalisierung und aktuelle Herausforderungen wie Warenverfügbarkeit und digitale Lösungsansätze ausgetauscht.

 

  • Vernetzt: Start-ups in Bau, Handwerk und Handel

'mi': Anfang Juni präsentierte sich fischer auf dem nexmart Hub, einem Digital- und Start-up-Kongress für die Baubranche. Ihr Kurzfazit: Digitale Veranstaltungen sind seit fast 1,5 Jahren an der Tagesordnung. Was hat den nexmart Hub aus Ihrer Sicht einmalig gemacht? Welche Mehrwerte nehmen Sie für Ihr Unternehmen mit?

Matthias Schneider: Der nexmart Hub hat es geschafft, kurzweilige Start-up-Vorstellungen mit spannendem Informationsaustausch zu kombinieren. So schuf der Veranstalter nexmart mit dem Event ein wichtiges Bindeglied für die Vernetzung von Start-ups und der Branchen-Industrie. Hierbei gelang es, ein fesselndes Erlebnis für die Teilnehmer zu schaffen. Es stellten sich spannende Start-ups mit innovativen Lösungen vor, die beispielsweise die Effizienz, Wirtschaftlichkeit und Produktivität von Prozessen und Projekten in der Bau- und Immobilienwirtschaft steigern sowie einen schonenden Umgang mit der Umwelt ermöglichen. Die besuchten Vorträge der Start-ups zu ihren Geschäftsmodellen und Leistungen in virtuellen Räumen waren für uns sehr inspirierend. Bei den verschiedenen Programmpunkten gaben Fragerunden für das Publikum sowie Videogespräche und Chats viel Gelegenheit für Austausch und Interaktion.

'mi': Das Unternehmen Craftnote diente als Praxisbeispiel. Was ist Craftnote und wie passt sich dies in die Unternehmensgruppe fischer ein?

Matthias Schneider: Craftnote passt exakt zur fischer Philosophie der schlanken und effizienten Prozesse. So trägt unser fischer ProzessSystem, das Verschwendung vermeidet, täglich zur Nachhaltigkeit in unserem gesamten Unternehmen bei und steigert den Erfolg. Für unser Engagement in diesem Bereich erhielten wir den Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2020 in der Kategorie ‘Großunternehmen‘. Craftnote ist ein Corporate Start-up unseres Unternehmens, das wir 2018 gegründet haben und aktuell mit Kooperationspartnern im Handel weiter aufbauen. Craftnote ist, wie andere digitale Services von fischer, eine Unterstützung für das Handwerk. Die Handwerker-App Craftnote ermöglicht es Handwerkern, bei Projekten den Überblick zu behalten und Prozesse zu optimieren. Alle Informationen zu Aufträgen lassen sich zentral in der App bündeln. Mitarbeiter und Projektbeteiligte können sich über Craftnote immer und überall austauschen und auf den aktuellen Stand bringen. Als Schnittstelle zwischen Baustelle und Büro verknüpft die App Kommunikation, Dokumentation, Organisation und Planung des Handwerker-Betriebs. Mit zuverlässigen Daten und stabilen Prozessen wird der Unternehmenserfolg planbar. Wie all unsere Apps und Website-Tools optimieren wir die Craftnote-App auf Grundlage des Nutzerverhaltens fortlaufend weiter und fügen neue Funktionen und Leistungen hinzu. Ein neuer Partnerbereich innerhalb der App ermöglicht es beispielsweise Nutzern, direkt mit professionellen Experten aus dem Handel und bald auch aus der Unternehmensgruppe fischer in Kontakt zu treten.

'mi': Welches weitere vorgestellte Startup hat Ihre Aufmerksamkeit erweckt – und warum?

Matthias Schneider: In ihren Pitches auf dem nexmart Hub haben uns mehrere Jungunternehmer mit ihren Konzepten, Leistungen und Ideen überzeugt. Besonders spannend sind für uns die Start-ups im Bereich Produkt-Feedback. Neue Lösungen geben dabei dem Handwerk die Möglichkeit, dem Hersteller direkt Feedback zu den Produkten zu geben, um so die Produkte zu optimieren. Ebenfalls besonders interessant sind für uns die Start-ups, die im sehr zukunftsorientierten Bereich der Robotik auf der Baustelle unterwegs sind. Wir erörtern und erarbeiten aktuell Maßnahmen, um die auf dem nexmart Hub gewonnenen Kontakte und Denkanstöße nachhaltig für unser Unternehmen zu nutzen. Generell unterstützen uns Start-ups dabei, mit kurzen Durchlaufzeiten mit neuen Software- und Servicelösungen in den Markt einzutreten, welche unser Kerngeschäft ergänzen. Bei fischer entwickeln und etablieren wir aus eigener Kraft und durch die Zusammenarbeit mit Partnern innovative Lösungen und Konzepte, um Trends wie die Digitalisierung zu nutzen. Dabei haben wir das Potenzial von Start-ups für uns entdeckt.

 

  • Digitalstrategie: Spannungsbogen vom Hersteller über den Handel zum Handwerk

'mi': Das Unternehmen fischer spricht Kunden wie Fachhändler parallel über diverse Kanäle an. Wie gelingt dieser Spagat und welche Ziele verfolgen Sie dabei?

Matthias Schneider: Wir sprechen auf unseren Online- und Social-Media-Kanälen gezielt Endanwender an, um die Kundenanzahl unserer Handelspartner zu erhöhen. Links an den digitalen Kontaktpunkten führen weiter zu näheren Produktinformationen auf der fischer Website. Dort können Kaufinteressierte über unsere lokale Händlersuche die Bestände an den Standorten unserer Handelspartner prüfen. Zugleich leiten wir die Kunden per Retail Connect in den Online-Shop verbundener Partner weiter und zeigen die Produktverfügbarkeit an. Für das Ladengeschäft bieten wir eine ansprechende Warenpräsentation, originelle Verkaufsaktionen, publikumswirksame Events, Vorteils-Boxen, den Einsatz digitaler Beratungslösungen und vieles mehr an. Ihren Online-Shop können Handelspartner mit unseren Bildern, Videos und Texten ausgestalten. On- und Offline bieten wir unseren Handelspartnern somit Möglichkeiten, ihre Kunden durch stimmige Multi-Channel-Konzepte auf digitalem und analogem Vertriebsweg zu erreichen. All diese Maßnahmen wirken sich positiv auf den Absatzverkauf der Händler und letztlich auch eigenen wirtschaftlichen Erfolg aus. Unsere Handelspartner informieren wir auf verschiedenen Kanälen zu unseren Neuheiten. Wir sorgen für die persönliche Betreuung durch unseren Innen- und Außendienst bei Terminen vor Ort sowie über Telefon und E-Mail. Mit unserem myfischer Portal eröffnen wir Handelspartnern rund um die Uhr digital zusätzliche Kontakt- und Bestellmöglichkeiten sowie weitere Services. Auch mit den Online- und Präsenzschulungen unserer fischer Akademie halten wir Fachhändler immer auf dem neuesten Stand zu aktuellen Befestigungslösungen und geltenden Vorschriften.

'mi': Stichwort Digitalisierung der Baubranche: Wo liegen die Vorteile, insbesondere für mittelständische Betriebe wie Fachhandwerker oder -händler? Welche Voraussetzungen sollten diese erfüllen, um an der digitalen Entwicklung der Bauwirtschaft zu partizipieren?

Matthias Schneider: Automatisierte, strukturierte und orchestrierte Prozesse laufen schneller, besser und wirtschaftlicher. Das gilt für mittelständische Betriebe genauso wie für Großunternehmen. Für Handwerksbetriebe kann es etwa eine große Unterstützung sein, die Planung, Kundenakquise, Baustellendokumentation, Auftragsabwicklung, Zeiterfassung, Bestellungen und weitere Aufgaben mit ‘digitalen Helfern‘ zu erledigen, statt eine Zettelwirtschaft zu betreiben. Bei fischer bieten wir neben unserer Kommunikations- und Projektmanagement-Plattform Craftnote viele weitere digitale Lösungen für Handwerker an. Gerade vom Mittelstand bekommen wir dabei oft das Feedback, dass dies insbesondere die Chefs im Handwerk entlastet und die Büro-Arbeit am Wochenende auf ein Minimum verringert. Neben unserer App Craftnote ist beispielsweise auch unsere fischer Professional App gefragt. Mit der Applikation können Anwender sich immer und überall zur fischer Befestigungstechnik informieren, mit dem Produktberater die jeweils geeignete Befestigungslösung finden – und ihren Einkauf bei den angebundenen Händlern online oder stationär abschließen. Zudem bieten wir beispielsweise auch Lösungen und Dienstleistungen im Building Information Modeling (BIM) an. Auch der Fachhandel hat spätestens in den letzten zwei Jahren gemerkt, wie bedeutend neben dem stationären Geschäft seine Onlinekanäle für den Absatz und die Kommunikation sind. Mit unseren umfassenden Angeboten im E-Commerce unterstützen wir unsere Handelspartner dabei, ihre digitalen Vertriebswege aufzubauen und erfolgreich zu nutzen. Wer offen für Neues ist und die für sein Unternehmen jeweils bestgeeigneten Lösungen einsetzt, kann die Chancen der Digitalisierung ergreifen und davon nachhaltig profitieren.

 

  • Herausforderung Verfügbarkeit: Entspannung durch Vernetzung?

'mi': Zwei Punkte überwiegen derzeit die Branche: Warenverfügbarkeit und -preise. Inwiefern können digitale Tools und Services hier Planungssicherheit geben?

Matthias Schneider: Wir bieten dem Handel Streckenlieferung an. So können unsere Handelspartner, wenn sie ein Produkt nicht verfügbar haben, dieses von unserem Unternehmen aus direkt per Strecke an ihre Endkunden liefern. Hierzu bieten wir dem Handel über unsere digitalen Lösungen auch die Transparenz und Möglichkeit an, automatisch in seinem Shop die Verfügbarkeit bei fischer mit berücksichtigen zu können. Somit kann der Handel vollautomatisch sein eigenes Lager sowie die fischer Lager anbinden. In unserem myfischer Portal können unsere Handelspartner die Artikelverfügbarkeit, ihre Einkaufspreise, den Auftragsstatus, die Bestellhistorie inklusive der Sendungsverfolgung und vieles mehr einsehen sowie Bestellungen platzieren. Endkunden können zuverlässige Verfügbarkeitsinfos auf der fischer Website abrufen. Dazu müssen sie nur das gewünschte Produkt in den Warenkorb legen und erhalten dann eine Auswahl der Händler, die den Artikel online anbieten und kurzfristig liefern können. Alternativ können sie auch die Abholverfügbarkeit der Artikel an den lokalen Standorten unserer Handelspartner prüfen. Übergreifend synchronisiert unser Unternehmen Markt- und Kundenbedarfe mit den Kapazitäten in seinen Produktionen und bei seinen Lieferanten. Ein hoher Digitalisierungs- und Automatisierungsgrad ermöglicht uns dabei, die Warenverfügbarkeit, Logistik und Kapazitäten effizient zu steuern.

‘mi‘-Tipp: fischer veröffentlicht seit April 2021 eigene Podcasts. In der ersten Episode der ‘fischer Highlights‘ (https://www.fischer.group/de-de/presse/podcast) spricht Prof. Klaus Fischer u.a. über das Krisen-Management  der Bundesregierung sowie mittelständische Unternehmen in der Globalisierung und Digitalisierung – sehr hörenswert.

Robin Meven M.A.
Pressesprecher
Themen:
Interviews,
Online & Trends

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