Ist die Steffi-Neu-Show auf WDR 2 konsequenter Journalismus à la Valerie Weber?

18.03.2021
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Am 10. März haben wir einen Beitrag mit dem Titel 'Wie der WDR fragwürdige journalistische Konzepte großzügig verteidigt’ publiziert. Die Lektüre hat einige Leser zu Reaktionen motiviert, offensichtlich hat er auch einem Teil der Redakteurinnen und Redakteure beim WDR gefallen, was wiederum dazu führte, dass uns Hinweise zugespielt wurden, bei der von uns kritisierten Form des Journalismus handele es sich letztlich um das Ergebnis einer Personalentscheidung aus dem Jahre 2013. Damals schlug der gerade knapp 150 Tage im Amt befindliche neue WDR-Intendant Tom Buhrow dem Rundfunkrat des WDR Valerie Weber zur Wahl als Hörfunkdirektorin vor. Am 22. November 2013 wurde Weber mit 40 von 43 Stimmen gewählt. Inzwischen ist sie aufgrund einer 2019 durchgeführten Umstrukturierung im WDR Programmdirektorin NRW, Wissen und Kultur.

Unmittelbar vor ihrer Wahl zur Hörfunkdirektorin hatten sich über 150 Redakteure des WDR in einem Offenen Brief gegen ihre Wahl ausgesprochen. 300 Redakteure hatten in einer Resolution eine Verschiebung der Entscheidung gefordert.  Der Hintergrund: Weber hatte sich bis dato im privaten Rundfunk verdingt und war vor ihrem Wechsel zum WDR Programmdirektorin bei Antenne Bayern, einem privaten Hörfunkprogramm, das sie zu einem der meist gehörtesten Sender ausgebaut hatte. Allerdings mit Sendekonzepten, die damals noch bei klassischen WDR-Journalisten als verpönt galten: Gewinnspiele, flache Unterhaltung, dafür aber kaum ambitionierte journalistische Reportagen und Hintergrundberichte. Wörtlich hieß es in dem Offenen Brief der Mitarbeiter an Buhrow:

„Kann eine Persönlichkeit wie Valerie Weber plötzlich überzeugte Anhängerin des öffentlich-rechtlichen Systems sein und es in diesen schwierigen Zeiten mit Leidenschaft führen und nach außen verteidigen? Wie soll der WDR-Hörfunk in der ganzen Bandbreite seiner Qualitäts-Programme authentisch von einer Persönlichkeit geführt werden, die ihre unbestrittenen Quoten-Erfolge im Radio ausschließlich in Programmen mit einem Mix aus seichtem Pop, reißerischer Eigenwerbung, Regionalpatriotismus, ständigen Gewinnspielen und Comedybeiträgen erzielt hat – kurz: reinem Formatradio? Für was soll eine Programmdirektorin zukünftig beim WDR stehen, die bei Antenne Bayern Aktionen wie den >>Maibaumklau 2013<< vertreten hat: Wo der >>Morgenshowmoderator<< beim Maibaumklau >>entführt<< wird und Antenne Bayern ihn dadurch auslöst, dass der Sender den ganzen Morgen nur zwei Lieder spielt: >>Last Christmas<< und den >>Bacardi-Song<<. Dass der Sender dies anschließend feiert, man habe >>ein bisschen Radiogeschichte geschrieben<< sei nur am Rande erwähnt.“

Der Tagesspiegel berichtete am 18. November 2013 über Weber und ihren Programmstil so: „Bei einer öffentlichen Veranstaltung verteidigte sie 2006 Gewinnspiele im Radio mit den Worten: >>Es ist enorm wichtig, dass wir die Menschen zum Spielen bringen, denn das erlaubt ihnen das Abtauchen in eine Scheinwelt, um den Problemen des Alltags zu entfliehen.<< Antenne Bayern gilt nicht zuletzt wegen solcher Gewinnspiele als besonders erfolgreich. Der Sender erreichte nach Angaben der jüngsten Media-Analyse täglich bis zu 4,03 Millionen Hörer.“

Wer acht Jahre später Sendungen auf WDR 2 verfolgt, wird kaum widersprechen können, dass sich vieles von dem heute dort im Programm wiederfindet, vor dessen Umsetzung der Offene Brief gewarnt hatte. Viel Comedy, viel Eigenwerbung, Regionalpatriotismus und vor allem Gewinnspiele sind ein wesentliches Konzept auf WDR 2. Und erst vor Kurzem mussten Hörer beispielsweise für den Gewinn eines E-Bikes Geräusche erraten. Das ist insofern bemerkenswert, weil Thorsten Schorn, damals noch Moderator des WDR-Hörfunkprogramms 1Live, vor der Wahl Webers auf Facebook gepostet hatte: „Ich beantrage Titelschutz für >>1LIVE zahlt deine Rechnung<<, >>Das geheime Geräusch in 1LIVE<< und >>1LIVE – Das Dingsbums-Spiel<<.“ Schorn gehört, welche Überraschung, heute zu den Moderatoren auf WDR 2 und hat keine Probleme damit, dass dort nun nahezu täglich ein Gewinnspiel zum Erwerb eines Digitalradios stattfindet. Ebenso auf Linie Webers dürfte liegen, dass inzwischen  viele WDR-2-Moderatoren sich in den Sendungen gerne mit ihrem familiären Umfeld beschäftigen. Ein journalistisch eigentlich verpöntes Verhalten.

Dies alles ist bei Hörerinnen und Hörern durchaus beliebt. Laut dem Geschäftsbericht 2019 des WDR ist WDR 2 „mit einer bundesweiten Tagesreichweite von 3,64 Millionen der meistgehörte Radiosender Deutschlands“. Weber hat ganz offenbar geliefert, was die Programmverantwortlichen erwartet, Teile der Redaktion aber seinerzeit befürchtet hatten. Es bleibt allerdings die entscheidende Frage: Wozu braucht es dafür einen öffentlich-rechtlichen Sender? Unterhaltung in der Form der Steffi-Neu-Show deckt der private Rundfunk zur Genüge ab. Im Vorwort zu den Programmgrundsätzen des WDR hatte Intendant Buhrow im November 2013 zur Abgrenzung des öffentlich-rechtlichen Sendeauftrags formuliert: „Wir vom WDR geben in einer immer komplexeren Welt Orientierung, sind unabhängig, kompetent und mutig. Die Programmrichtlinien sind die Grundlage unserer Arbeit, gleichzeitig Selbstvergewisserung und Qualitätsversprechen.“ In der Einleitung zu diesen Grundsätzen heißt es: „Wir wollen mit einem qualitativ hochwertigen Angebot überzeugen, den gesellschaftlichen Diskurs auch weiterhin maßgeblich mitgestalten und somit ein unverzichtbarer Bestandteil der Medienlandschaft bleiben.“ Speziell zu WDR 2 steht dort: „WDR 2 informiert als aktuellster Tagesbegleiter in Nordrhein-Westfalen rund um die Uhr über die relevanten Ereignisse des Tages aus Nordrhein-Westfalen, Deutschland und der Welt.“ Und so steht es unverändert auch in den aktuellen Grundsätzen vom 23. Februar 2021.

Was heißt das jetzt für die Programmerstellung und die Auswahl der Beiträge, auch solcher, wie sie bei der Steffi-Neu-Show produziert werden? „Wir greifen die Themen auf, die für die Menschen relevant sind. Gesprächswertigkeit gehört dazu. Anregungen, Kommentare und Kritik unseres Publikums insbesondere in sozialen Netzwerken – werden als Quelle unserer Programmarbeit immer wichtiger. Selbstverständlich werden auch diese Informationen anhand der im WDR üblichen professionellen Standards für Relevanz und journalistische Sorgfalt geprüft, bevor sie Teil der Berichterstattung oder der weiterführenden Recherche werden.“ An anderer Stelle kann man lesen: „Wir haben die Köpfe und das Know-how, um wichtige Themen zu vertiefen, zu erläutern, Zusammenhänge aufzuzeigen und aus unterschiedlichen Perspektiven darzustellen.“

Schließlich wird dort Wert gelegt auf folgende Feststellung: „In einer Welt, in der zahllose Anbieter in allen Medien immer mehr und immer schneller Informationen verbreiten, ist Orientierung nötig. Die liefern wir mit einer fundierten Hintergrundberichterstattung, die zum öffentlich-rechtlichen Markenkern des WDR-Programms gehört. Sie geht über die tagesaktuelle Berichterstattung hinaus, erklärt Ursachen, Zusammenhänge und langfristige Entwicklungen, beleuchtet die Motive handelnder Personen oder Interessengruppen und kontrolliert Entscheider in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Unsere Reporter und Redakteure decken durch investigative Recherchen Missstände auf und stoßen öffentliche Debatten an.“ Das Ganze gipfelt dann in dem Bekenntnis: „Wir sind unabhängig von wirtschaftlichen oder sonstigen Interessen und einem regionalen Qualitätsjournalismus verpflichtet. Wir recherchieren Hintergründe und decken Missstände auf, wir stellen Fragen und gehen den Dingen auf den Grund.“

Vergleichen Sie selbst, ob etwa die Steffi-Neu-Show vom 27. Februar 2021 damit auch nur irgendetwas gemein hat. Immerhin, in der gedruckten Version der Programmgrundsätze von 2013 findet sich vor Kapitel 4 (Bildung und Wissenschaft) der schöne Satz: „Wir erklären Zusammenhänge und überraschen durch neue Einblicke“. Gut, das kann der Steffi-Neu Show attestiert werden. Der WDR legt übrigens alle zwei Jahre einen Bericht vor, inwieweit er seine Programmgrundsätze einhält. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Dr. jur. Frank Schweizer-Nürnberg
Chefredakteur

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