Redaktionsgespräch mit Prof. Dr. Friederike Welter am 19. August 2014

Dr. Carsten Linnemann
'mi'-Herausgeber Olaf Weber im Gespräch mit IfM-Präsidentin Prof. Dr. Friederike Welter und Chefredakteur Dr. Frank Schweizer-Nürnberg

‘mi’: Frau Prof. Welter, es fällt auf, dass das IfM einen hohen Frauenanteil aufweist. Sie sind dessen Präsidentin und sie haben eine Stellvertreterin. Von 29 Mitarbeitern sind 18 weiblich. Hat dieser hohe Frauenanteil irgendetwas mit gesetzlichen Vorgaben, gar mit dem Bundesgremienbesetzungsgesetz zu tun, oder hat es sich einfach ergeben, weil das Institut als Arbeitgeber Frauen quasi magisch anzieht?

Welter: Nein, mit gesetzlichen Vorgaben hat es nichts zu tun. Aus meiner Sicht sind zwei Punkte entscheidend. Zum einen fällt mir –  übrigens auch international – auf, dass auf Konferenzen, auf denen es um Mittelstands- und Unternehmensforschung geht, der Frauenanteil mindestens genau so hoch ist wie der Männeranteil. Das bedeutet: Der Forschungsbereich zieht Frauen an. Zum anderen hängt es damit zusammen, dass man bei uns auch im wissenschaftlichen Bereich in Teilzeit arbeiten kann.

‘mi’:  Halten Sie aus Ihrer Sicht eine gesetzliche Regelung einer Frauenquote für sinnvoll oder sollte sich das so einspielen? Ist es gerade auch gegenüber Mittelständlern richtig, gesetzlich vorzuschreiben, wie hoch der Anteil der Frauen in den Gremien, im Unternehmen sein muss?

Welter: Das betrifft nur die großen Unternehmen.

‘mi’: : Bisher ja, aber wir wissen, wie das in der Regel weitergeht. Zunächst wird es nur für börsennotierte Unternehmen angeordnet, anschließend wird es peu á peu für alle vorgeschrieben.

Welter: Ich habe fünf Jahre in Schweden gelebt und dort erfahren, was es heißt, wenn beispielsweise im Wissenschaftsbereich bei der Gremienbesetzung wirklich darauf geachtet wird, eine Frauenquote zu erfüllen. Als ich nach Schweden ging, war ich keine unbedingte Verfechterin der Frauenquote. Nachdem ich zurückgekommen bin, muss ich sagen, die Quote hat einen gewissen Vorteil. Und zwar einfach, weil sie ein Türöffner ist. Beim Mittelstand sehe ich die Quote als nicht so problematisch an: Mittelständler haben eine sehr ausgewogene Besetzung, was das angeht. Wenn Sie zudem den Fachkräftemangel betrachten, stellen sie fest, Sie brauchen die Frauen. Für Mittelständler, die dem demografischen Wandel begegnen wollen, sind die Frauen einfach ein Reservoir, das sie zukünftig benötigen.

‘mi’: Da wir schon mehrfach den Begriff Mittelstand erwähnt haben, was ist eigentlich Mittelstand?

Welter: Ich stelle bei der Definition vor allem auf qualitative Merkmale ab – eins davon ist die Einheit von Eigentum und Leitung. Das Grundproblem, das wir dabei haben, ist, was passiert, wenn das Eigentum nicht mehr vollständig beim ursprünglichen Eigentümer liegt, wenn nur noch gewisse Mitspracherechte bestehen. Ist das dann kein mittelständisches Unternehmen mehr? Wir haben aber auch den ganz kleinen Handwerker und die Mittelständler, die wir als mittelständische Großunternehmen bezeichnen. Nehmen Sie das Sauerland, Südwestfalen. Da fällt mir automatisch die Kirchhoff-Gruppe ein. Die würden Sie in einer quantitativen Definition niemals unterbringen. Sie ist für mich aber ein typischer Mittelständler. Das Unternehmen ist regional verwurzelt, es ist ein Innovationstreiber, ein Beschäftigungsmotor in der Region. Es fühlt sich dort heimisch und geht auch ein Stück weit über das rein Wirtschaftliche hinaus. Das sind Charakteristika, die typische Mittelständler ausmachen. Also, wir haben die größeren und wir haben die ganz kleinen Unternehmen. Und das Spannende ist, wie sich das verändert. Was passiert mit dem Gründungsgeschehen? Auch Unternehmen wie Kirchhoff sind irgendwann einmal als ganz kleine Unternehmen gestartet. Was wir heute sehen, ist ein völlig anderes Gründungsgeschehen als das, was wir noch vor 20, 30, 40 Jahren hatten.

‘mi’: Gelegentlich hat man den Eindruck, wenn Politiker vom Mittelstand reden, dann denken sie nicht mehr an die ganz kleinen, sondern eher an die großen industriellen Mittelständler, weil die auch schönere Bilder liefern als Ein- oder Zweimann-Betriebe. Nach den Zahlen des IfM hat sich zwar die Anzahl der Selbständigen seit 1991 kontinuierlich erhöht und liegt jetzt bei 4,4 Millionen, aber 57,1 Prozent aller Selbständigen beschäftigen keine Mitarbeiter. Um wen müsste sich aus Ihrer Sicht Politik mehr kümmern, um die Kleinen oder die Hidden Champions, die sehr erfolgreich weltweit unterwegs sind?

Welter: Die Politik kennt die Problematik. Die Solo-Selbständigen sind kein rein deutsches Phänomen, sie sind ein internationales Phänomen. Das sehen wir seit zehn, fünfzehn Jahren. Die Gründe dafür sind sehr verschieden. Häufig wird dies mit prekärer Selbständigkeit gleichgesetzt, auch in der wissenschaftlichen Diskussion. Dem ist jedoch nicht so. Hinter vielen Unternehmen verbergen sich Mikrounternehmen – schöner finde ich daher den Ausdruck Ein-Personenunternehmen. Oder sie bleiben bewusst Solo-Selbständige und wachsen nur temporär innerhalb eines Projekt-Managements. Beides stellt Herausforderungen an die Politik – insbesondere, wenn es um die Gestaltung der Rahmenbedingungen geht. Ein anderes Phänomen können Sie heute bei Start-ups beobachten: Diese sind gar nicht darauf ausgerichtet, in fünf oder zehn Jahren noch zu existieren, sondern die gehen an den Markt, um ihr Unternehmen nach dem Aufbau gewinnbringend zu verkaufen. In diesem Zusammenhang gilt es, sich anschauen, ob die Rahmenbedingungen in Deutschland so etwas begünstigen.

‘mi’: Forschen Sie auch im Bereich der sogenannten Scheinselbständigkeit?

Welter: Nein, wir als IfM machen das nicht. Das Gros der Scheinselbständigkeitsforschung war in den 90er Jahren. Der Gesetzgeber hat damals auch viel geändert, um die Scheinselbständigkeit ein Stück weit einzudämmen.

‘mi’: Das IfM ist 1957 gegründet worden. Sie selbst sagen, das Institut verstehe sich als Politikberater. Der klassische Mittelstand hat oft den Eindruck, Politiker reden gerne vom Mittelstand, machen aber entweder Industrie- oder Konzernpolitik. Für den eigentlichen Mittelstand passiere wenig. Hat das Wirken des IfM in der Politik über all die Jahre gefruchtet oder ist vieles von dem, wozu Sie geforscht haben, in den Schubladen der Ministerien verschwunden? Regiert Politik auf Sie?

Welter: Politik hat andere Zyklen. Das was heute funktioniert, ist schon früher beschlossen worden. Ich glaube, Politik reagiert auf unsere Erkenntnisse. Ich sage dies auch deswegen, weil ich in Diskussionen merke, dass bestimmte Erkenntnissen, die wir ermittelt haben – gerade auch zur Ausdifferenzierung im Mittelstand – angenommen werden. Diese werden seitens der Politik hinterfragt, und es wird auch ganz konkret überlegt, was zu tun ist. Patentrezepte haben wir aber auch nicht.

‘mi’: Auch wenn Sie keine Patentrezepte haben, was sagen Sie im Hinblick auf die Ausdifferenzierung der Politik?

Welter: Um eine konkrete Antwort zu bekommen, müssten Sie mich in einem halben Jahr noch einmal einladen. Wir haben gerade ein Projekt aufgelegt, das sich dezidiert hiermit beschäftigt.

‘mi’: Vor kurzem ist eine Studie erscheinen, wonach ein Drittel der dort befragten Studenten als Beschäftigungswunsch eine Beschäftigung im öffentlichen Dienst angegeben haben. Weitere 20 Prozent konnten sich zumindest eine solche Beschäftigung neben einer Tätigkeit in der Privatwirtschaft vorstellen. Beliebteste Arbeitgeber nach dem öffentlichen Dienst waren Wissenschafts- oder Kultureinrichtungen, also quasi öffentlicher Dienst. Selbständigkeit, Mittelstand kam selten vor. Wie bewerten Sie das?

Welter: Ich denke, das ist eine andere Generation. Eine Generation, die in einer Zeit sehr großer Unsicherheit aufwächst und die Sicherheit im Berufsleben – aber auch im Privatleben – sucht. Ich frage mich, ob es deshalb jetzt auch eine Politik geben muss, die noch expliziter in die Schulen und die Hochschulen geht, um für Selbständigkeit und den Mittelstand zu werben.

‘mi’: Liegt diese Entwicklung auch daran, dass die Anforderungen an Unternehmensgründer inzwischen massiv gestiegen sind? Muss man nicht heutzutage schon Diplomkaufmann, zusätzlich am besten noch Rechtsanwalt sein, um die wirtschaftlichen und rechtlichen Minenfelder entsprechend würdigen zu können? Ist das auch ein Punkt, der viele daran hindert, Unternehmen gründen zu wollen?

Welter: Wer gründet, gründet in der Regel sehr klein. Und je nachdem, in welchem Bereich gegründet wird, sind die Anforderungen auch nicht sehr hoch. Bei der Gründung halte ich dies also nicht für so problematisch. Bei der Übernahme kann dies wiederum anders sein.

‘mi’: Viele unserer Leser klagen über die Bürokratie. Das ist nicht nur ein Problem der mittelgroßen Unternehmen. Es ist ein Problem, das jeden einzelnen Händler, Handwerker, Selbständigen, Freiberufler, betrifft. Das Schlagwort Bürokratie macht viele wütend, seien es Umweltschutzauflagen, Steuerbürokratie oder kommunale Auflagen. Es ist ein unglaublicher Wust, mit dem man sich selbst als kleiner Unternehmer beschäftigen muss.

Welter: Das ist differenziert zu betrachten. Zum einen macht die Bundesregierung viel im Bereich Bürokratieabbau – auch mit Hilfe des Normenkontrollrats. Bürokratieabbau ist aber auch nichts, wo sie mal mit dem Finger schnippen und dann sagen, ich bereinige das. Im Übrigen ist mein Eindruck, dass objektiv schon viel passiert ist. Was Sie ansprechen, ist ein anderes Problem: Es ist die subjektive Wahrnehmung der Mittelständler, vom eigentlichen Geschäft durch die Bürokratie abgehalten zu werden. Die Wissenschaftler, die sich mit Regelungen und dem Mittelstand beschäftigen, untersuchen daher nicht nur wie viel Zeit Unternehmen mit Bürokratie verbringen, sondern auch wie sich der Mittelstand eigentlich subjektiv mit bestimmten Regeln fühlt.

‘mi’: Sie haben eben das Stichwort Geschäftsübernahme gegeben. Selbständigkeit durch Gründung ist das eine, Selbständigkeit durch Übernahme das andere. Es gibt den alten Marketingspruch: "Es ist fünf Mal leichter einen Kunden zu halten, als einen neuen zu gewinnen". Deshalb könnte man ganz naiv denken, es sei fünf Mal leichter, ein bestehendes funktionierendes Unternehmen fortzuführen, als ein neues zu gründen. Wäre es nicht Aufgabe der Politik, dafür zu sorgen, dass die Unternehmen der Mittelständler, die wir haben, fortgeführt werden, statt immer wieder neue blutige Anfänger, etwas provokant ausgedrückt, in die Selbständigkeit zu drücken?

Welter: Wir brauchen beides. Unter ökonomischen Gesichtspunkten betrachtet brauchen Sie eine gewisse Turbulenz im Marktgeschehen: Sie brauchen Markteintritte und Marktaustritte, um auch immer wieder Innovationen  in den Markt zu bringen. Man braucht Wettbewerb. Im Nachfolgebereich unternimmt die Politik bereits einiges. Allerdings sind auch die Mittelständler selbst gefragt: Viele warten bis zum letzten Moment, weil sie hoffen, es werde sich aus der Familie doch noch der Sohn oder die Tochter zur Übernahme bereit erklären – obwohl absehbar ist, dass dies nicht funktioniert. Wenn Sie eine Übergabe beabsichtigen, müssen Sie diese im Prinzip zehn bis fünfzehn Jahre bevor Sie sich zurückziehen wollen, planen und angehen. Das bedeutet allerdings auch, dass man an das Thema ´Nachfolge´ ein bisschen unsentimentaler herangehen muss. Das Motto, das Unternehmen war jetzt 150 Jahre in der Familie, dann hoffen wir mal, dass es noch weitere 150 Jahre in der Familie verbleibt, taugt dabei auf jeden Fall nicht.

‘mi’: Lassen Sie uns noch einmal zum Thema Bürokratie zurückkommen. Bei Gesetzesvorlagen gibt es am Schluss immer einen schönes Passus, der lautet: „Kosten“. Meist steht dann dort: “Keine“. Naiverweise könnte man meinen, es sei darüber nachgedacht worden, welche Kosten dieses Gesetz verursacht. Aber dieser Posten bezieht sich nur auf die Kosten der öffentlichen Hand. Gesetze können aber irrsinnige Kosten bei Unternehmen verursachen. Muss man die Politik stärker sensibilisieren, auf die Kosten bei den Gesetzesunterworfenen zu achten? Manche gut gemeinten Vorhaben werden teuer erkauft. Nehmen Sie nur einmal die Vergaberichtlinien, mit denen Bundesländer versuchen, die Welt zu retten. Das führt dazu, dass Mittelständler sich nicht mehr an einer öffentlichen Ausschreibung beteiligen, weil der Aufwand viel zu hoch ist. Am Ende des Tages führt das dazu, dass wir Oligopole schaffen. Ein paar Unternehmen machen die Ausschreibungen unter sich aus.

Welter: Das ist ein ganz schwieriges Feld. Ich vergleiche das gerne mit einem Pendel: Man sagt, der Mittelstand wird durch die Regulierung belastet – und baut die Regulierung ab. Gleichzeitig wird gesagt, wir müssen darauf achten, dass wir bestimmte Standards erfüllen – folglich wird Regulierung wieder aufgebaut. Wir erleben die Problematik des Vergaberechts als Institut selbst, wenn wir uns auf manche öffentliche wissenschaftliche Aufträge bewerben: Wir bekommen einen riesigen Packen mit Anlagen – der eigentliche Antrag umfasst dagegen nur zehn Seiten. Aber zurück zu Ihrer Frage, ob die Politik nicht den Mittelstand bereits beim Gesetzgebungsvorhaben stärker berücksichtigen sollte und bei den Kosten oder generell bei der Ausgestaltung genau hinschauen müsste: Ich würde sagen, das macht sie. Ich bin Mitglied im Mittelstandsbeirat der Landesregierung Nordrhein-Westfalen. NRW hat ein sehr ausgefeiltes Verfahren, wie geprüft wird, ob ein Gesetz mittelstandsfreundlich ist. Ich halte das für einen ausgesprochen guten Weg. Aber auch auf Bundesebene gibt es Initiativen, bei denen geprüft wird, ob der Mittelstand in den Gesetzen explizit berücksichtigt wird.

‘mi’: Sie haben angesprochen, man brauche Neugründungen, um die Wirtschaft weiter zu entwickeln. Man sollte aber etwas genauer hinschauen, wer was gründet. Neugründungen bedeuten den Eintritt neuer Wettbewerber in den Markt. Schlimmstenfalls werden subventionierte Unternehmen in den Markt gedrückt, die bestehende Unternehmen aus dem Markt drängen. Wenn sich das neu gegründete Unternehmen nicht überlebensfähig zeigt, haben wir fünf Jahre später weder das neue noch das alte Unternehmen. Ein ähnliches Phänomen gibt es bezüglicher der Verkaufsflächen im Einzelhandel. Wir haben seit Jahren ständig wachsende Verkaufsflächen, ohne eine gleichermaßen steigende Kaufkraft. In den letzten Jahren ist der Onlinehandel hinzugekommen, der inzwischen einen zweistelligen Anteil hat. Das ist ein reiner Verdrängungswettbewerb. Ist es gesamtgesellschaftlich eigentlich sinnvoll, permanent Neugründungen zu subventionieren?

Welter: Ich habe nicht den Eindruck, dass die deutsche Politik in einem Maße Gründungen subventioniert, die bestehende Unternehmen aus dem Markt drängen. Ich habe eher den Eindruck, dass nach Initiativen gesucht wird, mit denen man noch mehr Leute zur Gründung anregen kann. Wenn Sie direkte Subvention sehen wollen, dann müssten wir zurückgehen in die Zeiten, als es Ich AG-Förderungen gab. Da hätte man vielleicht die These halten können, es würden Unternehmen – oder sagen wir Ein-Personen-Unternehmen  ̶ , in den Markt gedrückt, die langfristig nicht lebensfähig sind. Sie können den Erfolg eines Unternehmens zum Zeitpunkt der Gründung unglaublich schwer beurteilen. Ich habe immer ein ganz klassisches Fallbeispiel vor Augen. Wir haben einmal mit einer Unternehmerin gesprochen, die hat sich aus der Arbeitslosigkeit heraus selbständig gemacht. Diese Geschäftsfrau hält heute ein deutsches und europäisches Patent in ihrem Bereich. Die punktuelle Betrachtung ´Ich möchte nur die langfristig Erfolgreichen fördern´ greift folglich nicht. Dafür wissen wir auch aus der Wissenschaft viel zu wenig darüber, wie es tatsächlich funktioniert.

'mi'-Redaktionskonferenz mit Prof. Dr. Bernd Lucke
Chefredakteur Carsten Schmitt

‘mi’: Ein Aspekt für ein erfolgreiches Gründungsunternehmen ist das Rüstzeug, das der Gründer mitbringt. Es gibt noch in einigen Gewerken die Voraussetzung des Meisterbriefes als Erlaubnis, um sich selbständig machen zu können. Vor kurzem gab es eine Pressemitteilung des Zentralverbandes der Augenoptiker, der von der Europäischen Kommission aufgefordert wurde, bis November dieses Jahres Argumente zu liefern, warum in der Augenoptik der Meisterbrief erhalten werden soll. Was sagen Sie dazu, dass es offenbar Bestrebungen gibt, seitens Brüssel diese Qualitätsvoraussetzungen in Deutschland anzugreifen? Lohnt es sich, für den Erhalt des Meisterbriefes in der Gesundheitsbranche wie der Augenoptik zu kämpfen? Können Sie dieses Anliegen unterstützen?

Welter: Wir machen keine einzelnen Branchenstudien. Soweit ich weiß, ist der ZDH in dem Bereich unterwegs und aktiv. Durch meine Arbeit im Mittelstandsbeirat der Landesregierung Nordrhein-Westfalen weiß ich, dass dies ein Thema ist, das auf der Agenda steht.

‘mi’: Losgelöst von den Augenoptikern, würden Sie sagen, es ist sinnvoll, auf die Kriterien eines Meisterbriefes zu achten? Ist das etwas, das erhalten bleiben und nicht auf einem Altar der Gleichmacherei in Europa geopfert werden sollte?

Welter: So würde ich mich nicht positionieren. Ich finde, die Inhalte, die der Meisterbrief vermitteln kann, sind diejenigen, die ein Unternehmer zur Leitung braucht, wenn er sich selbständig machen möchte. Das sind im Prinzip die nötigen kaufmännischen und gewerblich technischen Kenntnisse. Insoweit hat der Meisterbrief seine Berechtigung.

Chefredakteur Hans-Jürgen Lenz

‘mi’: Die Automobilbranche wird geprägt durch unheimliche Gewaltexesse der Hersteller gegenüber den Händlern. Wenn dazu noch ökonomische Bedingungen herrschen, die die Selbständigkeit, die Existenz der Mittelständler außerhalb des Unternehmens massiv und akut gefährden, ist das für Automobilfachhändler fast tödlich. In einer Studie vom April, die Sie gemeinsam mit dem BDI und der Deutschen Bank gefertigt haben, steht, die wirtschaftspolitischen Maßnahmen führten am Standort Deutschland zum Stillstand. Das können wir nur unterstreichen. Welche Auswirkungen dies hat, können Sie anhand des Vergleichs der Pkw-Neuzulassungen seit der Wiedervereinigung sehen. Wir sind in den ersten sieben Monaten 2014 in Stück gerechnet auf dem drittniedrigsten Absatzniveau seit der Wiedervereinigung.

Welter: Bei der Entwicklung der Pkw-Neuzulassungen gebe ich zu bedenken, dass wir auch hier einen Strukturwandel sehen. Einen Strukturwandel nicht nur im Mittelstand, sondern auch generell im Konsumverhalten der Leute, das den Mittelstand betreffen wird. Die Pkw-Neuzulassungen werden sich als Konjunktur-Indikator nicht mehr sehr lange eignen: Bei der jüngeren Generation entwickelt sich das Verhalten vom Besitz weg zum Teilen. Oder auch zu smarten Mobilitätskonzepten. Daraus ergibt sich die Frage, welche Unternehmen langfristig in so einem Markt erfolgreich sein werden. Ich kenne eine Ausgründung der Universität Siegen – eine der ersten Ausgründungen überhaupt – , bei der sich jemand mit einem Car-Sharing-System selbständig gemacht hat. Und zwar zu einer Zeit, als noch niemand über Car-Sharing sprach. Die Software des Gründers ist heute in den meisten Car-Sharing-Systemen zu finden. Es ist also nicht nur interessant und spannend für die Forschung des Instituts den Blick auf die aktuellen Rahmenbedingungen zu werfen, sondern auch darauf, was mit dem Mittelstand eigentlich in Bezug auf den Strukturwandel passiert.

Chefredakteur René Efler
Ressortleiter Robin Meven

‘mi’: Lassen Sie uns noch einmal zur Gründerszene kommen. Da passieren zurzeit ein paar Dinge, die schon bemerkenswert sind. Da steigt eine philippinische Telefongesellschaft in ein Unternehmen der Samwer-Brüder, Rocket Internet, ein, das einen Börsengang plant. Das steigert den Wert des Unternehmens beträchtlich, sofern man den Kaufpreis als Indikator nimmt. Acht Tage später steigt einer der bekanntesten Milliardäre Deutschlands, Herr Dommermuth, auch in dieses Unternehmen ein und legt noch einmal deutlich eine Schippe drauf, womit der Wert dieses Unternehmens auf dem Papier den gigantischen Bereich von über 4 Mrd. Euro erreicht hat. Ein Unternehmen, dessen Geschäftskonzept ausschließlich auf das Internet setzt. Spielt sich zukünftig alles nur noch virtuell ab? Oder werden irgendwann auch wieder Unternehmen eine Chance haben, die ganz real wirtschaften?

Welter: Zu den Samwer-Brüdern kann ich selbst nichts sagen. Sie sind erfolgreich mit dem Prinzip, Geschäftsmodelle, die in anderen Märkten funktionieren, auf den deutschen Markt zu übertragen. Bei Unternehmensbewertungen bin ich immer ein bisschen vorsichtig, weil in der Dotcom-Blase viele Unternehmen überbewertet wurden, hinter denen wirklich nichts steckte. Bei den Samwer-Brüdern steckt zumindest was dahinter. Was wir nicht zurückdrehen können, ist das Internet. Damit muss auch der Einzelhandel leben. Es gibt nun mal den Onlinehandel – auch wenn ich persönlich den Fachhandel schätze. Für mich als Wissenschaftlerin ist daher interessant zu fragen, wie der Mittelständler die verschiedenen Internet-Instrumente nutzen kann.

‘mi’: In der Sport-Fachhandelsbranche, wie generell in den Konsumgüterbranchen, stellt sich das Problem, dass der Onlinehandel für Fachhändler schwer zu realisieren ist. Nicht, weil der Mittelstand nicht gewillt ist zu investieren, sondern weil einerseits die Eintrittsbarrieren in diesem Markt unglaublich hoch sind, andererseits weil dort teilweise Unternehmen unterwegs sind, die jahrelang mit hohen Anlaufverlusten planen und gar keine Gewinne benötigen. Deren Ziel ist schlicht der Weiterverkauf des Unternehmens oder der Börsengang. Die setzten ausschließlich auf Umsatzmaximierung. Damit kann kein seriös kalkulierender Fachhändler in seinem Onlineshop mithalten.

Welter: Das sind Beispiele dieser typischen Start-ups, die ich eben beschrieben habe, bei denen nicht mehr die Gewinnerzielung im Vordergrund steht. Vielmehr planen sie gleichzeitig mit dem Markteintritt den Weiterverkauf. Das ist ein Wandel – den werden Sie nicht zurückschrauben können. Die Frage ist, wie der Mittelstand darauf reagieren kann. Vielleicht, in dem er zu einem ganz alten Konzept greift und überlegt, ob man mit Kooperation in dem Bereich etwas machen kann.

‘mi’: Wenn eine Kooperation wie die Intersport, die immerhin weltweit über zehn Mrd. Euro umsetzt, online geht, hat sie trotzdem das Problem, sich die Preise, die ihre Mitglieder stationär zum Überleben benötigen, nicht selbst kaputt machen zu können. Sie muss also zu Preisen verkaufen, die beispielsweise von Amazon oder Zalando torpediert werden, oder auch von Spezialanbietern, wie beispielsweise Campz. Auch für eine Kooperation ist die Eintrittsbarriere unglaublich hoch, weil es nahezu unmöglich ist, preislich konkurrenzfähig zu sein.

Welter: Das Problem ist also: Was ist das Geschäftsmodell der Zukunft? Ich habe ad hoc keine Antwort dafür.

‘mi’: Noch einmal zum Geschäftsmodell der von Ihnen und uns beschriebenen Start-ups, deren Ziel schon bei der Gründung der Weiterverkauf ist. Das steht diametral zu dem, was den Mittelstand auszeichnet: nachhaltiges Wirtschaften über Generationen. Müsste man dann nicht ein solches Geschäftsmodell quasi aus der Definition Mittelstand rausnehmen?

Welter: Nein. Diese Start-ups sind – wenn Sie so wollen –  eine schnelle Art und Weise, Geld zu machen. Diese Unternehmensform gibt es übrigens nicht nur in Deutschland. Es handelt sich vielmehr um eine Generation von Gründern, die eine andere Philosophie haben. Ich habe das auch schon einmal in Osteuropa beobachtet, beispielsweise in Ungarn: Ungefähr Ende der 90er Jahre, Anfang 2000 gab es eine Generation, die gründete nicht mit dem Gedanken ´Ich gründe jetzt, plane in 10 Jahren 100 Mitarbeiter zu beschäftigen, und in 15 Jahren übergebe ich das Unternehmen an meinen Sohn´. In diesem Zusammenhang – ich habe kürzlich auch ein schönes Beispiel einer solchen Gründung gelesen: Das gegründete Unternehmen ist in Berlin gescheitert, es wurde aber von Google aufgekauft. Die Gründer arbeiten nun wieder abhängig beschäftigt bei Google in Kalifornien –  im Grunde genommen sind die Gründer an sich also nicht gescheitert.

‘mi’: Wie lautet eigentlich Ihre Definition von Start-up? Mit Start-up verbinden viele das Image, da sitzen zwei Jungs mit dem Laptop und der Sonnenbrille im Cafe und spielen Unternehmer. Manche Unternehmen wollen wegen dieser Vorstellung bewusst nicht Start-up genannt werden. Die wollen sich im Gegenteil davon abgrenzen, weil sie eine langjährige Unternehmensperspektive haben.

Welter: Ich habe keine spezielle Definition für Start-up. Für mich sind auch diese Unternehmensgründungen.

Chefredakteur Georg Clemens

'mi': Welche verheerenden Folgen die angesprochenen Geschäftsmodellen haben, können Sie für die Möbelbranche an Westwing und an home24 sehen. Beides Unternehmen aus der Samwer-Schiene. Die wollen ihre Performance ausschließlich über den Umsatz steigern und setzen ganz auf Niedrigpreise. Das Fatale für den bestehenden, stationären mittelständischenFachhandel ist, dass die Kunden mit diesen Preisvorstellungen zu ihm kommen. Ganz praktisches Beispiel: Jemand möchte eine Einbauküche kaufen. Das geht mittlerweile auch online. Er geht nach der Internetrecherche zu seinem Küchenstudio. Die Kastenmöbel sind nicht vergleichbar, weil sie individuell angepasst werden. Aber die Elektrogeräte sind vergleichbar. Den niedrigsten Internetpreis verlangt er dann von seinem Küchenstudio. Das hat aber eine Kalkulation, die beide Leistungen zusammenfasst. Lässt er sich auf die Preisdiskussion ein, geht seine Kalkulation baden. Das kann er sich ein, zwei Jahre anschauen, dann ist es für viele existenzgefährdend.

Welter: Hinter dieser Schilderung stecken für mich eigentlich mehrere Fragen und Aspekte. Zum Beispiel: Warum merken die Mittelständler das erst jetzt? Die Unternehmen hätte viel früher damit werben müssen, dass sie die Fachkräfte haben, die Beratung und andere Dienstleistungen anbieten. Stichwort Erlebnisökonomie: Der Trend ist nicht neu, den gibt es schon seit ein paar Jahren. Der andere Punkt, den ich sehe: Was wollen Sie der Politik empfehlen? Geschäftsmodelle, wie die der Samwer-Brüder, zu verbieten? Das ist unrealistisch. Das passiert nicht.

Peter Midasch
'mi'-Justiziar Dr. Gregor Kuntze-Kaufhold

‘mi’: Nein, wir fordern nicht, Geschäftsmodelle zu verbieten. Möglicherweise wäre eine Lösung, der Industrie zu erlauben, unterschiedliche Kosten unterschiedlicher Absatzformen bei den Konditionen zu berücksichtigen. Der stationären Handel hat eine bestimmte Kostenstruktur: Miete für Geschäfts- und Lagerräume, Löhne für qualifizierte Mitarbeiter, höhere Steuerbelastung usw. Onlinevertreiber haben diese Kosten nicht. Die Idee der Industrie war, dem stationären Fachhändler andere Einkaufskonditionen einzuräumen als dem reinen Onlinevertreiber. Aber wenn der Markenhersteller das tut, kriegt er momentan den Knüppel zwischen die Beine. Das Kartellamt greift in die Vertragsfreiheit ein. Frau Prof. Welter, besten Dank für die sehr anregende intensive Diskussion.