AFDD — Unter welchen Voraussetzungen die neue Norm für Elektrofachkräfte haftungsrechtlich relevant bleibt

26.11.2019
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Was 'markt intern' Elektro-Installation zuletzt in EI 38/19 angedeutet hatte, ist seit einigen Wochen Realität: Die hochgradig umstrittene normative Forderung an elektrotechnische Fachkräfte, Stromkreise bei bestimmten Raumnutzungen zusätzlich mit Fehlerlichtbogen-Schutzeinrichtungen (AFDD) abzusichern, ist abgeschafft.

Siemens-Brandschutzschalter
Foto: Siemens
Siemens-Brandschutzschalter

Seit Oktober 2019 gilt die neue DIN VDE 0100-420 (VDE 0100-420):2019-10 [2]. An die Stelle der bisherigen faktischen Einbauverpflichtung von AFDD-Komponenten tritt nun nach DIN VDE 0100-420 Abs. 421.7 die Verpflichtung, eine individuelle Risiko- und Sicherheitsbewertung durchzuführen. Liegt das Ergebnis einer solchen Analyse nicht vor, dann hat eine beauftragte elektrotechnische Fachkraft derzeit nur eine einzige Möglichkeit: Die Errichter und Planer des Gebäudes sind darüber zu informieren, dass eine Fortsetzung der Arbeiten erst erfolgen kann, wenn der Elektrofachkraft eine schriftlich dokumentierte Risiko- und Gefahrenanalyse vorliegt. Andernfalls, so müsste es in einer entsprechenden Gefahrenanzeige heißen, könne nicht festgestellt werden, ob und gegebenenfalls in welchem Umfang der Einbau von AFDD-Komponenten geboten ist.

Hört sich kompliziert an, ist aber aus Sicht des elektrotechnischen Fachhandwerks im Moment halb so wild. Abgesehen von der hier skizzierten Hinweispflicht liegt die haftungsrechtliche Verantwortung jetzt nämlich in erster Linie bei Architekten, Planern und Anlagenbetreibern – aber eben nicht mehr bei der Elektrofachkraft. Damit wäre aber noch nicht die Frage beantwortet, unter welchen Voraussetzungen es – in zweiter Linie – für Elektrofachkräfte immer noch kritisch werden könnte.

Verpflichtung zur Durchführung einer Plausibilitätsprüfung – Architekten, Planer und Anlagenbetreiber haben häufig alle möglichen Flausen im Kopf. Wer sich in der Praxis auskennt, wird gelegentlich auch auf besonders feinsinnige Freigeister treffen. Einige dieser Typen können den Begriff der elektrotechnischen Sicherheit vermutlich noch nicht einmal fehlerfrei aussprechen. Deshalb hat der Normgeber darauf geachtet, die Vorgaben für den Einbau von AFDD-Komponenten mit einer Art 'doppeltem Boden' zu versehen: An der Stelle, wo die elektrotechnische Arglosigkeit von Architekten, Planern und Anlagenbetreibern zu einem signifikanten Sicherheitsrisiko werden könnte, greift eine sog. Plausibilitätsprüfung durch die beauftragte Elektrofachkraft. Praktisch relevant dürfte dieser Faktor insbesondere dann werden, wenn eine ordnungsgemäß ausgehändigte Risiko- und Sicherheitsanalyse zu folgendem Ergebnis kommt: Planer und Betreiber möchten ganz oder teilweise auf den Einbau von AFDD-Komponenten verzichten, obwohl es sich um mindestens eines jener Nutzungsbeispiele handelt, in denen die DIN VDE 0100-420 (VDE 0100-420):2019-10 [2] die Implementierung von Brandschutzschaltern zwar nicht mehr ausdrücklich fordert, aber immerhin noch „empfiehlt“.

Praktische Relevanz der Plausibilitätsprüfung – Welche praktische Relevanz die normativ gebotene Plausibilitätsprüfung mittelfristig haben wird, lässt sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht abschließend beurteilen. Es wird grundsätzlich sinnvoll sein, die vorliegenden Ergebnisse einer individuell durchgeführten Risiko- und ­Sicherheitsanalyse mit den normativen Empfehlungen der DIN VDE 0100-420 (VDE 0100-420):2019-10 [2] zu vergleichen. Stimmen die Resultate überein, empfiehlt es sich für eine Elektrofachkraft, diese Feststellung schriftlich festzuhalten und zu dokumentieren. Empfehlen die Verfasser der Risiko- und Sicherheitsanalyse eine Vorgehensweise, die den Ratschlägen des Normgebers widerspricht, dann ist es die Aufgabe der Elektrofachkraft, auf diesen Umstand schriftlich hinzuweisen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger!

'mi'-Fazit: Die derzeitige Normenlage für den Einbau von Brandschutzschaltern dürfte aus Sicht einer beauftragten Elektrofachkraft darauf hinauslaufen,  die Empfehlungen der DIN VDE 0100-420 (VDE 0100-420):2019-10 [2] inhaltlich zu überprüfen  Übereinstimmungen zu dokumentieren und  den Auftraggeber über etwaige Abweichungen zu informieren. Idealerweise in Verbindung mit dem Angebot zu einer angemessenen elektrotechnischen Beratung. Am Ende eines solchen Beratungsgesprächs darf dann gerne eine erweiterte Installationsempfehlung stehen. Lässt sich der Auftraggeber darauf ein, ist alles gut. Möchte er aus Kostengründen weiterhin auf den Einbau verzichten, dann ist es nicht weiter schlimm. Die Frage einer hinreichenden Brandprävention ist damit natürlich nicht abschließend geklärt, aber: Wenn sich eine verantwortliche Fachkraft an die oben skizzierten Vorgaben zur Durchführung einer Plausibilitätsprüfung tatsächlich hält, sind aus Sicht des elektrotechnischen Fachhandwerks derzeit keine nennenswerten haftungsrechtlichen Risiken erkennbar – und genau darauf kommt es erst einmal an!

RA Oliver Blumberg
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