Next Generation Audio — Neue Tonformate für bessere Sprachverständlichkeit im Fernsehen

19.07.2021
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Es ist einer der Klassiker im Erstgespräch, dass Ihr Kunde die eigene Hörminderung dadurch wahrnimmt, dass im Fernsehen alle anfangen zu nuscheln – allzu menschlich, die Ursache für ein Defizit erst einmal bei anderen zu suchen. Das bedeutet aber nicht, dass beim Thema Sprachverständlichkeit in Radio und TV nicht auch das eine oder andere im Argen ist. „Zur Verbesserung der Sprachverständlichkeit im Fernsehen wurden schon im Juli 2014 Empfehlungen für Programm und Technik formuliert – im Auftrag der ARD/ZDF-Fernsehbetriebsleiter-Konferenz. Hier haben wir uns übrigens unter anderem auch von einem Hörgeräteakustiker beraten lassen. Diese Empfehlungen sind nach wie vor gültig. Dennoch gibt es immer wieder Rückmeldungen unseres Publikums über schwer verständliche Dialoge oder störende Musikuntermalung. Daher wurde am 2. Juni 2020 eine Arbeitsgruppe beauftragt, sich mit der nachträglichen Aufbereitung des Tons zu befassen. Dabei helfen verschiedene technische Methoden“, erfährt Ihre 'mi'-Redaktion von Max Kiefer. Der Mitarbeiter des Westdeutschen Rundfunks (WDR)/Köln ist Leiter der ARD-Arbeitsgruppe Sprachverständlichkeit.

Besonders herausfordernd bei der Anpassung – und auch für Normalhörende – sind Sprünge in der Lautstärke. Langjährige Anpasser erinnern sich mit Schrecken an wilde ­Zeiten. Auch wenn sich diesbezüglich schon viel getan hat: Was unternehmen die Fernsehmacher, um Lautheitsunterscheide auf ein erträgliches Maß zu reduzieren? Dazu führt Max Kiefer aus:

Max Kiefer
© WDR/Herby Sachs
Max Kiefer

„Im Jahr 2012 haben die öffentlich-rechtlichen Fernsehprogrammanbieter in Deutschland gemeinsam mit den privaten Free- und Pay-TV-Anbietern die Lautstärke ihrer Programme harmonisiert und die Lautheitsunterschiede im Programm­ablauf sowie zwischen den einzelnen Sendern verringert. Eine gesetzliche Verpflichtung gibt es nicht, doch übermäßige Lautheitssprünge zwischen den Sendungen sowie zwischen einzelnen Beiträgen gibt es seit Anwendung der internationalen Empfehlung R128 der EBU (European Broadcasting Union) kaum noch. Wir kontrollieren die Programmlautheit ständig, sowohl bei der Ton-Mischung, bei technischen Abnahmen und auch am Sendeausgang. Dieser Parameter unterliegt also einer ständigen Qualitätskontrolle, und alle Mitarbeitenden in Produktion und Technik achten darauf, dass der Wechsel von einer Sendung zur nächsten für die Zuschauer:innen harmonisch klingt. In seltenen Fällen kann es beim Übergang von zwei Programmbeiträgen zu Lautheitssprüngen kommen. Dies ist zum Beispiel immer dann der Fall, wenn ­viele Einzelquellen, wie Musik, Off-Sprecher und hintergründige Quellen, wie tosender Applaus, übereinanderliegen – zum Beispiel bei einer Show. Sofern die vorangegangene Sendung nur mit Sprache oder sehr leise endet, wie zum Beispiel die Tagesschau, wird dies als Bruch empfunden. Nur beim Umschalten zwischen ­linearem TV und internetbasierten Platt­formen (Mediatheken/HbbTV) kommt es noch zu deutlich wahrnehmbareren Sprüngen bei der Lautstärke, da die Inhalte im Internet um 7 dB lauter verbreitet werden. Auch hierfür ­suchen wir in der ARD Lösungen.“

Lösungen technischer Herausforderungen werden gerne mit einer Zahl und einer Einheit dahinter normiert. „Eine Eigenart bei der Sprachverständlichkeit ist die Tatsache, dass sie nicht messbar ist. Daher können – im Gegensatz zur Lautheit – auch keine klaren Regeln definiert werden“, gibt der Leiter der Arbeitsgruppe zu bedenken. Stattdessen gibt es die eingangs erwähnten Empfehlungen.

Nachdem sich die Problematik insb. der Lautheitssprünge im Vergleich zu früher zwischenzeitlich deutlich gebessert hat, meinen einige Hörakustiker zuletzt eine Rolle rückwärts zum Schlechteren festzustellen. Kolportiert wird, knappe Budgets führten zur schlechteren Sprachverständlichkeit, etwa durch eine geringere Nachsynchronisation von Filmen als in früherer Zeit sowie durch mehr Außendrehs als in ­Kulissen. Max Kiefer ist da skeptisch: „Ich glaube nicht, dass es hier einen Zusammenhang gibt. Allerdings ist in deutschen TV-­Produktionen und Spielfilmen der 50er- und 60er-Jahre anders gesprochen und der Ton auch anders abgemischt ­worden. Hörgewohnheiten haben sich gewandelt: Wir wollen realistischere Filme und Serien, lebensnähere Typen und glaubhafte Milieus. Dies kollidiert mitunter mit dem Anspruch an eine gute Sprachverständlichkeit. Gute oder schlechte Sprachverständlichkeit resultiert letztlich immer aus technischen Rahmenbedingungen sowie den dramaturgischen und programmlichen Vorgaben der Redaktion oder der Regie.“

Bleibt der alles entscheidende Blick in die Zukunft: Welche technischen Möglichkeiten hätten und nutzen die Sendeanstalten vielleicht bereits, um die Sprachverständlichkeit nachträglich zu verbessern? Max Kiefer hat diesbezüglich sehr konkrete Vorstellungen: „Die Zukunft gehört 'Next ­Generation Audio'. Neue Tonformate ermöglichen unter anderem eine Personalisierung der Tonmischung im jeweiligen Empfangsgerät. Das sogenannte 'objektbasierte Audio' ist dabei die wichtigste und vielseitigste Technologie, mit der wir uns bereits beschäftigen. Doch bis dieses Format gesendet werden kann, haben wir einen anderen Ansatz im Blick, und wir sind zwischenzeitlich zu einem guten Ergebnis gekommen. Die ­Lösung besteht darin, eine fertige Tonmischung automatisiert in Sprach- und Hintergrundanteile zu zerlegen. Dadurch können wir die Sprache hervorheben und auf einer zusätzlichen Ton­spur verbreiten. Möglich wird dies durch neu entwickelte Verfahren, die auf künstlicher Intelligenz basieren. Es handelt sich um ein Zusatzangebot – die Original-Tonmischung verändern wir nicht. Doch alleine die Möglichkeit, einen zusätzlichen Tonkanal mit einer leichteren Sprachverständlichkeit auswählen zu können, hat im Rahmen eines vom WDR durchgeführten Pilotversuchs mehr als 80 % des Testpublikums gefallen. Der Ansatz ist so konzipiert, dass hierfür keine neuen Empfangsgeräte notwendig werden. Die Arbeitsgruppe, deren Wirken in der Produktions- und Technikkommission von ARD und ZDF zusammenläuft, hat ihren Abschlussbericht im Mai vorgelegt. Nun entscheiden die Gremien der ARD und des ZDF darüber, wie die Umsetzung erfolgen wird. Ich bin zuversichtlich, dass wir noch in diesem Jahr den einen oder anderen Regelbetrieb vermelden können.“

'mi'-Fazit:  mi' bedankt sich bei Max Kiefer für den Blick hinter die TV-Kulissen  Lassen Sie das eine oder andere auch für Ihren Kunden interessante Insider-Wissen in das Anpass-Gespräch einfließen, um sich als Experte für gutes Hören zu profilieren  Die genannten Empfehlungen zur Sprachverständlichkeit aus dem Jahr 2014 finden Sie unter https://www.irt.de/de/publikationen/technische-richtlinien/technische-richtlinien-download im Abschnitt 'Richtlinien zur Herstellung von Fernsehproduktionen'.

Ass. jur. Carsten Schmitt
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