„Das Thema Lieferkette bekommt auf einmal eine Aufmerksamkeit, die es schon viel früher verdient hätte“

20.08.2020
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Künstliche Intelligenz (KI) – das klingt für viele nach schwer verständlichem Hokuspokus, der riesigen Forschungsunternehmen bei der Entwicklung von Innovationen nutzt. Doch KI kommt auch bei der Erstellung von Datenbanken zum Einsatz und erleichtert beispielsweise die Suche nach Lieferanten. Eine solche Plattform bietet das Start-up scoutbee, das Standorte in Würzburg, Berlin und Arlington/USA hat. ‘markt intern‘ sprach mit Geschäftsführer Gregor Stühler, um herauszufinden, ob KI-unterstützte Datenbanken auch dem lokalen Fach- und Einzelhandel helfen können, von Krisen unabhängiger zu werden.

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Scoutbee-Gründungsteam: Fabian Heinrich (l.), Gregor Stühler, Lee Galbraith

Stichwort Motivation: Was war für Sie persönlich die Motivation bzw. der Impuls, die Plattform scoutbee ins Leben zu rufen?

Gregor Stühler: Ich komme ursprünglich aus der IT-Branche und habe als Projektingenieur in einem mittelständischen Unternehmen gearbeitet. Da ist mir bewusst geworden, wie abhängig der Mittelstand von der Qualität der Lieferanten ist. Nicht nur die Coronakrise, sondern auch Naturkatastrophen, weltweite politische Unruhen und globale Handelskriege haben in den vergangenen Jahren immer wieder gezeigt, wie fragil Lieferketten sein können. Hinter unserer Idee steht die Fragestellung, wie der gezielte Einsatz von Daten die Lieferkette optimieren kann. 2015 haben wir scoutbee gegründet, zunächst als Consulting-Unternehmen. Das war der Wegbereiter für die Software, für die scoutbee heute steht.


Stichwort Grundvoraussetzungen: Welche Voraussetzungen müssen erfüllt werden, um von scoutbee zu profitieren? Aus welchen Gründen sollte aus Ihrer Sicht ein Unternehmen scoutbee nutzen?

Wir unterstützen Unternehmen ab 250 Millionen € Umsatz bei Anforderungen jeglicher Art – der Aufwand für den Kunden ist sehr gering. In einer 30-minütigen Sitzung mit einem unserer Customer Success Manager werden die detaillierten Anforderungen aufgenommen, diese werden dann entsprechend von unserer KI-basierten Technologie zur weltweiten Suche verwendet. Unsere Anwendung bietet eine Volltextsuche über sämtliche Daten, die frei im Netz verfügbar sind, wie etwa Zoll- und Finanzdaten der Lieferanten, welche wir in die Auswertungen mit einbeziehen. Unter der Vielzahl an Datenquellen, die wir nutzen, befinden sich natürlich auch solche, die nicht für jeden frei zugänglich sind – am Ende überprüft unsere Technologie die identifizierten potentiellen Lieferanten nach den Kriterien, die für den Einkauf und die Wertschöpfungskette wichtig sind. Die Liste dieser Kriterien beinhaltet z.B. Kredit- und Finanzdaten, Zertifizierungen (ISO) und weiteres. Somit können ein paar Tausend Lieferantendaten in einer zentralen Datenbank abgespeichert, gesteuert und weiter angereichert werden. Wenn die Datenbank einmal steht, kann sie ohne Mehraufwand automatisch erweitert werden, wenn zum Beispiel Alternativ- oder Ersatzlieferanten benötigt werden. Die Datenbank hilft so unter anderem, das Risiko zu minimieren, welches immer dann besteht, wenn man sich auf nur wenige Lieferanten beschränkt und entsprechend von diesen abhängig ist. Der Use Case und Mehrwert sind eindeutig – ohne die Software muss man für ein Lieferantenscouting vier bis sechs Monate einplanen. Manuell bedeutet dies oft, dass ein oder mehrere Angestellte Unmengen an Zeit im Internet verbringen, ohne am Ende sicherstellen zu können, dass wirklich der best- und größtmögliche Lieferantenpool zusammengestellt wird. Darüber hinaus ist das Zeit, welche Einkaufsmitarbeiter nicht für die wichtigen strategischen Aufgaben nutzen können. Mit unserer Software dauert der Prozess im Fall von Kernkategorien und Lieferanten etwa sechs Wochen. Die Mitarbeiter im Einkauf sparen also tatsächlich enorm viel Zeit, die dann für anderes zur Verfügung steht.


Stichwort Serviceleistung/Produkt: In welchem Bereich/Produktsegment ist die Datenbank besonders gut?

Wir haben viele Kunden im Automotive-Bereich, Chemie, Pharma, Retail und Fast Moving Consumer Goods. Unser Produkt funktioniert aber generell in allen Branchen.


Worin besteht der besondere Nutzen vom Einsatz der KI? Und beschreiben Sie bitte beispielhaft, wie die Lieferantensuche via scoutbee funktioniert.

Die Software basiert auf einer Recommendation Engine, die durch Entity Recognition und Entity Linking angetrieben wird. D.h. eine Empfehlungs-Engine basierend auf einer Technologie, welche Muster in Datensätzen erkennt und Datenpunkte effizient verknüpft. Hier kommen dutzende Machine-Learning-Modelle zum Einsatz. Entsprechend bedarf es eines hohen Wissens- und Erfahrungsgrads, um diesen Vorgang in simplifizierter Form abzubilden. Praktisch bedeutet dies, dass anhand von bestimmten Kernbegriffen und Schlagworten neue Vorschläge gemacht werden. Die KI spricht quasi eine Art Empfehlung aus. Vorstellen kann man sich das wie die Kaufvorschläge, die man beim Online-Shopping bekommt. Der Algorithmus, welcher im Hintergrund läuft, basiert auf Ähnlichkeitsanalysen. Unter anderem zieht sich unsere Software alle offenen Daten aus dem Netz und verknüpft – also „linked” – diese mit weiteren wichtigen und für eine Entscheidung kritischen Datenpunkten. Schließlich werden alle Daten in aussagekräftigen Werten über einen Lieferanten, der „Entity”, zusammengebracht. Weil darüber hinaus ständig abgebildet wird, welche neuen Lieferanten es gibt und wie vertrauenswürdig diese sind, lässt sich Markt-Know-how verfügbar machen, welches außerhalb unserer Plattform ansonsten unzugänglich bliebe.


Stichwort Finanzierung/Kosten: Mit welchen Kosten muss ein Unternehmen rechnen, wenn ein Unternehmen scoutbee nutzen will (fixe Kosten, variable Kosten)?

Die Software gibt es ab 30.000 € pro Jahr. Wir sehen die Software als dauerhaftes Tool, das nicht nur einmal eingesetzt wird, sondern jedes Jahr Scoutings durchführt. Wir arbeiten allerdings gerade an einer günstigeren Version, die die Bedürfnisse von KMUs bei der Lieferantensuche abdeckt. Die Idee an sich lässt sich für alle Unternehmensgrößen herunterskalieren und ist komplett unabhängig von Industrie oder Markt.
 

Stichwort Kunden: Wer ist Ihre Zielgruppe? Wie ist aktuell Ihre Kundenstruktur? Wer ist Ihr wichtigster Wettbewerber?

Wir haben internationale Kunden in allen möglichen Branchen, darunter sind auch große OEMs. Zu unserer Zielgruppe gehören künftig aber auch kleinere Unternehmen, für die sich eine automatisierte Lieferantensuche und Datenbank lohnt. Durch COVID-19 gibt es aktuell viele Fälle, in denen Lieferantenketten zusammengebrochen sind. Insofern ist es eine spannende Zeit: Marktanteile werden völlig neu vergeben, und das Thema Lieferkette bekommt auf einmal eine Aufmerksamkeit, die es schon viel früher verdient hätte. Einen Mitbewerber, der genau das Gleiche macht wie wir, haben wir in dem Sinne nicht. Hinsichtlich der Software wäre natürlich SAP als Mitbewerber zu nennen.

Hier geht es zum Image-Video: Lieferantensuche mit Streamline

 

 



Kurzbiographie Gregor Stühler und Entstehungsgeschichte von scoutbee:

Als Projektingenieur eines deutschen Mittelständlers verantwortete Gregor Stühler die Innovationsbeschaffung. Dann ließen zwei Schlüsselereignisse die Lieferkette des Unternehmens beinahe vollständig zusammenbrechen: China schloss den Markt für Seltene Erden, und die Tsunami-Katastrophe verwüstete Japan. Das Unternehmen konnte nicht schnell reagieren, das Scouting von Alternativ-Lieferanten war langwierig, teuer und ertraglos. Zu diesem Zeitpunkt erkannte Gregor Stühler die enorme Notwendigkeit einer digitalen, schnellen und datengetrieben Lieferanten-Recherche für den Einkauf. Gregor Stühler gründete in der Folge scoutbee gemeinsam mit Lee Galbraith, ein erfahrener Vertriebs-Veteran mit Führungs- und Managementpositionen bei LIDL, und Fabian Heinrich, als ehemaliger Global Venture Development & Managing Director bei Rocket Internet und Gründer von PLVY ausgestattet mit jahrelanger Management-Expertise in der Start-up- und Tech-Szene. Das Ziel: schnelle, digitale, automatisierte und vergleichbare Recherchen von Lieferanten aus aller Welt für den Aufbau stressresistenter und ausgeprägter Lieferanten-Netzwerke.

 

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Modell: Lieferantenscouting mit und ohne KI




Julia Lappert
Pressesprecherin

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