Interview mit Andreas Zachlod: „Fast hätten wir die MIDORA abgesagt“

18.09.2020
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Noch im Juni war der Projektdirektor der Leipziger Uhren & Schmuck-Messe MIDORA kurz davor, die Messe abzusagen. Durch die Corona-Situation waren alle Pläne von Andreas Zachlod durchkreuzt. Auch die Unsicherheiten schienen zu groß. Warum er Anfang Juli dann doch umschwenkte und alles daransetzte, dass vom 5. bis 7. September 2020 in der sächsischen Kulturstadt wieder eine erfolgreiche Messe stattfinden konnte, und wie er derzeit die Bedeutung anderer Uhren & Schmuck-Messen in Deutschland einschätzt, erfahren Sie in unserem Interview, das die 'markt intern' Uhren & Schmuck-Chefredaktion am Messesonntag (6. September 2020) mit Andreas Zachlod führte.

 

Inwieweit hat Covid-19 Ihre Vorbereitungen zur MIDORA beeinflusst? Sicherlich mussten Sie mit einigen Schwierigkeiten kämpfen?

A. Z.: Im Juni spielte ich noch mit dem Gedanken, die MIDORA absagen zu müssen. Hintergrund war, dass wir Sicherheitsbedenken hatten und die Reisetätigkeiten stark eingeschränkt waren.

Wir wollten zum einen nicht dazu beitragen, dass Aussteller ihr Geld verlieren. Zum anderen wollten wir vermeiden, dass aufgrund möglicherweise steigender Infektionszahlen die Messe eine Woche vorher abgesagt wird. Einige Aussteller und auch Besucher bezweifelten, dass Messen überhaupt stattfinden dürfen, dabei spielen ja politische und auch wirtschaftliche Faktoren eine Rolle. Ein weiteres Problem war, dass durch den zweimonatigen Lockdown die Läger bei den meisten Händlern noch gefüllt waren – teilweise sogar noch von ihren Einkäufen auf der INHORGENTA (Münchener Uhren & Schmuck-Messe, Anm. d. Red.) im Februar – und dass durch fehlenden Abverkauf dem Handel weniger finanzielle Mittel zum Einkauf zur Verfügung standen. Im Juni hatten wir dann die Standzuteilungen an die Aussteller geschickt, daraufhin haben einige Firmen nochmals ihre Teilnahme überprüft. Es war bei uns ein einziges 'Auf' und 'Ab'.

Ab wann haben Sie den Schalter dann doch noch auf 'Go' umgelegt? Und: Was hat dazu geführt, dass Sie doch noch die Messe auf die Beine gestellt haben?

A. Z.: Ende Juni fiel die Entscheidung. In enger Zusammenarbeit mit den verantwortlichen Behörden haben wir ein Hygienekonzept erarbeitet, welches Messen unter 'fast normalen Ausstellungsbedingungen' stattfinden lassen durfte.

Hier gilt mein Dank vor allem der Landesregierung Sachsens sowie der Stadt Leipzig und ihren verantwortlichen Behörden, die uns in allen Belangen unterstützten und die Leipziger Messe als wichtigen Wirtschaftsfaktor in der Region ansehen.

Für uns alle war die Situation in den letzten Monaten neu und erforderte viel Geschick im Umgang mit Ausstellern und Besuchern. Hinter jedem dieser Messebeteiligten liegen menschliche Schicksale, so dass ich nicht alle Fragen bis ins Detail beantworten konnte. Unser Fazit ist jedoch: Wenn alle an einem Strang ziehen, kann man viel erreichen!

Wie viele Aussteller sind dieses Jahr im Vergleich zum Vorjahr auf der Messe? Und: Haben Sie mit mehr Anmeldungen gerechnet?

A. Z.: Die genannten Faktoren hatten natürlich einen starken Einfluss auf die Ausstellerzahl. Außerdem schreckten das mediale Hin und Her und die Tatsache, dass jedes Bundesland unterschiedlich entscheidet, einige Lieferanten ab. Manche Unternehmen stellen dieses Jahr gar nicht aus. Auch konnten wir Gemeinschaftsstände aus dem Ausland, wie Russland im letzten Jahr, aufgrund von Corona und den dadurch bedingten Absatzschwierigkeiten hier nicht begrüßen. Länder wie Ungarn haben die Grenzen wieder geschlossen, in Österreich ist die Situation auch schwierig. Einige Messen wurden verschoben, andere wie die Nordstil auf den gleichen Termin wie die MIDORA gelegt.

All diese Faktoren waren nicht günstig. Allerdings sind dieses Jahr nur 25% weniger Aussteller auf der MIDORA als 2019 und das ist unter den Bedingungen ein akzeptables Ergebnis. Viele Aussteller sind seit Jahren auf der MIDORA und haben hier ein ganz treues Fachpublikum.

Wie sieht es mit der Besucherzahl aus? Sind Sie zufrieden mit der bisherigen Menge an Gästen und der Anzahl der Vorregistrierungen?

A. Z.: Was die Besucher angeht, bin ich – unter den jetzigen Bedingungen – positiv überrascht. Die Zahlen waren bei der Vorregistrierung so hoch wie die der Besucher im Vorjahr, was wir nicht erwartet hatten. Ich gehe zwar dennoch insgesamt von einem leichten Rückgang aus, aber nicht so stark, wie wir es im Juni noch befürchtet hatten. Die Stimmung war überwiegend positiv bei Ausstellern und Fachhändlern.

Hat die gleichzeitig stattfindende Messe Nordstil in Hamburg Ihnen Aussteller und/oder Besucher geklaut?

A. Z.: Besucher hat die Nordstil uns nicht weggenommen, denn das Angebot ist dort ein anderes. Allerdings haben wir den einen oder anderen potenziellen Neuaussteller nicht gewinnen können, der mit dem Gedanken gespielt hatte, dieses Jahr hier bei uns mit dabei zu sein.

Wie Hamburg ist auch Hofheim-Wallau weit entfernt. Hat die Uhren & Schmuck-Messe INOVA Collection, die letztes Wochenende dort stattgefunden hat, trotz der Distanz eine Auswirkung auf die Leipziger Uhren & Schmuck-Messe?

A. Z.: Ich sehe die INOVA Collection nicht als Konkurrenzmesse an. Vielmehr halte ich sie für eine Messe für den dortigen Markt, die gebraucht wird. Und: Jede Messe, die stattfindet, hilft uns weiter. Jede Messe, die abgesagt werden muss, schadet. Wenn der eine oder andere Besucher aus unserer Region nach Wallau fährt, dann kommt auch der eine oder andere aus Frankfurt nach Leipzig. Wir als Messeveranstalter möchten der Branche Mut machen: Veranstaltet Messen!

Natürlich ist dafür ein gutes Hygienekonzept notwendig. Ob das Wallau ist, München, Berlin, Hamburg oder Leipzig – die Leute wissen, wo ihre Klientel ist und wo sie hinfahren müssen.

Und noch ein Plus für Messen: Nur Produkte, die gesehen werden, werden auch gekauft.

Wurde der auf der MIDORA und CADEAUX veranstaltete E-Commerce Campus gut angenommen?

A. Z.: Ja, das Angebot wurde insgesamt gut besucht. Einige Messen bieten derzeit ja kein Rahmenprogramm. Wir haben uns dazu entschieden, dennoch einige interessante Veranstaltungen zu organisieren. Bezüglich des E-Commerce Campus arbeiten wir eng mit der Händlerbund Management AG zusammen, in der mittlerweile über 80.000 Kunden deutschlandweit betreut werden.

Eine große Mehrheit der Aussteller hat uns gegenüber ein positives Feedback zur MIDORA gegeben. Doch könnten es noch mehr Aussteller und auch Besucher sein. Sehen Sie hier Wachstumspotenzial?

Und: Welchen Einfluss hat die derzeitige Situation im Uhren & Schmuck-Markt darauf?

A. Z.: Für das kommende Jahr sehe ich wieder Wachstumspotenzial. Ich glaube, dass wir in Deutschland gut durch die Krise kommen werden – im Gegensatz zu manchen anderen Ländern. Viele Events und Hochzeiten, bei denen Schmuck eine Rolle spielt, wurden auf nächstes Jahr verschoben. Da gibt es bald einigen Nachholbedarf, daher sehe ich die kommende Zeit sehr positiv und bin zuversichtlich für unseren Markt. Nicht alle Marktveränderungen haben unbedingt etwas mit Corona zu tun, sondern teilweise wurden längst fällige Entscheidungen getroffen.

Unsere Aussteller berichten, dass der Einzelhandel schon stark angekurbelt wird, weil viele Deutsche dieses Jahr ihren Urlaub in unserem Land verbringen. Nicht nur die Frequenz in den Geschäften ist besser, sie kaufen höherwertige Produkte. In den Urlaubsgebieten der neuen Bundesländer wie dem Harz, der Mecklenburger Seenplatte oder der Ostsee ist die Frequenz der Kunden im Moment sogar sehr hoch. Ich glaube, dass das in den nächsten zwei Jahren auch anhalten wird. Das internationale Reisen wird sicher nicht so schnell wieder anziehen. Die Leute sind insgesamt vorsichtiger und bewusster in ihren Entscheidungen geworden.

Welche Ziele haben Sie für die nächsten Jahre? Und: Welche Möglichkeiten sehen Sie, das Ruder wieder rumzureißen, um in Zukunft noch mehr Aussteller und Besucher anzuziehen?

A. Z.: Wir sind selbstverständlich bemüht, die Plattform für Aussteller, Besucher und Multiplikatoren zu halten und wieder auszubauen. Ein Hauptproblem ist, dass der Einzelhandel in Deutschland nicht mehr wächst. Stattdessen gibt es Geschäfte, die keine Nachfolger finden. So versuchen wir derzeit, die Zahlen mindestens zu halten. Für uns ist es wichtig, dass die Marken, die bereits hier sind und viele Besucher anziehen, bleiben. Dazu zählen z.B. Klaus Beyse, BOCCIA Titanium, O & K Müller, Storch, Christoffel. Wenn das gelingt, kommt jedes Jahr der eine oder andere Aussteller noch dazu, wie dieses Mal z.B. Emil Weis Opals oder andere.

Sie hatten dieses Jahr hohen Staatsbesuch hier in Leipzig. Petra Köpping, Staatsministerin für Soziales und Gesellschaftlichen Zusammenhalt, und Martin Dulig, Staatsminister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr und stellvertretender Ministerpräsident, haben die CADEAUX und MIDORA am Samstag eröffnet und sich dabei sehr stark für die Messen ausgesprochen. Können Sie uns etwas zu dem Hintergrund des Besuchs erzählen?

A. Z.: Das Land Sachsen ist mit 50% an der Leipziger Messe beteiligt und die Stadt Leipzig ebenfalls mit 50%. In dieser besonderen Situation, dass wir während der Corona-Pandemie Messen veranstalten, hat es sich die Politik nicht nehmen lassen, hier vor Ort zu sein. Die CADEAUX war die letzte Messe, die in Leipzig vor dem Covid-Shutdown stattfand und ist auch wieder die erste Messe – diesmal gemeinsam mit der MIDORA – die wir danach veranstalten. Die beiden Politiker wollten der Branche Mut machen und genau das ist ihnen auch sehr gut gelungen. Sie sind bodenständig, suchen den Dialog und haben auf ihrem Rundgang tolle Gespräche mit mehreren Lieferanten geführt. Das kam bei unseren Ausstellern sehr gut an. Mit dem Besuch haben wir auch ein sehr hohes mediales Interesse geweckt, das bis zum Endverbraucher reicht – die Süddeutsche Zeitung, die FAZ und der MDR waren zu Gast.

Wird Ihrer Einschätzung nach Corona auch bei der nächsten MIDORA noch eine Rolle spielen?

A. Z.: Ich gehe davon aus, dass die Hygienemaßnahmen auch noch im nächsten Jahr auf unseren Messen relevant sein werden. Selbst wenn sich im nächsten Jahr geschätzte 80% der Bevölkerung impfen lassen und Corona nicht unbedingt mehr eine Rolle spielt, sind die Menschen doch vorsichtiger geworden und dem muss man bei allen Konzepten in Zukunft Rechnung tragen.

 

Andreas Zachlod bringt am Ende unseres Interviews auch noch persönliche Gruß- und Dankesworte ein: Mein ganz persönlicher Dank gilt natürlich den Ausstellern, Besuchern und Servicepartnern unserer Fachmessen. Ich möchte mich auch ganz herzlich und persönlich bei den vielen Verbänden bedanken, die uns seit Jahrzehnten mit Aktionen unterstützen und die MIDORA als ihr 'Zuhause' betrachten. Ein besonderer Dank an 'markt intern', die immer vor Ort, persönlich engagiert, die Themen der Branche kommunizieren und das mit viel Liebe zum Detail. Bleiben Sie gesund und optimistisch! Sollten Sie die MIDORA verpasst haben, dann lade ich Sie schon für das kommende Jahr ein vom 4. bis 6. September 2021.

 


Wir möchten Herrn Zachlod herzlich danken, dass er uns während der MIDORA 2020 für dieses Interview zur Verfügung stand!


Sandra Kinder, M.A.
Chefredakteurin
Dipl.-Ing. Monika Schlößer
Chefredakteurin

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