Die Gründer im Interview

„Die Vita des Verlages war gepflastert von Kämpfen um die nackte Existenz“

Vor 50 Jahren ist der 'markt intern'-Verlag gegründet worden. Doch was genau damals überhaupt zur Gründung geführt hat, das können am besten jene beantworten, die nicht nur dabei, sondern die für die wichtigsten Schritte des Verlages persönlich verantwortlich waren und sie selbst gestaltet haben. Die ehemaligen Herausgeber und Geschäftsführer Günter Weber und Hans Bayer blicken im Gespräch mit Julia Lappert ganz persönlich auf ihren jahrzehntelangen Einsatz für den Mittelstand zurück.

Julia Lappert: Wie haben Sie beide sich kennengelernt und wie genau entstand die Idee, ‘markt intern‘ zu gründen?

Günter Weber: Ich hatte schon vorher beim Verband Deutscher Ingenieure als Schriftleiter der 'VDI-Nachrichten' in Düsseldorf und danach als Leiter der Test-Redaktion der 'DM' in Stuttgart journalistisch gearbeitet, war aber aus familiären Gründen in den Westerwald gezogen, wo ich am Staatlichen Gymnasium Westerburg Mathematik und Physik lehrte. Nebenbei schrieb ich aber weiter für verschiedene Publikationen, unter anderen auch für die Informationsbriefe des Verlages EXTRAKTE. Dieser wurde finanziell schwach, zahlte mein Honorar immer schleppender. Da ich ohnehin die Idee hatte, den Newslettern einen emotionalen Anstrich, also Briefcharakter, zu geben und über sie publizistisch die Interessen der Mittelständler der verschiedenen Branchen zu vertreten, suchte ich einen Finanzier für ein solches Objekt. Den fand ich in Hans A. Bernecker, dem Herausgeber des Börsen-Informationsbriefes 'Die Actien-Börse'. Herr Bernecker fragte mich: „Wären Sie denn bereit, Ihren Lehrerberuf aufzugeben und nach Düsseldorf zu kommen?“ Ich sagte: „Kommt darauf an, was Sie dafür zahlen würden.“ Er: „4.000 DM im Monat“. Ich verdiente zwar als Lehrer etwa halb so viel, und durch die Nebeneinnahmen kam ich zusammen auf fast dasselbe, aber ich war halt mehr Journalist als Pauker. Hans Bayer und ich lernten uns dann auf einer Silvesterparty 1969/70 in Berneckers Wochenendhaus im Westerwald kennen.

Hans Bayer: Frau Bernecker und meine Frau waren Schulfreundinnen und kannten sich seit vielen Jahren. Ich war zu der Zeit Filialleiter einer Spedition in Frankfurt, das war eigentlich auch ein guter Job. Herr Bernecker und seine Frau waren bei uns zu Besuch. Dann kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel die Frage: „Könnte das was für dich sein, in Düsseldorf bei einem Verlag mitzuwirken? Redaktionell sind wir schon ein Stückchen weiter, wir brauchen noch einen für die kaufmännische Seite.“ Und das Kaufmännische war an und für sich mein Gebiet, da habe ich nicht lange überlegt und gesagt: „Das hört sich gut an, ich glaube, ich mache es!“ Und aus dem „Glaube ich“- ist dann Überzeugung gewachsen: „Jawohl, ich mache es.“ Und so ist man dann zusammengekommen.

Lappert: Und dann haben Sie im Sommer 1971 die Gründung und den Handelsregistereintrag vorbereitet?

Bayer: Ja, die ersten Monate liefen noch unter DDB Verlag, die ersten Briefe hatten im Impressum auch noch DDB stehen. Im Herbst war dann die Zeit reif, den eigenen Namen zu verwenden. 'markt intern' war die Idee von Herrn Weber. Es war tatsächlich die erste beratende Zeitschrift für den Handel und das lief sehr gut für viele Jahre. Wir wuchsen weiter, aus drei Ausgaben wurden vier, fünf und nachher um die 20.

Lappert: Sie kamen beide aus ganz anderen Berufen und haben sich dann entschieden, etwas komplett Neues zu beginnen und sich selbstständig zu machen. Wie haben Ihre Frauen reagiert? Ihre Kinder, die ja später auch in Ihre Fußstapfen getreten sind, waren damals noch klein.

Bayer: Also meine Frau sagte: „Wenn du es dir zutraust, gerne!“. Sie hatte Vertrauen zur Familie Bernecker und ich hatte auch Herrn Berneckers Vertrauen. Ich war der Überzeugung, dass so schnell nichts schiefgehen wird. Ich bin nicht eine Sekunde enttäuscht worden. Und als Herr Weber und ich dann nachher enger zusammenarbeiteten, haben wir gemerkt, dass wir ein Team waren, was so schnell kein anderer bieten konnte. Es passte einfach alles zusammen.

Weber: Meine damalige, inzwischen verstorbene, Frau hatte mich kennengelernt, als ich in den letzten Jahren meiner Schulzeit für die Rhein/Westerwälder-Zeitung als rasender Reporter mit dem Motorroller auf Sportveranstaltungen, Schützenfesten und Jubiläumsveranstaltungen von Gesangs- wie auch Kaninchenzüchter-Vereinen aufgetreten war. Dadurch war sie von vornherein für diesen Beruf begeistert worden, sodass die Aufgabe der Beamtentätigkeit zugunsten der Verwirklichung meiner Idee, zumal mit dem Wechsel an die Düsseldorfer Kö für sie eine Selbstverständlichkeit war.

Lappert: Welche Ziele haben Sie sich in der Gründungszeit gesteckt und haben Sie sie erreicht?

Bayer: Das würde ich schon bejahen. Wir haben immer geglaubt, dass wir schon viel erreicht haben. Aber Günter Weber war die Ideenmaschine und sah Probleme in immer mehr Branchen, die wir nach und nach eingebunden und dadurch unterstützt haben. Es kamen immer mehr Ausgaben dazu, sodass man schon fast den Überblick verloren hätte. Wir hatten nicht viel Personal. Günter Weber leitete die Redaktion, ich machte die kaufmännischen Sachen. Wir hatten ein paar Redakteure und zwei Sekretärinnen. Es war schon eine Menge Arbeit, die bewältigt werden musste und sie ist bewältigt worden.

Weber: Unser Ziel war, möglichst viele Branchen zu vereinen, damit unser Name bekannt, unser Renommee ausgebaut und dadurch unsere Durchschlagskraft beim Kampf gegen die Diskriminierung der mittleren und kleinen Marktteilnehmer gestärkt wird. Die dabei errungenen Erfolge waren die beste Werbung bei der Gewinnung von Neu-Abonnenten.

Lappert: Wie war das für Sie, als Sie gemerkt haben, dass man 'markt intern' kennt?

Weber: Da waren wir natürlich schon sehr stolz. Und das gab uns den Mut, noch größere Ideen zu entwickeln, wie etwa den Deutschen Mittelstandspreis zu 'erfinden' und zu verleihen. Das war natürlich die Krönung. Auch dass es uns gelungen war, prominente Persönlichkeiten dafür zu gewinnen - ein Aushängeschild für den gesamten Verlag. Ich musste aber trotzdem immer mit dem Finanzminister (Anm. d. Red.: meint Hans Bayer) kämpfen, um ihm klar zu machen, dass sich diese Investition von jeweils etwa 150.000 DM, später Euro, lohnt. Das war nicht immer einfach.

Bayer: Mein Nachsatz war aber immer: „Es wird schon wieder reinkommen.“ Und so war es auch.

Lappert: 'markt intern' ist noch immer ein Familienunternehmen, Ihre Söhne Olaf Weber und André Bayer sind heute Herausgeber und Geschäftsführer. Gab es einen Zeitpunkt, an dem Sie ernsthaft überlegt haben, einen Investor ins Boot zu holen?

Bayer: Nein, für mich war immer klar, dass 'markt intern' ein Familienunternehmen bleiben soll.

Weber: Es gab immer mal Angebote, aber eigentlich war es nie ein Thema, jemanden dazu zu holen.

Lappert: Weil Sie wussten, es wird auch so gehen?

Weber: 'Never change a winning Team'. Der Erfolg wäre mit Sicherheit nicht möglich gewesen, wenn wir uns nicht so gut ergänzt hätten. Geld eines Dritten war und ist immer willkommen, aber das Risiko, dass dadurch Sand ins Getriebe kommt, erschien uns immer größer zu sein. Zudem haben wir auch an die nächste Generation gedacht. Ob unsere Kinder André, Olaf, Thorsten und Sandra so gut wie wir harmonieren würden, stand in den Sternen; zusammen mit einem Dritten, zumal als Investor, hätte es vielleicht ein Himmelfahrtskommando werden können. Wir wollten und wollen ein Familienunternehmen bleiben, zumal das anscheinend auch von unseren Mitarbeitern geschätzt wird, denn eine ganze Reihe von jüngeren Mitarbeitern kommt aus Familien älterer Angestellten. Wir waren und sind quasi eine Großfamilie.

Lappert: Was waren die größten Herausforderungen für Sie?

Weber: Die Vita des Verlages war gepflastert von Kämpfen um die nackte Existenz. Wir wurden in der Anfangszeit von Grundig verklagt mit einem Streitwert von 10 Mio. DM. Der Prozess sollte uns kaputt machen. Später hatten wir von einem anderen Gegner 46 Prozesse am Hals. Da stand das Unternehmen auf der Kippe, aber auch da sind wir raus gekommen. Auch mit der Metro hatten wir zahlreiche Prozesse. Deswegen habe ich damals den Verein 'Wirtschaft im Wettbewerb' gegründet. So wie die uns beklagt haben, haben wir sie dann über den WiW verklagt.

Lappert: Hätten Sie sich in der Rückschau anders verhalten?

Weber: Nein, weil die Prozesse auch immer ein Marketinginstrument waren. Die Gegner waren immer auch Feinde unserer Abonnenten, die sich gegen die Macht der sie diskriminierenden Konzerne nicht wehren konnten. So konnten wir in Werbeaktionen deutlich machen, wie konsequent wir für unsere Leser kämpfen, oder ihnen mitteilen: „Wir sind nur verklagt worden, weil wir eure Interessen vertreten.“

Lappert: Worauf waren Sie in den vergangenen fünf Jahrzehnten besonders stolz?

Weber: Dass es so viele Mitarbeiter bei uns so lange, einige über 35 Jahre, über 30, 25, viele über 20 Jahre 'ausgehalten' haben und dass wir nach 50 Jahren immer noch mit derselben Druckerei zusammen arbeiten. Ich bin auch stolz darauf, dass sogar Ehemalige uns – wenn nicht Corona es gerade verhindert – besuchen. Und ich bin stolz darauf, dass es zwischen den Gründer-Familien nie einen Streit gegeben hat.

Lappert: Gab es auch negative Erlebnisse im Zusammenhang mit 'markt intern', die sie nicht vergessen werden?

Weber: Ja, das Steuerverfahren. Das begann 1986. Man hatte uns vorgeworfen, 24 Mio. DM Steuern verkürzt, 19 Mio. DM hinterzogen, 9 Mio. DM Untreue gegen uns selbst, versuchten Kreditbetrug und ein Insolvenzvergehen, begangen zu haben. Alles von der Steuerfahndung Düsseldorf frei erfunden, weil wir in unserem Informationsbrief 'steuertip' den Steuerzahlern vorenthaltene Besteuerungsrichtlinien, also Geheimverfügungen, veröffentlicht hatten. 800 Ordner waren konfisziert worden, zehn Jahre lang ermittelte man, aber die Gerichte ließen die Anklagen nicht einmal zur Hauptverhandlung zu. Also so was Kriminelles, wie dieses Verfahren, hat es in der Geschichte der Bundesrepublik selten gegeben. Mich hat es aber zehn Jahre Arbeit gekostet, die raffinierten Schwindeleien der Sankt-Fiskus-Jünger aufzudecken.

Bayer: Ja, da war einiges los. Ich hatte schon Angst um den Verlag und die Familie. Was wird, wenn man da nicht mehr rauskommt. Da fing ein neues Leben an, als es endlich vorbei war.

Lappert: Jahrzehntelang galt 'markt intern' als 'BILD-Zeitung der Branche' - wie stehen Sie zu diesem Attribut?

Bayer: Ich habe damit gut gelebt, die 'BILD-Zeitung' war aktuell, wir waren auch aktuell. Wenn man uns mit der 'BILD-Zeitung', die sehr viel bekannter als wir ist, auf eine Stufe stellt, meinte ich, konnte man damit gut leben.

Weber: Ich habe den Begriff nur ganz selten gehört. Die 'BILD-Zeitung' ist zwar oft regelrecht primitiv, aber hier und da deckt sie Skandale auf, die unter der Decke gehalten werden sollten. Insofern ließ ich uns gerne mit dem Springer-Blatt vergleichen. Also war ich teils entrüstet, andererseits hat es mich auch gefreut. Ebenso wie ich mich geehrt fühlte, als der leider im letzten Jahr verstorbene Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, Otto Krentzler, bei der Verleihung des Deutschen Mittelstandspreises in seiner Laudatio für den Hauptpreisträger 2010, den Vizepräsidenten a. D. der Europäischen Kommission, Prof. Günter Verheugen, uns als 'die Kalaschnikow des Deutschen Mittelstandes' würdigte.

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