Wie der WDR fragwürdige journalistische Konzepte großzügig verteidigt

10.03.2021
Kommentieren
Merken
Drucken

Achtung, der nachfolgende Beitrag ist keine Satire! Wir müssen dies vorausschicken, weil es sonst wahrscheinlich nicht jeder Leser merken würde. Worum geht es? Der WDR, einer der größten Sender Europas, sendet auf seiner Radiowelle WDR 2 samstags die Steffi-Neu-Show. Ob und wie unterhaltsam man die Sendung findet, ist Geschmackssache und muss jeder Hörer für sich beantworten. Allerdings sollte der WDR erstens im Blick behalten, dass alles, was er produziert, von Zwangsbeiträgen finanziert wird, denen sich die Bewohner Nordrhein-Westfalens nicht entziehen können, und zweitens, dass auch die beste Unterhaltung sich an journalistischen Grundsätzen und dem messen lassen muss, was WDR-Redakteure und Redakteurinnen bei Privaten gerne investigativ aufklären und missbilligen würden.

Nun zum konkreten Fall. Am 27. Februar war Gegenstand der Steffi-Neu-Show u. a. eine Baumpflanzaktion auf dem Grundstück der Familie Neu, bei der ein Apfelbaum gepflanzt wurde, den Frau Neu, wie sie selbst in der Sendung froh berichtete, zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte und bei der der WDR-Außenreporter Frank Krieger vor Ort Hilfe leistete. Um der Baumpflanzaktion der Familie Neu einen irgendwie gearteten Fremdzweck journalistisch unterzujubeln, bemühte sich Reporter Krieger eifrig („wir sind schließlich im WDR“) Informationen über das Baumpflanzen an den Hörer bzw. die Hörerin zu bringen. Man stelle sich vor, ein am Niederrhein bekannter Unternehmer ließe Mitarbeiter am Wochenende antanzen, damit sie ihm einen Baum einpflanzen. Wie würde der WDR darüber berichten? Was ist mit all den Beiträgen über korrupte Politiker und Unternehmer, denen vorgeworfen wird, Politikern Vorteile zukommen zu lassen, die sich dafür dann erkenntlich zeigen sollen? Hat niemand in der Redaktionsleitung wirklich Bedenken gehabt, eine Aktion zum Gegenstand einer Unterhaltungssendung zu machen, die primär ausschließlich der eigenen Moderatorin zugutekommt? Gekrönt wurde die Aktion dann journalistisch damit, dass die Familie der Moderatorin – Eltern, Ehemann und Kinder – ausgiebig über Frau Neu interviewt wurde. Ein wirklich ambitioniertes journalistisches Bravourstück.

Wir wollten also von WDR-Intendant Tom Buhrow wissen, wie sich ein derartiges Vorgehen mit dem Ansatz seines Fernsehdirektors Jörg Schönenborn verträgt, der bekanntlich Rundfunkgebühren damit zu rechtfertigen pflegt, sie seien eine „Demokratieabgabe“. Zugespitzt fragten wir ihn, was wohl als Nächstes in der Show komme: „Herr Krieger pflastert den Hof der Familie Neu und erklärt dabei, was beim Verlegen von Pflastersteinen zu beachten ist? Ihr Fernsehdirektor hat einmal Rundfunkgebühren damit gerechtfertigt, es handele sich dabei um eine Demokratieabgabe. Was an diesem Beitrag demokratiestiftend sein soll, erschließt sich mir nicht.“ Zudem wollten wir von ihm wissen, ob es dem journalistischen Konzept des WDR entspreche, Reportagen über die eigenen Mitarbeiter unter Einbindung von deren Familien zu produzieren.

Reaktion? Keine. Daraufhin richteten wir eine offizielle Presseanfrage an den WDR, in der wir u. a. danach fragten, ob der Sendeleitung im Vorfeld bekannt war, worum es in der Sendung vom 27. Februar gehen werde, ob dabei geprüft wurde, ob es sich um strafrechtlich relevante Vorgänge handeln könnte, ob es den redaktionellen Grundsätzen des WDR entspreche, zur Unterhaltung der Hörer die Familie einer Moderatorin zu interviewen. Diesmal kam die Antwort zügig. Wegen ihrer sehr eindrucksvollen Schilderung, was im WDR journalistisch wie produziert wird, empfiehlt es sich, sie ausnahmsweise komplett zu zitieren. Matthias Radner, WDR 2 Contentchef und Stellvertretender Programmchef WDR 2, teilt uns also mit:

„Vielen Dank für Ihre Mail vom 1. März 2021 an Intendant Tom Buhrow, der mich gebeten hat, Ihnen zu antworten. Was ich hiermit gerne tue.

Bevor ich auf die konkrete, von Ihnen kritisierte Sendung eingehe, eine kurze, erklärende Vorbemerkung: Die Steffi-Neu-Show ist im Gesamtbouquet von WDR 2 ein Unterhaltungsangebot. Wir greifen Stimmungen am Samstagmorgen auf und setzen auf viel Interkation mit unseren Hörer*innen. Und so, wie viele Menschen samstags oft eine längere To-Do-Liste abarbeiten, geht es auch Frau Neu. Sie wird dabei von „ihrem“ Reporter Frank Krieger unterstützt, der im Auftrag der Hörer*innen Dinge erledigt oder hilft, sie zu realisieren und dabei seine persönlichen Erfahrungen on Air schildert. WDR 2 ist also ganz nah bei den Menschen im Land – die Einsätze von Frank Krieger und die unterhaltsamen Dialoge zwischen ihm und Steffi Neu auf dem Sender, sind bei unserem Publikum sehr beliebt, wie wir aus zahlreichen Zuschriften wissen. Die beiden agieren nach dem Motto: Wir schaffen das für Sie!

In der Sendung am 27.02.2020 ging es um Folgendes: Frau Neu hatte zum Geburtstag – von Privatleuten – einen Baum geschenkt bekommen. Diesen Baum hat an dem Samstag der Mann aus ihrem Heimatdorf, von dem der Baum kam, eingepflanzt. Frank Krieger hat das Ganze als Reporter geschildert und – wie es dramaturgisch zu seiner Rolle am Samstag gehört – dem Mann hier und da >>assistiert<<. Heißt: Der Baum wäre auch ohne Frank Krieger eingepflanzt worden. Es gehört aber zu seiner Rolle als Samstagsreporter, dass er hier und da mal etwas selber macht und >>Hand anlegt<<, weil wir über die normalerweise nur beschreibende Rolle einer Reporter*in hier bewusst hinausgehen. Im Grunde ist er fast so etwas wie ein Co-Moderator von draußen.

Wir haben uns für diese Geschichte entschieden, weil vielerorts im Lande derzeit Bäume eingepflanzt werden. Durch Corona sind die Einsätze unseres Außenreporters im Augenblick begrenzt und unterliegen strengen Regeln. Deshalb haben wir das Thema im Garten von Steffi Neu umgesetzt, wo alle Beteiligten selbstverständlich die Hygieneregeln eingehalten haben und keine umfangreichen Vorbereitungen nötig waren, wie wir sie in einem nicht medien-affinen Haushalt bei einer Live-Übertragung aus dem Garten hätten vornehmen müssen. Zudem ist die Steffi-Neu-Show eine Personality-Sendung, die Moderatorin geht sehr offen mit ihrer niederrheinischen Herkunft und ihrem Leben >>auf dem Dorf<< um, immer wieder mal spielen Geschichten in ihrem Umfeld eine Rolle.

Insofern kann ich Sie also hoffentlich beruhigen, sehr geehrter Herr Dr. Schweizer-Nürnberg, hier hat sich niemand irgendwelche Vorteile verschafft und Frau Neu hat ganz sicher nicht auf Kosten des WDR agiert. Eigentlich im Gegenteil: Dadurch, dass sie ihre private Baumpflanz-Geschichte zur Verfügung gestellt hat, haben wir bei der Vorbereitung sogar gespart, wie oben erläutert.

Dennoch danke für Ihre Nachfrage und viel Spaß hoffentlich auch weiterhin mit WDR 2 und unserer Steffi-Neu-Show.“

Wir müssen gestehen, uns kamen kurz die Tränen: In einer geradezu fürsorglichen Art lässt Steffi Neu einen Apfelbaum auf ihrem Grundstück pflanzen, wodurch der WDR Aufwendungen erspart hat, die er sonst gehabt hätte, wenn er eine journalistisch saubere Reportage über das Pflanzen von Apfelbäumen erstellt hätte. Dass Radner nonchalant darüber hinweggeht, dass nach dem Konzept der Sendung, Herr Krieger Hörerinnen und Hörern helfen soll, in diesem Fall dummerweise aber der Moderatorin bzw. ihrem Freundes- und Familienkreis geholfen wurde, ist schon sehr bemerkenswert. Was soll ein Unternehmer denken, der beispielsweise Schulmaterialien spendet, die mit dem Logo seiner Firma verziert sind und der dafür vom WDR wahrscheinlich schwer gegeißelt würde, weil er eigene Interessen mit sozialem Handeln verknüpfe? Wem es nicht aufgefallen sein sollte, weil ihm die Antwort zu lang war: Kein Wort von Radner zur Frage der Beachtung redaktioneller Standards, kein Wort zur Einbindung der kompletten Familie, kein Wort dazu, welche demokratiestiftende Wirkung dieses Sendekonzept erfüllt. Dass Steffi Neu nicht auf Kosten des WDR agieren wollte, nehmen wir ihr sofort ab. Aber dass es im WDR in verantwortlichen Positionen niemanden mehr geben soll, der eine derartige Verquickung von Eigennutz und Reportage für unzulässig erklärt, überrascht uns dann doch. Aktuell kann man gerade in vielen Kommentarspalten lesen, wer Fehler mache, solle sich dazu bekennen und sich dafür entschuldigen. Dies scheint dem WDR völlig fremd. Vielleicht, weil er sich auf Zwangsbeiträge stützen kann?

Es gab Zeiten im WDR, da hätte es einen Aufstand der Chefredaktion gegeben, hätte ein Programmverantwortlicher von einem „Gesamtbouquet von WDR 2“ gesprochen, angeführt hätte, „man greife Stimmungen auf“ und man sei „ganz nah bei den Menschen“. Offenbar vor allem, soweit sie im WDR arbeiten und medienaffin sind. Ob sich der Rundfunkrat des WDR damit befassen möchte, muss er selbst entscheiden. Man kann sich darauf zurückziehen, hier würde mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Doch wie, siehe oben, würden wohl die WDR-Journalisten reagieren, könnten sie eine derartige Aktion einem privaten Unternehmer nachweisen? Was unter Demokratie und demokratiestiftenden Maßnahmen zu verstehen ist, muss wohl (N)neu interpretiert werden.

Dr. jur. Frank Schweizer-Nürnberg
Chefredakteur

miDIREKT Login

Dieser Inhalt ist nur mit einem entsprechenden miAbo zugänglich. Falls Sie über ein miAbo verfügen, können Sie sich hier einloggen.

Abbrechen
Wir haben Ihnen einen Link zur Erstellung eines neuen Passwortes geschickt. Bitte überprüfen Sie Ihren Posteingang.

Sie benötigen Unterstützung? - Hier geht´s zum Hilfebereich.
Wenn Sie sich über unsere Abo-Angebote informieren möchten, klicken Sie hier:
Liebe Leserinnen und Leser,
in unserem monatlichen Newsletter erhalten Sie regelmäßig einen Überblick über die wichtigsten Nachrichten, Standpunkte, Experten-Tipps, Ratgeber sowie aktuelle Verlagsaktionen, die Sie im täglichen Geschäft gewinnsteigernd einsetzen können.
Abonnieren Sie jetzt den kostenlosen markt intern-Newsletter






* Pflichtfelder

Artikel teilen

Bitte wählen Sie eine Plattform, auf der Sie den Artikel teilen möchten:

Merkliste
Sie sind noch nicht angemeldet.
Bitte melden Sie sich als User an, dann können wir Ihre Merkliste erweitern.

Abbrechen

Legende
  • frei zugängliche, gekaufte oder jene Artikel, die in Ihren Abonnements enthalten sind.
  • Artikel, die Sie mit Ihrem erworbenen Pass-Kontingent
    (Tagespass oder 5 Artikel PLUS Pass) freischalten können.
  • gesperrte Artikel, die Sie durch den Kauf eines Passes
    (Tagespass oder 5 Artikel PLUS Pass) oder Abonnements freischalten können.

Bitte beachten Sie, dass der Tagespass nur Artikel beinhaltet, die nicht älter als 7 Tage sind. Details entnehmen Sie bitte unserer Abo-Übersicht. Alle Ihre gekauften Produkte finden Sie nach Login unter MEIN MI rechts oben im Hauptmenü.