Aufsichtsrat des BER schwelgt in blumigen Formulierungen

01.03.2019
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Ende Januar hat der Aufsichtsrat des Flughafens Berlin International (BER) wieder einmal getagt und über das Ergebnis anschließend die Presse unterrichtet. Wenn die Flughafen­manager alles so gut könnten, wie blumig zu formulieren, wäre der Flughafen wahrscheinlich längst eröffnet. Schon die Überschrift ist ein wahrer Genuss für Stilisten und Kenner der Materie: „BER-Fertigstellung kommt voran/Erste Interaktionstests erfolgreich abgeschlossen“. Der Duden übersetzt vorankommen so: Fortschritte machen, Erfolg haben. Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup möchte uns also sagen, die geplante Eröffnung mache Fortschritte. Nun ja, sofern man einmal ausblendet, dass die Eröffnung ursprünglich im Oktober 2011 stattfinden sollte (vgl. zuletzt Mi 08/18), wäre es natürlich ein Erfolg, wenn der Flughafen tatsächlich im Oktober 2020 eröffnet würde. Dazu teilt der Aufsichtsrat mit: „Die Baufertigstellungsanzeige wird im Herbst 2019 erwartet. Auf der Fertigstellung der Brandmeldeanlage und dem Fortschritt bei den Kabelgewerken für die Sicherheitsstromversorgung und der Sicherheitsbeleuchtung liegt weiterhin das besondere Augenmerk der Bauorganisation. Zum prognostizierten Zeitpunkt des Abschlusses der Arbeiten in diesen Gewerken haben sich die Sachverständigen des TÜV und der FBB-Bauorganisation aufeinander zubewegt. Der Aufsichtsrat und die Bauleute der Flughafengesellschaft gehen unverändert von der Inbetriebnahme des BER im Oktober 2020 aus. Weitere Reserven sind vorhanden.“

© Günter Wicker | Flughafen Berlin Brandenburg GmbH

Nun muss man wahrlich nicht Kommunikationswissenschaften studiert haben, um die Formulierung, „die Sachverständigen des TÜV und der FBB-Bauorganisation“ hätten sich „aufeinander zubewegt“ zu deuten. So berichten Insider etwa davon, es würden unverändert Mängel bei der Notstromversorgung behoben, deren Beseitigung bereits vor drei Jahren angeblich abgeschlossen war. Auch die nette Formulierung „erste Interaktionstests“ seien „erfolgreich abgeschlossen“, sollte niemand zu sehr beruhigen. Lassen wir auch hier noch einmal den Duden zu Wort kommen. Interaktion übersetzt er mit „aufeinander bezogenes Verhalten zweier oder mehrerer Personen; Wechselbeziehung zwischen Handlungspartnern“. Womit wir dann wieder bei dem netten Hinweis wären, „die Sachverständigen des TÜV und der FBB-Bauorganisation“ hätten sich „aufeinander zubewegt“. Im Klartext: Sie haben unterschiedliche Auffassungen über den Stand der Arbeiten. Das hätte man seitens des Flughafens auch einfach so formulieren können. Aber das hätte nicht so schön geklungen.

Wenn die Wahrheit nicht besonders rosig ist, dann muss der Optimismus halt ein wenig darüber hinweghelfen. Und so lässt sich Rainer Bretschneider, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH, nach der AR-Sitzung so zitieren: „Auch wenn weiterhin nicht jeder Arbeitsschritt eine terminliche Punktlandung wird, kommen wir am BER gut voran. Wir schauen sehr engmaschig auf die Arbeiten am BER und sind sehr genau über den Stand der Fertigstellung in den einzelnen Gewerken informiert. Insofern hat uns die heutige Sitzung darin bestärkt, weiterhin am Eröffnungstermin Oktober 2020 festzuhalten.“ Wir bleiben da eher mal skeptisch. Trotz aller Interaktion sehen wir noch keine Eröffnung des BER im Oktober 2020. Aber vielleicht sieht der Berliner Klimaschutzplan bis dahin auch ein Flugverbot über Berlin und Brandenburg vor. Wäre doch eigentlich die eleganteste Lösung des Problems des unvollendeten Flughafens.

Der TÜV Rheinland wollte auf Mi-Anfrage keine Bewertung dieser Einschätzung des Aufsichtsrates abgeben. Er teilte uns stattdessen mit, er werde „keinesfalls aus einer Aufsichtsratssitzung“ berichten. Sollte er auch gar nicht. Er hätte aber mitteilen können, ob er den Optimismus teilt. Stattdessen hat er sich hinter einer formalen Antwort verschanzt. So viel zur Bedeutung der Formulierung, die Sachverständigen des TÜV und der FBB-Bauorganisation hätten sich „aufeinander zubewegt“.

Dr. jur. Frank Schweizer-Nürnberg
Chefredakteur
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