Leitstudie Aufbruch Klimaneutralität — notwendige Umweltradikalität oder Eingriff in die Marktliberalität?

14.10.2021
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17 Monate hat es gedauert, bis die Deutsche Energie-Agentur (dena)/Berlin, die u.a. das Bundeswirtschaftsministerium in energiepolitischen Fragen berät, den Abschlussbericht der Leitstudie Aufbruch Klimaneutralität veröffentlich hat. Beteiligt waren zehn wissenschaftliche Institute, mehr als 70 Unternehmen sowie ein 45-köpfiger Beirat mit Experten aus Wissenschaft, Politik und Gesellschaft. Die Zielsetzung war die Definition von Technologiepfaden und realistischen Rahmenbedingungen, um bis 2045 das Maximalziel 100 % Klimaneutralität in Deutschland zu realisieren. Der direkte Anspruch: Politische Mitgestaltung noch vor Konstituierung des neuen Bundes­tages. Andreas Kuhlmann, Vorsitzender der dena-Geschäftsführung, dazu: „Die dena-Leitstudie liefert der zukünftigen Bundesregierung eine praxisorientierte Perspektive zur Erreichung von Klimaneutralität bis 2045.“ Allerdings, so gesteht Kuhlmann ein: „Wir werden nicht alle Emissionen vermeiden können, insbesondere in der Landwirtschaft und der Industrie.“

Beim Blick in das gut 300 Seiten starke Werk zeigt sich: Auch für Fachhändler unserer Branche bieten sich Ansatzpunkte, um sich bei diesem Thema, vor allem aber bei ihren – in erster Linie gewerblichen – Kunden zu positionieren. Mindestens aber gibt es Ihnen einen Einblick, mit welchen Herausforderungen Ihre Zielgruppen, aber auch Sie in den kommenden Jahren sehr direkt konfrontiert werden können. Zum Beispiel im Bereich kommunaler Beschaffung: Kommunen seien als Multiplikatoren und Gestalter für das Erreichen der Klimaziele von größter Bedeutung und benötigten den entsprechenden finanziellen Spielraum, um ihrer Rolle gerecht zu werden. Daneben seien sie aber auch selbst Verbraucher „und können eine Vorbildfunktion einnehmen, wenn sie bei der Beschaffung von Geräten und Fahrzeugen oder beim eigenen Gebäudebestand Klimaneutralität und Umweltfreundlichkeit als zentrale Säule in ihrem Agieren verankern.“

'mi'-Tipp: Weisen Sie bei Ihren Vertriebsaktivitäten in Sachen Emissionsreduzierung auf sog. CO2-Schattenpreise hin! Das sind die zukünftigen Preiserwartungen, die auch CO2-Bepreisungen z. B. von fossilen Kraftstoffen berücksichtigen, auch wenn diese aktuell noch nicht oder in geringerem Maße anfallen — Stichwort CO2-Steuer.

Industrie und Unternehmen wird, wenig überraschend, ebenfalls eine vielfältige Rolle zugedacht. Anders als im kommunalen Sektor treten hier Ge- und Verbote deutlicher in den Vordergrund. Zwar seien in den vergangenen Jahren „die Emissionen im Industriesektor kaum gesunken, weil sich Produk­tionswachstum und Energieeffizienzsteigerungen die Waage hielten.“ Um Klimaneutralität zu erreichen, bedürfe es komplett neuer Verfahren: „Die Industrie benötigt passende Rahmenbedingungen wie Differenzverträge und »grüne Leitmärkte«, um innovative, emissionsarme Technologien wirtschaftlich konkurrenzfähig zu machen.“ Vor allem für Produkte und Konsum fordern die Berliner mehr Transparenz, aber auch regulatorische Eingriffe: Die Nachfrage nach klimafreundlichen – bzw. klimafreundlich hergestellten – Produkten müsse gesteigert werden. „Sofern sie teurer sind als konventionelle Produkte, also wenn die CO2-Vermeidungskosten über dem CO2-Preis-Niveau liegen, kann es für Unternehmen schwierig sein, Abnehmer zu finden“. Verbraucher und Unternehmen müssten informierte Entscheidungen treffen können. Die radikaleren Forderungen:  Zunächst Incentivierung von ökonomischen Investitionen (z. B. Photovoltaik-Anlagen auf Kundenparkplätzen), die auch in eine Pflicht umgewandelt werden kann, „um die notwendige Dynamik zu erhöhen.“   „Besonders klimaschädliche Produkte und besonders klimaschädliches Verhalten werden idealerweise durch eine marktbasierte Verteuerung oder Anreize für Alternativen aus dem Markt gedrängt. Wo dies nicht schnell genug geschieht oder die Gefahr von übergroßen Lock-in-Effekten besteht, muss auch über ordnungsrechtliche Vorgaben nachgedacht werden. Ordnungsrecht kann auch dazu dienen, neben den Menschen, die über Information und Teilhabe erreicht werden und die gemeinsam die Energiewende gestalten, ein gewisses Verhalten, eine Konsumentscheidung etc. vorzugeben, wenn andere Entscheidungen nicht mit der Klimaneutralität kompatibel sind.“

'mi'-Fazit: Umweltschutz und Nachhaltigkeit wird eines der bestimmenden Themen der kommenden Jahre – mit dem Potenzial, komplett neue Rahmenbedingungen für alle Märkte zu definieren  Ein wesentliches Problem zeichnet sich ­bereits ab: Wer das 'richtige' Tempo festlegt, entscheidet auch über die Marktbedingungen und -protagonisten  Die kommende Bundesregierung wird dieser Studie viel Aufmerksamkeit schenken  Das sollten Sie ebenfalls tun und sich mit den wesentlichen Punkten vertraut machen  Auf der Startseite www.dena.de finden Sie einen Button, hinter dem sich der Abschlussbericht verbirgt  Wir senden Ihnen die Studie gern als PDF zu: Eine E-Mail an [email protected]­intern.de mit dem Betreff 'dena-Studie' und Ihrer 'mi'-­Kundennummer im Textfeld genügt  Nach Ihrer Lektüre interessiert uns: Wie sehen Sie die dort aufgeworfenen ­Punkte und Handlungs­empfehlungen?

Klimafreundlicher Konsum

Klimafreundlicher, nachhaltiger Konsum sollte zielgerichtet angereizt und über Preissignale gelenkt werden. Die Förderung klimafreundlichen Konsums kann aus drei Stufen bestehen:

  1. Information und Kommunikation zu klimafreundlichem Verhalten, nachhaltigen Alternativen und (energie) sparendem Verhalten. Transparenter CO2-Fußabdruck auf allen Endprodukten, ggf. unterstützt durch Labels zur Klimafreundlichkeit (ähnlich dem Energieverbrauchslabel).
  2. Anreize zur Vermeidung durch eine zielgerichtete Bepreisung, etwa für besonders energieintensive Werkstoffe im Endverbraucherbereich (z. B. Plastikverpackungen), um Anreize zur Vermeidung oder Substitution zu geben.
  3. Ergänzung durch ordnungspolitische und ordnungsrechtliche Maßnahmen wo möglich und sinnvoll. In einzelnen Fällen können Verbote sinnvoll sein. Beispiel Einwegplastik: Eine freiwillige Selbstverpflichtung des Handels zur Plastikreduktion könnte bei Zielverfehlung mit einem Verbot nicht-erneuerbarer Verpackungsformen bewehrt werden.

Wichtig bei all diesen Maßnahmen ist die Verhältnismäßigkeit der Maßnahme und die Schaffung und Förderung von Alternativen. [...] Die Entwicklung dieser Alternativen sollte in der Regel marktbasiert erfolgen bei einer kostengerechten Besteuerung der umweltschädlichen Alternative.

 

Robin Meven M.A.
Chefredakteur
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