Hagemeyer benötigt fast vier Monate Zeit, um für Klarheit in Sachen 'Amazon' zu sorgen

27.03.2018
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Die Wege des Herrn sind unergründlich! Dass diese Lebensweisheit einen Beitrag dazu leisten könnte, die Zustände bei dem Großhändler Hagemeyer auf den Punkt zu bringen – das hätte wohl noch vor kurzer Zeit kaum jemand gedacht. Aber es tut sich etwas:

Unter dem Eindruck der jüngsten 'markt intern'-Berichterstattung (vgl. zuletzt EI 09/18) sieht es ganz so aus, als ob die Rexel-Gruppe derzeit den in Deutschland agierenden Geschäftsführer Stephan Strauss etwas aus der Schusslinie nehmen möchte. So wendet sich jetzt nämlich sogar Patrick Berard, Chief Executive Officer Rexel, in einem Rundschreiben vom 15. März an seine „Kunden und Geschäftspartner“. Gleich zu Beginn seiner Ausführungen wird deutlich, in welche Richtung der Zug fahren soll. So heißt es in dem Rundschreiben wörtlich:

Ausriss aus Rexel-Rundschreiben vom 15. März 2018

„Sehr geehrte Kunden, sehr geehrte Geschäftspartner, ich wende mich heute an Sie aufgrund der falschen Informationen, die zurzeit insbesondere von dem Magazin 'markt intern' verbreitet werden. Diese Publikation führt unter anderem aus, dass eine Vertriebskooperation mit Amazon im Raum steht oder gar ein Rückzug der Rexel-Gruppe aus dem deutschen Markt. Dies sind absolut unseriöse Behauptungen ohne jede Grundlage und reine Spekulationen Einzelner. Für die Rexel-Gruppe ist Deutschland ein wichtiger Pfeiler in der globalen Aufstellung. Ein Rückzug aus dem deutschen Markt ist daher nicht Teil unserer Strategie – um nicht zu sagen, schlichtweg undenkbar. Ebenso sehen wir keine Option in einer wie auch immer gearteten Kooperation mit Amazon.“

Na prima! Mit Blick auf den zweiten Teil des hier zitierten Abschnitts zeigt sich der Rexel-Chef aus der Konzernzentrale in Paris so, wie es sein sollte: Klare Ansage! Klare Kante! Auch einem neutralen Beobachter dürfte allerdings die konkrete Vorgehensweise und das ungerechtfertigte Werturteil über die redaktionelle Arbeit von 'markt intern' befremdlich vorkommen. In der Sache könnte es sinnvoll sein, wenn alle Beteiligten vor allem jene Hintergrundinformationen zur Kenntnis nehmen würden, die 'markt intern' heute in folgendem 'Offenen Brief' an Rexel CEO Patrick ­Berard weiterleitet:

Offener Brief von 'mi'-Chefredakteur Oliver Blumberg an Rexel CEO Patrick Berard

Lieber Monsieur Berard,

Oliver Blumberg
Oliver Blumberg

die Tatsache, dass Sie sich persönlich für die Inhalte unserer Berichterstattung interessieren, bestätigt 'markt intern' darin, dass die Redaktion auch in diesem Fall ein Insiderthema von erheblicher Branchenrelevanz aufgreift. In Ihrem Rundschreiben vom 15. März 2018 an „Kunden und Geschäftspartner“ widersprechen Sie allerdings einer Sachverhaltsdarstellung, die es zu keinem Zeitpunkt gegeben hat. Nicht erst bei näherer Betrachtung wird jedem aufmerksamen Leser auffallen, dass 'markt intern' keine falschen Informationen verbreitet hat. Insofern läuft ein erheblicher Anteil der Ausführungen in Ihrer sog. „Gegendarstellung“ ins Leere.

Hagemeyer Deutschland steht — für jedermann erkennbar — seit vielen Jahren vor sehr großen strukturellen Herausforderungen. Im Lichte der kaum zu verbergenden Schwierigkeiten machen sich Lieferanten, Fachhandwerker und sogar zahlreiche Wettbewerber aus dem Elektrogroßhandel ernsthafte Gedanken darüber, mit welcher Strategie die handelnden Protagonisten das Deutschland-Geschäft der Rexel-Gruppe wieder auf Erfolgskurs bringen möchten. Vor allem die extrem hohe Fluktuation von Führungskräften bei Hagemeyer Deutschland hat in den letzten Jahren maßgeblich dazu beigetragen, dass Außenstehende seit langer Zeit — allenfalls mit viel Phantasie — eine Idee davon bekom­men können, wie eine nachhaltige Neuausrichtung aussehen könnte. Dies führt u. a. dazu, dass in der gesamten deutschen Elektrobranche immer wieder über unterschiedliche Zukunftsstrategien für Hagemeyer Deutschland spekuliert wird. Eine detaillierte Auflistung der diskutierten Maßnahmen würde an dieser Stelle zu weit führen. Aber: Das in der Gerüchteküche mit Abstand am häufigsten thematisierte Szenario ist die Frage, ob Hagemeyer grundsätzlich bereit ist, sich in größerem Stil auf eine — wie auch immer geartete — vertriebliche Kooperation mit dem Onlineversender Amazon einzulassen.

Insbesondere dieser vermeintliche Lösungsansatz wird in spekulativer Form seit vielen Jahren immer wieder an 'markt intern' herangetragen. Im vierten Quartal des Jahres 2017 erhöhte sich die Zahl entsprechender Mutmaßungen gegenüber 'markt intern' ganz erheblich. Deshalb erhielt Hagemeyer-Geschäftsführer Stephan Strauss Anfang Dezember genau zu dieser Frage eine offizielle redaktionelle Anfrage. Eine entsprechende Stellungnahme zu dieser Frage ist bis zum heutigen Tage nicht bei uns eingetroffen. Anfang 2018 schlug dann nicht nur in weiten Teilen der elektrotechnischen Branche, sondern auch bei einigen regionalen Tageszeitungen ein Rundschreiben der Hagemeyer-Geschäftsführung auf. Darin spricht die Hagemeyer-Geschäftsführung in Richtung der eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unverblümt davon, dass für die Rettung des Unternehmens die Umsetzung eines sog. „SOS II-Programms“ erforderlich sei. Bevor 'markt intern' nach Erhalt des Schreibens dessen Inhalte einer redaktionellen Verwertung zugeführt hat, erhielt Hagemeyer-Geschäftsführer Stephan Strauss auch in diesem Fall zu den dort ausgebreiteten Informationen die Gelegenheit zur Stellungnahme. In diesem Zusammenhang haben wir die Geschäftsführung ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Dezemberanfrage (vgl. oben) — u. a. zum Thema 'Amazon' — noch nicht beantwortet wurde. Und wie reagiert Hagemeyer Deutschland?

Kurz vor Redaktionsschluss erreicht uns eine sprachlich hervorragend formulierte Antwort. Diese hat inhaltlich allerdings nicht viel mit den Fragestellungen zu tun, die 'markt intern' in den bereits erwähnten Anfragen formuliert hatte. Insbesondere zu etwaigen Veräußerungsplänen oder auch zum Thema 'Amazon' ist in der Stellungnahme kein ernstzunehmender Hinweis enthalten.

Mit Blick auf das Informationsbedürfnis unserer Zielgruppe werden auch Sie, lieber Monsieur Berard, hoffentlich einsehen: Es kann nicht die Aufgabe eines Fachpresseorgans sein, marktre­levante Sachverhalte im Sande verlaufen zu lassen, nur weil einzelne Protagonisten keinen Gebrauch davon machen, redaktionelle Anfragen sachgerecht zu beantworten. Sowohl in Frankreich, als auch in Deutschland, ist es Ausdruck der verfassungsrechtlich garantierten Presse- und Informationsfreiheit, dass neben erwiesenen Fakten auch Meinungsäußerungen und Marktprognosen zum Bestandteil einer redaktionellen Gesamtbetrachtung werden. Solange ein Presseorgan dabei nicht den Fehler macht, Meinungsäußerungen und Prognosen als Tatsachenbehauptung darzustellen, ist eine solche Vorgehensweise das, was die interessierte Öffentlichkeit — völlig zu Recht — von einer fachlich qualifizierten Berichterstattung erwartet.

Sollte es bei der Lektüre unserer Berichterstattung in Einzelfällen zu einer missverständlichen Wahrnehmung gekommen sein, dann ist dies in erster Linie auf gravierende kommunikative Fehlleistungen von Hagemeyer Deutschland zurückzuführen. Wenn die Geschäftsführung der deutschen Rexel-Tochter — wie jedes andere seriöse Unternehmen auch — durch die gezielte Beantwortung redaktioneller Anfragen einen erwähnenswerten Beitrag zur Markttransparenz geleistet hätte, dann hätten Sie, lieber Monsieur Berard, sich den hohen Aufwand für das Verfassen und Verbreiten Ihrer sog. „Gegendarstellung“ vom 15. März 2018 sparen können. Dass die Rexel-Gruppe jetzt — mehrere Monate nach Erhalt eindeutiger redaktioneller Anfragen — ausdrücklich erklärt, dass ein Rückzug aus dem deutschen Markt „undenkbar“ sei, und dass eine Kooperation mit Amazon ausgeschlossen ist, dann ist dies ein wichtiger Beitrag zur Schaffung von Markttransparenz. Zu dem gleichen Ergebnis hätte Hagemeyer Deutschland auf andere Weise deutlich einfacher kommen können. Ein Dreizeiler für die Beantwortung der erwähnten redaktionellen Anfragen hätte ausgereicht.

Zu dieser Sichtweise hat 'markt intern' vom 18. bis 23. März in fast 50 Einzelgesprächen auf der Light+Building 2018 eine überwältigende Zahl an Solidaritätsbekundungen entgegennehmen dürfen. In der Sache möchte 'markt intern' nicht verhehlen, dass sich aus diesen Gesprächen mittlerweile weitere Hinweise ergeben haben, warum die bereits erwähnten 'Amazon'-Gerüchte möglicherweise entstanden sind und sich zum Teil weiterhin hartnäckig am Markt halten. Diese Gesichtspunkte sollten m. E. aber nicht länger in der Branchenöffentlichkeit erörtert werden. Wenn Sie, lieber Monsieur Berard, an diesen und weiteren Hintergrundinformationen interessiert sind, stehe ich Ihnen selbstverständlich als Ansprechpartner zur Verfügung. Dazu können wir gerne einen persönlichen Gesprächstermin vereinbaren. Senden Sie dazu bitte eine E-Mail an [email protected].

Ich hoffe, dass ich mit diesen Ausführungen einen Beitrag zur Beseitigung etwaiger Missverständnisse leisten konnte. Wenn in Zukunft erneut die Notwendigkeit zu vergleichbaren Klarstellungen bestehen sollte, wird 'markt intern' sich ebenfalls nicht aus der Verantwortung stehlen. Noch lieber wäre es mir allerdings, wenn demnächst auch die Rexel-Gruppe ihren Beitrag dazu leisten würde, dass vergleichbare Situationen gar nicht erst entstehen würden. Viel Erfolg bei der Neuausrichtung von Hagemeyer Deutschland wünscht Ihnen,

RA Oliver Blumberg

Chefredakteur 'markt intern'-Elektroinstallation

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