Werner Böhnke über Griechenlandrettung, Niedrigzins und Steuerpolitik

26.08.2015
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markt intern: Herr Böhnke, es lässt sich kaum vermeiden, heute mit einem Thema zu beginnen, das Sie auch als Vorstandsvorsitzender der WGZ BANK langjährig begleitet hat, Griechenland. Unterstellt, Sie wären Bundestagsabgeordneter und hätten am 19. August über das dritte Rettungspaket für Griechenland abzustimmen gehabt, wie hätten Sie abgestimmt?

Werner Böhnke: Ich kann darauf nur auf Basis all dessen antworten, was ich an Informationen habe. Ich weiß nicht, was den Abgeordneten vielleicht noch entre nous gereicht worden ist, was dem Publikum vorenthalten wird. Nach allem, was mir an Informationen zugänglich ist, hätte ich mich nicht bereit erklären können, zuzustimmen. Und zwar aufgrund des Geschehensablaufs, den wir vor der Entscheidungsfindung gesehen haben. Ich erwähne die Positionierung der griechischen Regierung und den zum Ausdruck gebrachten Wunsch des Volkes. Und wer sich mit den Gesetzen der Mathematik ein wenig vertraut sieht, wird sich angesichts dessen, was dieses Land an Bruttosozialprodukt erwirtschaftet, an Beträgen erwirtschaftet, die für Zins und Tilgung am Ende zur Verfügung stehen könnten, schwer tun festzustellen, das Ganze sei rückzahlungsfähig. Aber es gilt ja auch das von der Politik mehrfach zum Ausdruck gebrachte Gebot, in der Europäischen Währungsunion würden keine Staatskredite ausfällig werden. Verschwiegen wird dabei, dass viele Banken aufgrund der staatlicherseits erbetenen Bereitschaft, auf die Rückzahlung zu verzichten, schon sehr viel an Krediten haben ausbuchen müssen. Ich habe damals als Bankvorstand eine völlig neue Erfahrung machen müssen. Ich musste zur Kenntnis nehmen, dass ein Rückzahlungsversprechen eines europäischen Finanzministers zum ersten Mal nicht eingelöst worden ist. Ich will das gar nicht werten, sondern nur nüchtern festhalten, dass dies ein Dammbruch war. Ich gehörte spätestens ab diesem Zeitpunkt zu denen, die überhaupt nicht einsehen konnten, warum wir Firmenkredite adäquat, wie es so schön heißt, mit Eigenkapital zu unterlegen haben und Kredite an die öffentliche Hand respektive an Staaten von dieser Pflicht unberührt bleiben. Wenn solche Kredite ganz offenkundig doch vom Ausfall bedroht sind, dann muss ich als Kaufmann, losgelöst davon, ob der Gesetzgeber das zur Vorschrift macht oder nicht, diese Kredite mit Eigenkapital unterlegen. Ich will nicht verhehlen, für mich war das ein Ereignis der besonderen Art. Ich habe in 40 Jahren Berufsleben, davon 35 Jahren Vorstandstätigkeit, nicht erlebt, dass in diesem Maße öffentliche Schulden nicht zurückgezahlt werden. Ich glaube, wir laufen in die große Gefahr hinein, dass als Signal erkennbar wird, man müsse sich in den entscheidenden nächtlichen Runden in Brüssel nur gut aufs Pokern verstehen. Ich fürchte, es wird um die Disziplin, die Finanzdisziplin, vielleicht auch anderer Länder nicht gut bestellt bleiben, denn auch schlechte Beispiele machen Schule. Sie haben in Ihren Publikationen hinreichend beschrieben, dass vieles von dem, was in den europäischen Verträgen, nicht nur in Maastricht, verankert ist, vielerorts gebogen wird.

mi-Herausgeber Olaf Weber (li), Werner Böhnke und Chefredakteur Mittelstand Dr. Frank Schweizer-Nürnberg (re)

mi: Die Kriterien halten wir auch in Deutschland unverändert nicht ein, jedenfalls soweit es die 60-Prozent-Grenze der Staatsverschuldung betrifft. Griechenland ist davon Lichtjahre entfernt. Der Leiter des HWWI, Herr Prof. Dr. Vöpel, war im Juni unser Redaktionsgast und hat zu diesem Thema unter anderem gesagt, es sei politisch unredlich, einerseits einen Schuldenschnitt auszuschließen, andererseits zu behaupten, Griechenland könne seine Schulden nicht zurückzahlen. Würden Sie es befürworten, offen und ehrlich zu sagen, ohne wirklich effektiven Schuldenschnitt wird die Rettungspolitik entweder ein Fass ohne Boden oder irgendwann doch zum Grexit führen?

Böhnke: Nach allem, was ich an ökonomischen Daten und an von mir so eingeschätzten Entwicklungsmöglichkeiten sehe, ist am Ende die Tragfähigkeit nicht gegeben. Die Erfahrung lehrt, Dinge, die zu geschehen haben, nicht auf morgen zu verschieben. Aufschieben ist vielleicht für den Augenblick eine Lösung, löst aber die Schwierigkeiten nicht, sondern das Problem bleibt im Raum und wird sich nach meiner Erfahrung nur verschärfen. Ganz am Ende ist dies auch ein psychologisches Phänomen. Sofern die Betroffenen keine Chance sehen, zu geordneten ökonomischen Verhältnissen zu finden, darf man sich nicht wundern, wenn die Bereitschaft, sich anzustrengen, bei ihnen limitiert bleibt. Sofern sich dagegen eine echte, eine realistische Chance zeigt, die Dinge zu richten, dann setzt eine ganz andere Kraft, eine ganz andere Bereitschaft ein, sich einzubringen. Das ist, glaube ich, der entscheidende Punkt. Ich verweise in diesem Zusammenhang gerne darauf, was wir in Deutschland erlebt haben. Es gab eine Zeit, da wurde von Deutschland als dem kranken Mann Europas gesprochen. Ich habe mich damals gefragt: Ist das wirklich so? Sind wir wirklich so am Boden? Dann gab es Reformen und die Agenda 2010. Das waren, wenn ich das mit Verlaub sagen darf, keine wirklich tief greifenden, es waren smarte chirurgische Eingriffe ins Sozialsystem dieses Landes. Aber sie haben eine Wirkung entfaltet, die unverkennbar ist. Sie haben dieses Land wieder in eine ökonomische Entwicklungsphase getragen, aber sie haben gleichzeitig eine große deutsche Volkspartei in eine Identitätskrise geführt, die bis heute anhält. Da kann man schon an manchen Stellen nachdenklich werden, wenn man sich vor Augen führt, wie die Funktionalität unserer demokratischen Willensbildungsprozesse abläuft. Eine Regierung, die unangenehme Entscheidungen verkündet, eine Regierung, die unangenehme Entscheidungen irgendwann beschließt und die sie gar umsetzt, stellt sich fast den Garantieschein dafür aus, dass die nächste Wiederwahl, ich sag es mal vorsichtig, gefährdet ist. Dass auch Deutschland nach wie vor die Maastricht-Kriterien nicht vollständig erfüllt, wird in den anderen Ländern gerne als Legitimation herangezogen, auch sich selbst nicht sklavisch an die Vorgaben zu halten. Wie viele Staaten in Europa halten die 60-Prozent-Marke ein? Wie viele Staaten in Europa haben über 100 Prozent Verschuldung des Bruttosozialproduktes? Dass die dreiprozentige Neuverschuldung in den jeweiligen Haushalten eine ernstzunehmende Größe ist, hat man auch nicht feststellen können. Immer wieder gibt es Argumente, die ein Abweichen von der Drei-Prozent-Grenze gestatten. Das hat Folgen auf die von mir als wichtig erachtete Disziplin. Das ist im Wirtschaftsleben genauso. Wir stellen Budgets auf, um uns daran zu halten. Budgets nicht einzuhalten, kann man temporär akzeptieren, aber nicht dauerhaft.

Werner Böhnke zu Gast in der 'markt intern'-Redaktionskoferenz

mi: Sie haben eben angesprochen, welche Wirkungen bestimmte Entscheidungen haben können, welche Impulse davon ausgehen können. Eine Wirkung, die wir im Zuge dieser europäischen Staatsschuldenkrise haben, ist die Niedrigzinspolitik der EZB. Wir dürfen einmal zitieren, was Sie 2002 an dieser Stelle als Gast der Redaktion gesagt haben: „Kreditgeschäft ist Kernbusiness der Banken, es gibt nur zwei Säulen des Ertrags, das Kreditgeschäft und die Fristentransformation.“ Wie sollen Banken Fristentransformation bei einem Zins von 0,05 Prozent betreiben? Wozu führt diese Politik des billigen Geldes?

Böhnke: Es wird davon abhängen, wie lange wir diese Phase der niedrigen Zinsen sehen. Wenn Kreditinstitute keine Zinsmarge erzielen, weil langfristiger Zins und kurzfristiger Zins nah beieinander liegen, dann fällt die wichtige Ergebnissäule des Zinsertrages peu à peu weg. Für eine alternative Anlage im Wertpapierdepot gibt’s auch keine relevanten Zinsen mehr. Wem also nutzt die Niedrigzinsphase? Jeder wird unschwer erkennen, wer in den unmittelbaren Genuss kommt. Dass der Bundeshaushalt sich mit weitgehend ausgeglichenen Zahlen zeigt, ist auch dem Umstand zuzuschreiben, dass die Zinsaufwendungen deutlich gesunken sind. Und wem schadet sie? Erkennbar dem Sparer. Ich will jetzt gar nicht auf das Thema der Altersversorgung eingehen, die massiv berührt werden wird, übrigens auch in vielen Unternehmen, die die Altersvorsorge für ihre Mitarbeiter, die Pensionsrückstellungen, mit einem ganz anderen Zins werden rechnen müssen. Es ist auch für Banken eine ganz neue Herausforderung oder besser gesagt für die Tausenden von Mitarbeitern, die an den Countern stehen, und den Kunden erklären müssen, warum die Banken diesen Zins stellen. Ich fürchte, wenn die Phase lange anhält, werden wir uns an viele neue Umstände gewöhnen müssen. Ich will es mal so sagen, wahrscheinlich werden wir in den entwickelten Ländern nie mehr solche Zinsniveaus sehen wie vor der Krise. Perspektivisch wird es deutliche Folgen haben in den Ertragssituationen jener Banken, die daraus ihre Erträge finanzieren und generieren, besser gesagt, die Einlagen aufnehmen und Kredite herausgeben. Das werden namentlich Sparkassen sowie Volks- und Raiffeisenbanken sein, die schon jetzt große Anstrengungen unternehmen müssen, ihre Ertragssäulen zu halten. Hinzu kommt noch, dass sie sich mit Blick auf das große Feld der Regulatorik auch Aufwendungen und Belastungen ausgesetzt sehen, die die Ergebnislage von dieser Seite her belasten. Diese Niedrigzinspolitik stellt insgesamt keine gute Entwicklung dar. Sie wird zu Fehlallokationen führen, weil die Signalfunktion des Zinses weitgehend abhanden gekommen ist.

mi: Die Regulatorik belastet in Deutschland ausgerechnet die Banken besonders stark, die sich in der Finanzkrise und bei der Mittelstandsfinanzierung stabil gezeigt haben. Wie wirkt sich die europäische Bankenaufsicht auf die WGZ BANK aus?

Werner Böhnke

Böhnke: Die WGZ BANK ist als bedeutendes Kreditinstitut der unmittelbaren Aufsicht der EZB unterworfen, aber wir haben natürlich auch andere Adressen, mit denen wir insoweit kommunizieren. Das ist nach wie vor die BaFin, das ist nach wie vor die Bundesbank. Dann gibt’s in London die EBA und in Paris jene Institution, die das Wertpapiergeschäft beaufsichtigt. Also wir haben eine ganze Reihe von Aufsichtsbehörden, die sorgsam das unternehmerische Geschehen des Hauses WGZ BANK beobachten. Nicht ganz so stark, aber durchaus auch belastend ist die Aufsicht bei den Volks- und Raiffeisenbanken. Ich kann mich noch lebhaft an die Kommentare erinnern, die wir in der Diskussion über Basel II hatten. Damals war Herr Welteke Bundesbankpräsident, Edgar Meister war für Bankenaufsicht in der Bundesbank zuständig. Mit Basel II machen wir unsere Welt sicherer, hieß es. Inzwischen haben wir Basel III bekommen und ich hab die gleichen, ich formuliere jetzt salopp, Strophen, die gleichen Textbausteine wieder gehört. Und ich werde wahrscheinlich gemeinsam mit Ihnen beobachten, dass man irgendwann sagt, wir werden Basel IV machen müssen. Die Ursachen dieser Finanzmarktkrise, die zu diesem Rollout, wie man neudeutsch sagt, dieser unglaublichen Regulatorik geführt haben, sind nicht bei den Volks- und Raiffeisenbanken zu finden. Das wird man wirklich ohne Widerspruch sagen können. Ich würde auch sagen wollen, dass ist nicht auf die WGZ BANK zurückzuführen. Ich glaube, die tatsächlichen Exzesse, die wir gesehen haben, kriegt man wahrscheinlich auch durch die jetzt verankerte Regulatorik am Ende nicht in den Griff. Ich sage es ganz deutlich, nach allem was jetzt auf dem Tisch liegt, kommt man nicht um die Feststellung umhin, dass ganz offensichtlich die systematische Übervorteilung des Geschäftspartners bei gewissen Adressen essentieller Bestandteil des Geschäftsmodells war. Da können Ihnen Investmentbanker in London manche Story erzählen. Gelegentlich frage ich in unseren Kreisen, wie kommen wir uns eigentlich vor. Wir, die Bankkaufleute, ich nehme für mich in Anspruch, Bankkaufmann zu sein, eingeschlichen hat sich ja der Begriff Banker, wie kommen wir uns vor in unserer Rolle, wenn wir registrieren, dass keine Branche einer derartigen Regulatorik und Aufsicht unterworfen ist, wie die unsrige? Müssen wir nicht von uns heraus alles tun, damit es dieser Regulatorik nicht bedarf? Was mich mit großer Sorge erfüllt, das sag ich jetzt mit Blick auf Volks- und Raiffeisenbanken, vielleicht auch mit Blick auf die WGZ BANK, ich beobachte, dass diese Unternehmen im Augenblick nur und permanent mit der Frage konfrontiert werden, was eigentlich alles schief gehen kann. Wo kann ein Risiko stecken? Was ist gefährlich an dem Geschäft? Warum sollten wir dieses Geschäft vielleicht nicht machen? Ich habe gelernt, unternehmerisches Tun beschreibt sich darin, unentwegt nach Chancen Ausschau zu halten und danach den Blick darauf zu werfen, mit welchen Risiken dies verbunden sein könnte. Unternehmerisches Wirken, das habe ich immer für die WGZ BANK propagiert, heißt, die eigenen Kunden erfolgreich zu machen! Mache Deinen Kunden erfolgreich, dann wirst auch Du erfolgreich sein.

mi: Wie bewerten Sie den Kontrast, dass sich einerseits Banken so stark reguliert sehen, sich andererseits die politischen Entscheidungen kaum einer Regulierung unterwerfen müssen? Während sich Unternehmen zwangsweise an die ihnen aufgegebenen Pflichten zu halten haben, verletzt die Politik ihre eigenen Spielregeln, ohne dass dies Konsequenzen hätte.

Böhnke: Das ist eine Betrachtung, die ich gelegentlich zu abendlicher Stunde anstelle. Ich registriere, dass von den einen sklavische und detaillierte Beachtung all dessen verlangt und erwartet wird, was die Norm ist, und dass auf der anderen Seite Normen und verabredete Maßgaben weniger streng beachtet werden. Das ist für mich ein offenkundiger Widerspruch, den ich, wie Sie das zum Ausdruck gebracht haben, voll teile. Wir sehen ja, was mit den Vereinbarungen auf europäischer Ebene immer wieder gemacht wird. Eine Bank hätte im Rahmen der Regulierung, die sie zu beachten hat, meines Erachtens keine solchen Möglichkeiten.

mi: Sie haben eben unternehmerische Verantwortung sehr schön beschrieben. Da fällt uns ein Erlebnis aus Neustadt an der Weinstrasse ein. Dies ist eine 1a-Einkaufsstadt. Anlässlich eines Besuchs zur Auszeichnung der Stadt sind wir auf der Strasse dem Leiter der dortigen Sparkassen begegnet. Er wurde uns durch den örtliche Betreuer des Projektes vorgestellt, der ihn ganz gut kannte. Der Projekteiter hat ihn ironisch gefragt, „Na, bist du auch so ein Schuft wie die anderen Banker, die schlimme Dinge gemacht haben?“ . Seine Antwort war: „Nein, auf keinen Fall, ich will ja meinen Kunden noch ins Gesicht schauen können.“ Wäre das auch Ihr Credo hinsichtlich der unternehmerischen Verantwortung?

Böhnke: Ja, absolut. Nehmen wir mal das Beispiel London. Da sehe ich junge Menschen, die haben eine tolle theoretische Ausbildung. Die haben ein Budget, darüber würde jeder Volksbankvorstand sich wundern, die haben einen ökonomischen, pekuniären Aktionsradius, da wird einem bissweilen schwarz vor Augen. Dann habe ich den Volksbankvorstand, der vielleicht eine 400/500 Millionen Bank leitet. Der macht mit seiner Mannschaft nichts anderes, als die Einlagen aus der Region aufzunehmen und sie als Kredite in die Region zu geben. Dort findet das Geschäft face to face statt. Sie schauen dem Einleger ins Gesicht und wissen, der ist auch noch morgen und übermorgen da, weil eine Volksbank, eine Sparkasse nicht weglaufen kann. Und deswegen greift genau das, was Sie geschildert haben. Die Exzesse, die wir gesehen haben, die werden wir wahrscheinlich sehen, solange es Menschen gibt. Ich habe da auch keine Lösung. Mich treibt die Sorge, welchen Personen wird gerade in unserem Metier Macht übertragen. Pekuniäre Macht, unternehmerische Macht. Wer befasst sich mit dem Charakter der Akteure, die auf den Stühlen Platz nehmen und Möglichkeiten haben, mit denen sie fast die Finanzwelt aus den Angeln nehmen können? Es wird die fachliche Kompetenz geprüft, es wird die internationale Sprachfähigkeit geprüft, es wird gefragt, was der Kandidat bisher gemacht hat. Aber gelten für ihn Gesetze wie Anstand, Ehrlichkeit, Moral, Pflicht oder ist er sehr auf sich konzentriert und versucht, es im Amt für sich zu optimieren und die Möglichkeiten des Amtes zu missbrauchen? Ich komme zu dem Ergebnis, dass wir viel stärker in diese Richtung denken müssen. Macht ist durchaus auch etwas Positives. Macht ist Gestaltungskraft, ist die Fähigkeit und Möglichkeit, Dinge auf den Weg zu bringen.

mi: Lassen Sie uns noch einmal zum Niedrigzins zurückkommen. Altersvorsorgeexperten betonen, auch wenn der Zins noch so minimal ist, umso notwendiger sei das Vorsorgesparen für die Bevölkerung. Was empfehlen Sie mittelständischen Unternehmern und deren Arbeitnehmern? Was sollten sie in einer Situation wie heute eigentlich zur Altersvorsorge tun?

Böhnke: Zuerst will ich den Hinweis unterstreichen, dass der niedrige Zins nicht davon abhalten darf, Vorsorge zu betreiben. Der Zins war immer gewissermaßen die Ergänzung dessen, was angespart worden ist. Diese Ergänzung fällt jetzt weg. Deswegen darf man aber nicht darauf verzichten, für das Alter vorzusorgen. Zweite Bemerkung: Altersvorsorge ist ein langfristiges, kein kurzfristiges Thema. Ich würde nie sagen, gehen Sie in diese oder jene Anlageform, sondern ich sage mit Blick zurück auf 30 Jahre Erfahrung, es gilt das alte Gesetz, lege nicht alle Eier in einen Korb, sondern diversifiziere, wie das neudeutsch heißt, in den Anlageformen. Mache ein bisschen in Immobilien, das können auch Fondsanteile sein, mache ein bisschen Liquidität, mache ein bisschen langfristiges Sparen, mache ein bisschen Aktien, kurz sorge für eine gesunde Streuung. Es wird immer wieder so sein, dass ich Segmente habe, die laufen nicht so gut, manchmal temporär, manchmal auch zehn Jahre nicht. Das muss ich ausfedern können, denn es wäre mit Blick auf die Altersversorgung geradezu hochgefährlich, wenn ich nur auf ein Segment gesetzt hätte und zehn Jahre vor meinem Eintritt ins Rentenalter würde gerade dieses Segment nicht so gut performen. Das wäre dann im Nachhinein fast tragisch.

mi: André Kostolany hat sinngemäß immer gesagt, Aktien kauft man und legt sie 25 Jahre ins Depot, um sich dann den Gewinn abzuholen. Dazwischen solle man sich die Kurse gar nicht anschauen. Das war zu seiner Zeit wahrscheinlich psychologisch leichter möglich als heute, wo Aktien selbst bekanntester Indizes einer hohen Volatilität unterliegen.

Böhnke: Wer in den Aktiensegmenten unterwegs ist, da haben unter anderem auch die Banken die Pflicht zur Aufklärung, hat es ganz am Ende auch mit einem wirtschaftlichen Grundverständnis zu tun. Man muss sich abgewöhnen, auf die Tageskursentwicklung zu schauen. Wichtig ist, dass denjenigen, die im Aktiensegment platziert sind, bewusst ist bzw. vermittelt wird, orientiere Dich nicht an Tagesbewegungen, sondern begreife eine Aktienlage als langfristige Teilhabe an den Unternehmen, an denen Du Aktien hältst. Als ich in den 60er Jahren im Banking anfing, waren Aktienentwicklungen fokussiert auf die Unternehmen. Man wusste, ich halte dieses Unternehmen in der Branche für erfolgreich. Heute haben wir Aktienkursbewegungen, die nicht primär von der Entwicklung des Unternehmens beeinflusst werden, sondern von völlig anderen Einflüssen. Kollabiert der Aktienmarkt in China, bricht auch der Aktienmarkt in der Schweiz ein. Und beleuchten Sie dann mal die Wirtschaftsbeziehungen der Schweiz zu China. Da kommen auch die technischen Programme mit ihrer Wirkung voll zur Geltung. Werden die so genannten Stop-Loss-Linien gebrochen, setzen automatische Verkaufsprogramme ein und der Effekt verstärkt sich. Am Ende gilt aber meine Aussage, vernünftigerweise führt langfristig kein Weg an Aktien als Vermögensanlage vorbei.

mi: Zum Stichwort Altersvorsorge gehört auch die unsägliche Abschaffung der Spekulationsfrist für Aktienverkäufe. Wir hatten im letzten Jahr Gottfried Heller als Redaktionsgast. Herr Heller beschäftigt sich als ehemaliger Partner von Herrn Kostolany seit Jahrzehnten mit der Vermögensanlage. Er hat in seinem Buch ‘Wege zum Wohlstand’ massiv kritisiert, dass der Staat mit der Einführung der Abgeltungsteuer die Spekulationsfrist für Wertpapierverkäufe, die früher zwölf Monate betrug, abgeschafft hat. Seitdem werden Daytrader genauso besteuert wie langfristig in Aktien investierte Altersvorsorgesparer. Herr Heller schreibt, ein Staat, der sich so verhalte, sei kein fürsorglicher Vater Staat, sondern ein unverschämter Rabenvater Staat. Es wäre schön, wenn Sie ihn und uns unterstützen würden, wieder eine Spekulationsfrist einzuführen, die durchaus auch fünf Jahre betragen könnte.

Böhnke: Ich schau mir das gerne einmal an und werde darauf zurückkommen.

mi: Um beim Thema Steuern zu bleiben, möchten wir gerne zitieren, was Sie 2002 anlässlich Ihres damaligen Redaktionsbesuches gesagt haben. Sie haben formuliert: „Die Regierung muss die Steuersätze drastisch senken und ein vorübergehendes Haushaltsdefizit in Kauf nehmen um das Wirtschaftswachstum anzukurbeln, damit sich dadurch Mehreinnahmen im Haushalt ergeben, die schließlich zu Haushaltsüberschüssen führen.“ Das ist nicht wirklich passiert, dennoch haben wir jetzt Haushaltsüberschüsse, allerdings nur, weil Herr Schäuble allein 15 Milliarden Euro jährlich an Zinsen für deutsche  Staatsanleihen spart. Auf der anderen Seite verfällt die Infrastruktur in Deutschland, die Brücken sind marode, in Teilen das Eisenbahnnetz und andere Dinge. Würden Sie auch heute fordern, der Staat sollte in der Steuerpolitik mutiger sein und nicht auf die schwarze Null schauen, sondern Neuverschuldung eingehen, um dieses Geld investiv einzusetzen?

Böhnke: Die in dem von Ihnen zitierten Satz beschriebenen Wirkungszusammenhänge haben sich für mich nicht verändert. Mein Credo lautet: Senke die Steuern, nehme temporär ein Weniger an Steueraufkommen in Kauf, bewirke damit wirtschaftliche Prosperität, auf dass sich die Bemessungsgrundlage für Steuern erweitert und am Ende trotz niedrigerer Steuersätze ein Mehr an Steuereinahmen verzeichnet werden kann. Von diesem Fünfsatz bin ich nach wie vor überzeugt. Man muss aber auch feststellen, die Steuerquellen sprudeln wie nie zuvor in diesem Lande. Deshalb will ich einen kurzen Blick auch auf das Ausgabenverhalten des Staates insgesamt werfen. Wenn Sie jährlich nur kursorisch im Bericht des Bundesrechnungshofes, blättern, dann muss man sich schon an manchen Stellen dem Tal der Verzweiflung zuwenden. Ich nehme mal das große Paket der Sozialausgaben. 1970 haben wir 70 Milliarden für Soziales ausgegeben. Ich glaube 2014 waren es 870 Milliarden, also über 30 Prozent des BIP wird für Soziales aufgewandt.

mi: In einzelnen Kommunen über 50 Prozent.

Böhnke: Da muss man sich vor Augen halten, ob dies richtig austariert ist und ob man nicht auch im Ausgabenverhalten des Staates Strukturen entdecken kann, die dringend verändert werden müssten. Was die Infrastruktur betrifft: Ich habe deren Niedergang schon vor 15 Jahren mit bloßem Auge wahrgenommen. Wer aufmerksam durch die Lande gefahren ist, dem konnte das nicht entgehen. Und heute stellen Sie fest, dass Sie über Brücken nur noch 40 km/h fahren dürfen, dass gewisse Straßen gar ganz gesperrt sind. Sie erhalten Spendenanfragen, ob Sie nicht Schulen unterstützen können, damit das Dach repariert werden kann. Das ist für eine reiche Nation, wie die unsere, eine beschämende Feststellung. Im Augenblick würde ich nicht antreten wollen, die Steuern zu senken, sondern für mich wäre das Ausgabenverhalten wirklich auf den Prüfstand zu stellen, so wie das jedes Unternehmen auch macht. Jedes Unternehmen geht regelmäßig mit seiner Aufwandsstruktur ins Gericht und schaut, ob alles noch richtig justiert ist. Und wenn das nicht reicht und große Ausgaben ins Land stehen, dann würde ich immer dafür plädieren, sich den zitierten Fünfsatz vor Augen zu führen. Es gibt Beispiele in der Welt, in denen das wunderbar funktioniert.

mi: Sie haben vorhin Immobilien als Anlageobjekte genannt. Es gibt viele Kreditnehmer, die auf ihre alten Kreditverträge schauen und sehen, dass sie heute ganz andere Konditionen am Markt bekämen. Das wiederum treibt die Verbraucherschutzverbände immer wieder an, das Thema Widerrufsjoker zu ziehen. Das ist offenbar auch für viele Anwälte ein dankbares Thema. Kleinste formelle Fehler tragen dazu bei, dass Verträge, auch wenn sie schon sieben, acht Jahre lang laufen, komplett rückabgewickelt werden können. Inwiefern ist auch die WGZ BANK von diesem Thema betroffen und wie geht sie damit um, wenn Kunden entsprechend an sie herantreten?

Böhnke: Wir als WGZ BANK sind davon praktisch nicht betroffen, weil wir als WGZ BANK mit Privatkunden direkt gar nicht oder kaum kontrahieren. Betroffen sein kann vielleicht das Mitglied der WGZ BANK-Gruppe, die WL BANK. Die WL BANK ist im privaten Hypothekargeschäft unterwegs. Bei ihr gibt es vereinzelt Kunden, die sich äußern und unter Einbindung auf sich aufmerksam machender Anwaltssozietäten Ansprüche begehren. Lassen Sie mich dazu eines sagen: Wie wäre die öffentliche Meinung, wenn wir als Banken, ich spreche jetzt mal unzulässig im Plural, uns mit Blick auf die Kunden so verhalten würden? Ich glaube, dann sähen wir uns einer öffentlichen Schelte ausgesetzt ohnegleichen. Nehmen Sie das umgekehrtes Beispiel: Der Kunde hat einen hoch verzinsten Sparbrief gezeichnet, dessen Laufzeit noch sechs Jahre beträgt. Angenommen, es gäbe eine Möglichkeit, sich als Bank nach der Rechtsprechung des BGH davon zu lösen, wenn dann Banken sich an den Kunden wenden würden, um wegen dieses einen Formfehlers den Vertrag zu kündigen, das gäbe einen Aufschrei ohnegleichen. Ich bin absolut dafür, dass wir uns rechtskonform bewegen. Da gibt es überhaupt keinen Punkt. Für mich berührt das elementar das Vertrauensverhältnis zum Kunden. Denn zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses waren beide Seiten davon überzeugt, das ist ein guter Deal. Niemand hat den Kunden gezwungen, zum Zeitpunkt des Abschlusses diesen Vertrag zu unterzeichnen. Der Kunde hat für sich zur Entscheidung gefunden, es ist gut, wenn ich mir diesen Zins jetzt sichere. Und niemand hat erwartet, dass wir eine Zinslandschaft wie die gegenwärtige sehen. Das berührt das Vertrauensverhältnis zwischen Kunde und Bank an der Stelle. Vertrag ist Vertrag.

mi: Das sehen wir teilweise anders. Die von Ihnen angenommene freiwillige Entscheidung des Kunden wird diesen oft von den Banken abgenommen. Es gibt aktuelle Fälle, da werden zwei Normalverdienern 650.000 Euro als Kredit vergeben, weil die Zinsen so niedrig sind. Diese Leute sagen ihnen, meine Bank hat mich so beraten. Verbraucher und Bankberater sind sich nicht immer aufgrund autonomer Entscheidungen einig, das Geschäft sei ein guter Vertrag für beide Seiten. Ein großer Teil der Endkunden nimmt den Bankberater als eine Instanz wahr, die ihm sagt, was für ihn gut ist. Diese Kunden glauben das und sind enttäuscht, sofern ihnen später in einem Urteil verkündet wird, dass sie etwas Falsches angenommen haben. Das Vertrauen, das eine Bank genießt, ist schon enorm.

Böhnke: Ich verstehe sie sehr gut und ich entdecke gar nicht so richtig, wo wir uns im Widerspruch befinden. Ich sprach von der intakten Kunde-Bank-Beziehung. Ich kenne auch solche Fälle, die Sie im Auge haben. Leider. Ich bin dann wieder bei meinem Satz von vorhin, den ich noch mal in Erinnerung rufen darf: Mache Deinen Kunden erfolgreich, auf dass sich Dein eigener Erfolg einstellt. Ich habe Zeit meines Berufslebens nach diesem Grundsatz gewirkt und er war auch meine Erwartungshaltung an meine Mitarbeiter. Es gibt auch das andere Gesetz unternehmerischen Wirkens, maximalen Erfolg fürs Unternehmen, koste es was es wolle. Das kenne ich auch. Ich sprach von dem Fall, in dem ich eine intakte Kunde-Bank-Beziehung habe, die langfristig ausgerichtet ist. Da wird kein Berater Interesse daran haben, Kunden zu übervorteilen. Ich weiß, dass es die anderen auch gibt. Hier müssen wir beide miteinander sehr sorgfältig darauf achten, nicht die negativen Beispiele, die Sie haben, sozusagen zu generalisieren, und ich darf nicht so weit gehen, die guten Beispiele, die ich habe, ebenfalls zu generalisieren, weil ich um diese Ausnahmen leider auch weiß.

mi: Bei der Ernennung zum ‘Kustos des mittelständischen Unternehmertums’ am 11. September 2002 haben Sie zum Thema Bürokratie gesagt: „Die Unternehmer werden zu kostenlosen Erfüllungsgehilfen des Staates gemacht und sie müssen verwalten, kontrollieren, berechnen und abführen und mit dem neuen Steuerverkürzungsbekämpfungsgesetz werden sie gar noch zum Steuereintreiber gemacht.“ Jetzt sind wir 13 Jahre weiter. Jeder der hier im Raum Anwesenden schreibt regelmäßig Beiträge, in denen Ähnliches formuliert wird. Wenn wir jetzt eine Bestandsaufnahme zur Bürokratiebelastung machen, wie lautet Ihr Fazit? Ist sie geringer geworden? Können wir in dem Bereich überhaupt etwas ändern?

Böhnke: Ich weiß nicht, ob wir etwas ändern können, ich will aber zunächst beantworten, es ist nicht besser geworden, ich kann keine Entlastung erkennen. Der administrative Aufwand im Sinne eines Erfüllungsgehilfen für staatliche Belange, der ist nach wie vor gegeben. Und schauen Sie sich die verschiedenen Versuche zu entbürokratisieren an. Wo sind sie denn gelandet? Der wertgeschätzte Herr Stoiber ist in Brüssel mit großen Ambitionen angetreten. Jetzt dürfen wir gemeinsam einen Blick darauf werfen, was trotz größter Anstrengungen, denen Herr Stoiber sich unterworfen hat, daraus geworden ist. Es fehlt an vielen Stellen der Mut, Dinge, die sich überholt haben, aufzulösen. Es gibt da so eine Art Naturgesetz. Das habe ich selbst in Wirtschaftsunternehmen, selbst in der WGZ BANK erlebt. Da musste ich eines Tages etwas unterschreiben, von dem ich mich gefragt habe, warum ich es unterschreiben sollte. Mir wurde geantwortet, es gebe eine entsprechende Vorstandsanweisung. Tatsächlich gab es einen Vorstandsbeschluss von 1989. Niemand hatte drüber nachgedacht, ob dieser vielleicht noch sinnvoll ist. Dieses Naturgesetz, so will ich es mal nennen, das beobachten wir in staatlichen Sphären noch viel stärker als in der freien Wirtschaft, die sich viel stärker dem Erwerbsprinzip unterworfen sieht. Ich habe fast den Glauben aufgegeben, dass wir da etwas ändern können. Man kann, darf und muss es dennoch permanent thematisieren.

mi: Herr Böhnke, kommen wir mal zu Ihrer Funktion als Vorstand der Raiffeisengesellschaft. Auf deren Website kann man nachlesen, die Raiffeisengenossenschaften erfüllten eine wichtige Funktion zum Erhalt des ländlichen Raumes durch die Versorgung ländlicher Gebiete mit Bedarfsgütern. Historisch bedingt betrifft dies vor allem die Versorgung mit landwirtschaftlichen Gütern. Zur Stärkung des ländlichen Raumes gehört aber zwingend auch der Erhalt des Fachhandels und das Fachhandwerks. Es zeichnet Deutschland aus, dass wir dezentral strukturiert sind, dass wir den ländlichen Raum haben. Dessen Funktionalität ist unbestreitbar gefährdet. Den berühmten Tante-Emma-Laden gibt es meist nicht mehr. Gelegentlich gibt es dafür Dorfgemeinschaftsläden, die von Genossenschaften betrieben werden. Wir erleben, dass Volksbanken und Raiffeisenbanken sowie Sparkassen Filialen schließen, weil die Kunden viele Bankgeschäfte am Computer erledigen. Wir sehen, dass der Onlinehandel zunimmt und der Umsatz des stationären Handels nachlässt. Wir haben deshalb die Aktion ‘Ich kaufe gerne vor Ort’ gestartet. Wir werben massiv dafür, Umsätze vor Ort zu tätigen und das Bewusstsein in der Bevölkerung dafür zu schärfen, wie sich ihr Verhalten volkswirtschaftlich auswirkt. Können Sie sich vorstellen, dies mit der Raiffeisengesellschaft oder über die Aktive Bürgerschaft, die Bürgerstiftungen des Volks- und Raiffeisenbankensektors, zu unterstützen?

Böhnke: Also ich fange mal mit dem letzten an. Das Thema Aktive Bürgerschaft, das wir seit vielen Jahren sehr erfolgreich auf den Weg bringen, hat für mich eine große Bedeutung. Ich kann mit großer Freude registrieren, welche Kraft bürgerschaftliches Engagement entwickelt hat, in wie vielen Städten bürgerschaftliches Engagement Platz greift, wo schlicht und einfach die Formulierung lautet, wir beklagen nicht die Unzulänglichkeiten unseres Einzugsgebietes, sondern wir nehmen Dinge selbst in die Hand. Wenn man an den richtigen Stellen ansetzt und die richtigen Dinge hinterfragt, kann man etwas bewirken. Ich will das nicht überhöhen. Es ist vielleicht der viel beschriebene Tropfen auf den viel beschriebenen heißen Stein, aber es zeigt zumindest partiell, was möglich ist, wenn man Dinge in die eigene Hand nimmt. Jetzt komme ich zu dem, was wir gerade in vielen Regionen beispielsweise im Westerwald erleben, die Entleerung der dörflichen Situation. Wenn sie mit den Leuten sprechen, sagt ihnen jeder, dies sei außerordentlich bedauerlich und schlimm, man müsse etwas tun. Ja, man. Und man ist niemand. Sofern man dann nachfragt, was könnten sie sich denn vorstellen zu tun, ist die Antwort relativ dürftig. Und wenn man sich dann das ökonomische Verhalten, also das Einkaufsverhalten vor Augen führt, sieht man, es wird eben nicht im Ort, sondern zur Optimierung des Einkaufsbudgets im zehn Kilometer entfernten Supermarkt eingekauft. Viele Menschen verstehen nicht, was das langfristig bedeutet. Langfristig bedeutet das auch, sie entwerten im Grunde genommen ihr Eigenheim, das sie im Örtchen haben. Sollte eines Tages keine Infrastruktur mehr da sein, können sie ihr Eigenheim in der Regel kaum noch veräußern. Dieses Grundverständnis von Wirkungszusammenhängen ist insgesamt sehr unterbelichtet in unserer Bevölkerung. Da versuche ich ein bisschen mit der Raiffeisengesellschaft anzuknüpfen. Für mich ist die Botschaft Raiffeisens nicht die oft zitierte Hilfe zur Selbsthilfe, sondern ich schaue auf die Jugend und sage, wenn ich etwas verändern will, dann muss ich bei der Jugend ansetzen und versuchen, dort etwas zu erreichen. Die Kernbotschaft Raiffeisens heißt für mich: Entdecke, was in Dir steckt, traue Dir etwas zu, nimm die Dinge in die Hand, streng Dich an und Du wirst feststellen, am Ende wird die Anstrengung für Dich den größten Speicher an Lebensqualität bringen. Vor einer Aufgabe zu stehen und zu glauben, sie sei kaum zu bewältigen, sie aber doch zu schaffen und dann innezuhalten, um festzustellen, wow, das hab ich erreicht, das ist am Ende wahre Lebensqualität. Lebensqualität ist nicht, in der Hängematte zu liegen und sich beträufeln zu lassen, sich nicht anzustrengen. Das versuche ich jungen Menschen über die Raiffeisengesellschaft beizubringen. Da können Sie den Brückenschlag zum Raiffeisen-Gymnasium vornehmen, mit dem wir junge Menschen ganz im Sinne Raiffeisens bilden wollen. Der Besuch der Stätten Raiffeisens zählt mit zum Pflichtprogramm. Dort lehren wir sie, wie funktioniert Wirtschaft, wie laufen politische Willensbildungsprozesse und was heißt es, in der Region vor Ort Verantwortung zu übernehmen, damit das Leben dort nicht verarmt. Ich fühle mich in dem Engagement dadurch bestätigt, dass ich viele schöne Beispiele entdecke, aber der große Trend, den wir sehen, ist anders. Jeder sagt, es müsse die Versorgung vor Ort erhalten bleiben, doch die meisten verhalten sich kontraproduktiv.

mi: Gibt es in der genossenschaftlichen FinanzGruppe die Überlegung, sich dieses Themas mehr anzunehmen? Viele Fachhändler sind entweder Kunde einer Sparkasse oder einer Volks- oder Raiffeisenbank. Wenn die alle als Kunden ausfallen, wird das auch für mittelständische Banken ein Problem. Die Prognosen gehen dahin, in den nächsten zehn Jahren würden 50.000 Handelsbetriebe verschwinden. Gibt es die Überlegung, gemäß Ihrer Devise, mache Deinen Kunden erfolgreich, etwas zu tun, um den Gedanken des Kaufs vor Ort für lokale Umsätze zu stärken?

Böhnke: Es gibt kein generelles Arbeitsprogramm bundesweit. Aber es gibt Volks- und Raiffeisenbanken, die ein sehr klares Bewusstsein dafür haben, dass sie auf die ökonomische Prosperität ihres Einzugsbereiches angewiesen sind und deswegen Initiativen ergreifen. Hier gibt es tolle Beispiele, aus denen ich die Volksbank Rhein-Ahr-Eifel mit ihrem jährlichen Wettbewerb ‘Wir sind Heimat’ herausgreifen möchte. Mit dem Wettbewerb wird vorbildlich darauf hingewirkt, Prosperität im regionalen Einzugsbereich auf den Weg zu bringen. Denn die Volks- und Raiffeisenbanken können nicht sagen, die ökonomische Prosperität vor Ort reicht nicht mehr, wir gehen jetzt nach Asien oder Lateinamerika. Auch wenn das regionale Engagement der einen oder anderen Bank sicherlich noch ausbaufähig ist, gehört die regionale Verankerung von Beginn an zum genossenschaftlichen Selbstverständnis. Die Volks- und Raiffeisenbanken sind lokal verankert und bleiben es auch.

mi: Lassen Sie uns noch über den Raiffeisen-Campus sprechen. Herr Lindner hat als einen Programmpunkt der FDP für die Bundestagswahl 2017 genannt, Deutschland müsse das weltbestes Bildungsangebot haben. Von dem weltbesten Bildungsangebot sind wir noch ein gutes Stück entfernt. Sie gehören mit zu den Initiatoren des Raiffeisen-Campus, eines privaten Gymnasiums, das von einer Genossenschaft als Schulträger betrieben wird. In der Schule hat es seit ihrem Bestehen, sie wurde 2011 gegründet, nicht eine Stunde Unterrichtsausfall gegeben. Gibt es eigentlich Nachfrager, die wissen wollen, wie sie das auch machen können oder müssen Sie zunehmend mit Widrigkeiten kämpfen, weil Sie mit der Schule erfolgreich sind?

Böhnke: Bei neuen Dingen ist die Schar der Skeptiker deutlich größer als die Schar derer, die sagen, es sei eine tolle Idee. Also gehen zunächst mal alle in die Warteposition, ob es gut geht. In Rheinland-Pfalz ist es so, dass sie als private Schule drei Jahre erfolgreich wirken müssen, bevor sie staatliche Begleitung bekommen können. Das war keine leichte Zeit. Ich beschäftige mich mit dem Bildungsthema in diesem Land seit vielen Jahren. Ein Beispiel dafür ist übrigens unsere WGZ BANK-Stiftung, die wir zum 125-jährigen Geburtstag der WGZ BANK gegründet haben. Deren Zweck ist die wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Bildung junger Menschen. Zurück zum Raiffeisen-Campus. Wissen Sie, ich beobachte mit beträchtlichem Erstaunen die politischen Diskussionen in diesem Lande. Es bereitet mir großen Kummer, dass in diesem hoch industrialisierten Land jährlich 400.000 junge Menschen die Schulen verlassen, die des Lesens, Schreibens und Rechnens nicht hinreichend mächtig sind. In anderen Ländern, in Indien beispielsweise, wird ungefähr jeden Monat eine Universität eröffnet. Was deshalb in den nächsten zehn, zwanzig Jahren auf uns zukommt, darüber wage ich keine positive Prognose. Wir wollen mit dem Raiffeisen-Campus ein Signal gegen viele Widrigkeiten setzen. Wir lehren die Menschen das, was ich vorhin erwähnt habe, also z. B. Wirtschaft. Vergleichen Sie das mit öffentlichen Schulen. Wo wird dort Wirtschaft gelehrt? Wirtschaftliches Wissen ist wichtig, damit man später auch weiß, was man tut, wenn man einen Kredit abschließt, damit man weiß, was es heißt, Ratenverpflichtungen einzugehen. Wir machen im Raiffeisen-Campus multilingualen Unterricht, das heißt vier Fremdsprachen, wobei auch Chinesisch als Fremdsprache eingebunden wird. Die zweite Fremdsprache nach Englisch ist nicht Französisch, bei allem Respekt vor den Franzosen, sondern Spanisch. Denn wenn ich mir den Globus anschaue und frage, wo sich in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren etwas tut, dann komme ich nicht umhin, die spanische Sprache als sehr relevant anzusehen. Und was sehr wichtig ist, das erklären die ausgefallenen oder besser gesagt nicht ausgefallenen Unterrichtsstunden, wir haben ein hoch engagiertes Lehrerteam. Ich habe nicht damit gerechnet, derart viel Interesse der Lehrerschaft bekundet zu bekommen. Es gibt noch sehr viele Lehrer, für die ist dieser Beruf wirklich Berufung. Und sie fühlen sich wohl, wenn sie sich aus allzu engen formalistischen Fesseln lösen dürfen. Dass keine Unterrichtsstunde ausfällt, hat auch damit zu tun, dass ein Maximum an Flexibilität an den Tag gelegt wird. Da klebt man nicht sklavisch am Stundenplan. Ist die Lehrerin für Mathe gerade nicht da, wird eben Englisch unterrichtet. Das ist an anderen Schulen, ich kann das nur so wiedergeben, wie es mir gesagt wurde, offenkundig ein bisschen schwieriger.

mi: Weil die zugegebenermaßen dann auch etwas größer sind. Dann wird es mit der Vertretung schwieriger.

Böhnke: Das mag sein. Aber ich finde die Begeisterung des Lehrerteams toll, das fasziniert mich. Wer junge Menschen etwas lehren will, der muss Begeisterung ausstrahlen. Wer vorne am Lehrerpult steht und dort eine gequälte Figur abgibt, der kann junge Menschen nicht fit machen für die Herausforderungen, die ihnen ins Haus stehen. Der Lehrer muss Begeisterung ausstrahlen. Heute lässt die Technik vieles zu. So wird beispielsweise in der Unterrichtsstunde Verbindung mit einem Forschungsschiff aufgenommen, das in der Antarktis cruist. Dadurch erleben die Schüler, wie dort geforscht wird, was dort gemacht wird, welche Untersuchungen angestellt werden. Das ist lebendiger Unterricht, und das fasziniert. Mit Faszination lernen sie begeisterter als ohne Faszination. Aber klar, es gab auch Vorbehalte. Wird das nicht eine Schule der Elitären? Steckt die Wirtschaft dahinter? Werden dort die nächsten Investmentbanker herangezogen, weil auch eine Bank dahinter steht? Ganz und gar nicht! Ich wundere mich im Übrigen, welchen gestörten Umgang mit dem Begriff Eliten wir in diesem Lande haben. Eliten, der Begriff ist zumindest etwas negativ belastet. Ich glaube, eine Prosperierung der Gesellschaft braucht Eliten, und zwar im wohlverstandenen Sinne, die verantwortungsbewusst unterwegs sind. Jede Gruppierung braucht jene, die vorangehen, einen Weg weisen, Visionen entdecken und beschreiben, die mutig sind. Das mögen dann die Eliten sein. Deswegen habe ich kein gestörtes Verhältnis zu Eliten. Für mich können Eliten etwas ganz Großartiges sein. Dinge, die sich entwickeln, brauchen Leute, die verantwortungsbewusst führen, Wege weisen, Richtungen aufzeigen und für gewisses Engagement auch faszinieren können.

mi: Wie ist denn das Bild, das die Öffentlichkeit von der Schule hat, heute?

Böhnke: Das hat sich ein Stück verändert. Ich bin noch nicht so weit zu sagen, sie hat jene Reflexion, die ich mir wünsche. Wir haben schon gewisse Ansprüche an die aufzunehmenden Schüler, was die Eingangsvoraussetzungen betrifft. Für uns ist am Ende nicht unbedingt das Zeugnis, das sie mitbringen, so entscheidend, sondern es gibt Aufnahmetests. Es gibt Aufnahmegespräche und auch die intensive Erörterung, das intensive Gespräch mit den Eltern. Denn wir wollen auch erreichen, dass es einen vernünftigen Dreiklang gibt in der Entwicklung des Kindes zwischen Kind, Eltern und Schule. Dass ein permanenter Austausch stattfindet, dass die Eltern sehr eng eingebunden sind in die Vorstellungen der Lehrer und gleichzeitig sichergestellt ist, dass nicht der eine gegen den anderen sozusagen ausgespielt werden kann. Die Eltern spielen eine ganz wichtige Rolle mit ihrem Beitrag zur Entwicklung des Kindes. Es soll Eltern geben, die gelegentlich verlautbaren lassen, für die Förderung meines Kindes haben wir doch die Schulen und die Lehrer. Die mögen sich darum kümmern. Wir sind der Auffassung, dies sei vielleicht nicht ganz sachgerecht. Deswegen ist dieser Dreiklang für uns so elementar.

mi: Wir hätte noch einen Vorschlag an Sie, der nur halbernst gemeint ist. Ergänzen Sie Ihre wirklich bewundernswerte Schule noch um einen weiteren Teil, der insbesondere Drehbuchautoren des öffentlich-rechtlichen Fernsehens fördert. Dann wird das Unternehmertum im öffentlich-rechtlichen Fernsehen vielleicht nicht mehr so diskreditiert, wie es derzeit häufig stattfindet. Im Tatort ist der Unternehmer zwar nicht immer der Täter, aber er ist mindestens Mithelfer oder irgendwie involviert in die kriminellen Machenschaften. Das sind nur kleine Mosaiksteinchen, die aber das öffentliche Bild des Unternehmers mitprägen. Das Ansehen des Unternehmertums ist ziemlich weit unten. Wirtschaft ist inzwischen in der Öffentlichkeit, auch im Schulunterricht, häufig negativ behaftet.

Böhnke: Ja, das ist ein wichtiger Punkt, der inzwischen weiter verengt worden ist. Bei den Tatorten, die Sie angesprochen haben, spielt die Rolle des Bösewichts seit der Finanzkrise ja vorzugsweise der Banker. Dieses verkehrte Bild macht mich traurig. Wir leben in einer Wirtschaftsordnung, die hier und da ihre Mängel haben mag, aber nach allen Ordnungen, die wir kennen, scheint es gegenwärtig für mich jedenfalls die beste zu sein. Dieser Wirtschaftsordnung verdanken wir einen beispiellosen Wohlstand. Der Bevölkerung bewusst zu machen, dass wir dies unserer Wirtschaftsordnung verdanken, die Wirtschaftsordnung aber nur funktioniert, wenn es permanent Unternehmer gibt, die bereit sind ins Risiko zu gehen und eine anständige Arbeit machen, das wäre Aufgabe der Medien. Das Problem ist leider nur, dass wir zu viele Beispiele von Unternehmern haben, die sich beispielsweise im Verhalten zu ihren Mitarbeitern nicht so verhalten haben, wie man es sich wünschen würde. Diese Beispiele werden dann potenziert, und auch hier leidet unsere gesellschaftliche Diskussion darunter, dass wir den Singular zum Plural erklären und zu wenig differenzieren.

mi: Herr Böhnke, vielen herzlichen Dank, dass Sie uns erneut als Diskussionsgast zur Verfügung gestanden haben.

Dr. jur. Frank Schweizer-Nürnberg
Chefredakteur
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