Pharmazeutische Dienstleistungen — Zündeln wider jede Vernunft

Zwischen dem, was manche Standesvertreter heraushauen, und dem, was die Basis meint, klaffen oftmals Welten. Das erfahren die 'mi'-Redakteure bei den Besuchen von Apotheken in der eigenen Region, aber auch beim 'Ausflug' zu redaktionellen Gesprächen in der vergangenen Woche nach München. Bei einer Führung durch eine neu eingerichtete Apotheke kommen wir in den Raum, wo die Karten-Blister befüllt werden. Der Inhaber nimmt einige der Kisten mit den Packungen heraus, die für die Patienten wöchentlich individuell gestellt werden. Was wir darin sehen spiegelt die Unbedarftheit einiger Ärzte vor Ort bei der Verordnung von Arzneimitteln wider: 10, 15 oder 20 Arzneimittel für einen Patienten? Das scheint kein Problem zu sein. „Hast Du die Medikation für die einzelnen Patienten nicht hinterfragt?“, lautet unsere eher rhetorische Frage an den Apothekeninhaber. Seine Antwort: „Klar, das ist ja wohl selbstverständlich. Anlässlich unserer Neueröffnung haben wir auch einige Ärzte herumgeführt. Natürlich nutzte ich beiläufig die Gelegenheit, diesen einmal die gesamte Medikation ihrer Patienten zu zeigen. Sie waren sehr überrascht, was im Konzert mit den Kollegen alles verordnet wird.“ Von Kontraindikationen und Wechselwirkungen etc. schreiben wir an dieser Stelle lieber nicht.

Ihr Kollege führt über die Verschreibungsmängel der Ärzte kein Buch, er schwärzt auch niemanden bei der Aufsicht oder der Kammer an. Sondern er sucht den Kontakt zu den Verschreibern vor Ort, um die Medikation im Sinne der Patienten auf den bestmöglichen Nenner zu bringen. Für den Aufruf der KV Hessen, etwaige inkompetente Beratung durch Apotheken zu dokumentieren, hat er keinerlei Verständnis. Ebenso wenig wie der Hamburger Allgemeinmediziner Reinhard Köller, der sich die Mühe machte, die Aufrufe seiner Kollegen/Standesvertreter mit einem längeren Brief zu kommentieren (sehr schön in der DAZ wiedergegeben: https://t1p.de/dienstleistungen-positiv-sehen). Seiner Meinung nach sollten die ärztlichen Standesvertreter nicht gegen die neuen pharmazeutischen Dienstleistungen poltern.

Der Hamburger Arzt beschreibt, was in der täglichen Arbeit vor Ort geschieht: Ärzte und Apotheker arbeiten nicht selten ihr gesamtes Berufsleben zusammen, kennen sich und ihre jeweiligen Macken bestens und man spricht oftmals auch außerhalb des Berufes miteinander. Köller empfindet die Unterstützung der Pharmazeuten in vieler Hinsicht sehr hilfreich – weil die pharmakologischen Kenntnisse auch bei sehr engagierten Ärzten nur begrenzt sein könnten. Andererseits könne nur der klinisch ausgebildete Arzt mit seinem medizinischen Hintergrundwissen entscheiden, welche (auch pharmakologische) Therapie Symptome kontrolliere, Heilungsverläufe fördere oder helfe, Risiken zu minimieren.

Zu einer umfassenden Medikationsanalyse haben die meisten Hausärzte überhaupt keine Zeit. Ein Blick in die Wartezimmer oder der Versuch, einen Termin zu bekommen, zeigen auf: Die Ärzte sollten froh sein, die Abstimmung der Medikation in andere professionelle Hände geben zu können. Die Kernthesen des Allgemeinmediziners könnten aus der Feder eines 'markt intern'-Redakteurs stammen: Die Ärzte sollten sich besser um essenzielle eigene Themen kümmern: Die Softskills des Arztes, die qualitativ hochwertige Beratungsarbeit des Arztes am und mit dem Patienten, die interdisziplinäre Zusammenarbeit müsse wieder adäquat honoriert werden. Und die Politik in die Pflicht nehmen, die renditeträchtige Abschöpfung von Kapital durch Investoren in einem solidarisch finanzierten Gesundheitswesen zu stoppen.

'mi'-Fazit: Was uns besonders freut: Reine Discounter-Apotheken führten den Sinn einer beratenden Vor-Ort-Apotheke ad absurdum. Von diesen sollten sich jene klar abgrenzen. Unter der Bezeichnung Discounter fasst Köller wohl alle Formen der nicht-wohnortnahen Versorgung zusammen Jedem vernünftigen Menschen kommt bei der Lektüre des gesamten Hickhack nur ein Gedanke: Warum halten nicht alle einfach ihre Klappe und setzen sich zusammen an einen Tisch (nicht nur im Rheinland mit den passenden Getränken) und reden miteinander, anstatt übereinander herzuziehen? Die Basis sieht hoffentlich: Standesvertreter, die der Politik solche Angriffsflächen aufzeigen, sind bestimmt nicht die Idealbesetzung ihrer jeweiligen Ämter Hoffen wir für Ärzte und Apotheken, dass die Vernunft schnell einsetzt!