Impf-Modellprojekte — ein kammerabhängiger Flickenteppich

21.07.2020
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In der Region Nordrhein dürfen ab Herbst auch Apotheker gegen Influenza impfen, so sieht es ein Modellprojekt der AOK Rheinland/Hamburg und des Apothekerverbandes Nordrhein vor. Über die entsprechende Vereinbarung berichteten wir in der vergangenen Woche. Nun soll es nach einer Ankündigung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn in diesem Winter mit 25 Mio. Impfdosen so viele wie nie geben. Dennoch „sorgen sich die Ärzte um die Patienten und um ihr Geschäft“, entnehmen wir u. a. einem Bericht der WAZ vom 15. Juli. „Gerade in der aktuellen Situation müssen wir ein besonderes Augenmerk darauf legen, die Zahl der Infektionen so gering wie möglich zu halten. Die Grippeschutz­impfung ist daher in dieser Saison noch wichtiger als in vergangenen Jahren“, nennt AOK-Vorstand Matthias Mohrmann das Ziel der Aktivierung der Apotheken, die vor allem die Impfrate anheben soll – was den Ärzten doch seit Jahrzehnten nicht gelungen ist.

Die Ärztekammer Nordrhein ist dennoch alarmiert. „Nur Ärzte sind qualifiziert für die Impfanamnese, den Ausschluss akuter Erkrankungen und die Aufklärung zur Impfung“, sagt deren Präsident Rudolf Henke. Zudem seien nur Mediziner in der Lage, die Nebenwirkungen zu beherrschen. Bei jeder Impfung könne es zu Komplikationen kommen, wie etwa allergischen Reaktionen, warnt auch die Kassen­ärztliche Vereinigung. In solchen Fällen wäre unverzügliches Notfallhandeln erforderlich, das in einer Apotheke nicht sofort verfügbar sei. Stimmt das denn so in der Praxis? Da sehen die Erfahrungen der Redaktionsmitglieder und in deren Verwandten-/Bekanntenkreis bei Impfungen Erwachsener anders aus: Die Spritze wird von der Mitarbeiterin der Arztes verabreicht, die auch die Blutentnahmen am frühen Morgen eigenständig abwickelt. Anamnese? Man kennt sich doch! Nach unserem Dafürhalten scheinen die monetären Aspekte deutlich im Vordergrund zu stehen. Vielleicht gerade deshalb, weil die Ärzte für die Grippeimpfung eines Kassenpatienten 7,95 €, bei einem Privatpatienten rund 11 € erhalten, während die Apotheker am Nordrhein 12,61 € erhalten werden. Ob Letzteres kostendeckend ist, muss sich noch in der Praxis herausstellen, betonen auch die Vertreter von Apothekerverband und Apothekerkammer Nordrhein. Angesichts des Ziels, die Impf­rate nahezu zu verdoppeln, sollten die Ärzte sich weniger ums Geschäft sorgen, als um die Werbung für die Impfungen in Arztpraxen und Apotheken!

In Brandenburg hat die Landesapothekerkammer mit der Landesärztekammer per gemeinsamer Resolution bereits den Impfungen in der Apotheke eine Absage erteilt. Die Kollegen vor Ort freuen sich bestimmt darüber, wie gut auch der Landesapothekerverband Brandenburg für ihr (Des-)­Interesse an Modellvorhaben zur Grippeschutzimpfung eintritt. Ebenso lehnten die Thüringer Kammerdelegierten das Impfen in Apotheken ab, wenn die Ärzteschaft dem nicht zustimmt. Agierte die Ärzteschaft doch nur in allen Belangen der Apotheken so rücksichtsvoll! Der Igel hat übrigens das Rennen im Märchen nicht gewonnen, weil er rücksichtslos war. Er hat einfach im Team gearbeitet.

'mi' meint: Die Denke mancher Verbands- und Kammervertreter ist vielleicht einem gewissen Alterungsprozess geschuldet. Wer gegen die Ausdehnung des Botendienstes agierte und sogar die Hand des Bundesgesundheitsministers in Sachen Impfen ausschlägt, dürfte in Zukunft kaum Rückhalt bei seiner Basis finden. Gerade diejenigen, die künftig, die nächsten 25 oder 30 Jahre, eine Apotheke betreiben und auf bezahlte Dienstleistungen setzen wollen oder müssen, sollten sich endlich in den Standesvertretungen zu Wort melden. An der 'markt intern'-Umfrage 'Ihre Standes­ver­tretungen auf dem Prüfstand' können Sie aktuell unter www.markt-intern.de/apotheken-umfrage teilnehmen. Ver­leihen Sie Ihrer Stimme auch auf diesem Weg Gewicht!

RA Christoph Bach
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