Redaktionsgespräch mit dem Präsidenten des Handelsverbandes NRW Michael Radau am 28. September 2017

mi:  Herr Radau, Sie haben auf dem Jahresverband der Handelsverbände am 8. März gesagt, der Handel habe den Wandel immer aktiv und selbstbewusst mitgestaltet. Das Tempo der Veränderung sei aber heute so atemberaubend, dass die Reaktionszeiten der Unternehmen dem kaum noch gewachsen seien. Gerade inhabergeführte Fachgeschäfte schafften dies oft nicht. Jetzt sind wir sechs Monate weiter. Hat sich am Befund etwas geändert und welche Rezepte gibt es seitens des Handelsverbandes, um zu verhindern, dass nur noch große Player, überwiegend aus anderen Ländern, den Handel bestimmen?

Radau: Bei der Rede ging es mir darum, zunächst einmal ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie die Situation ist. Mit der neuen Landesregierung habe ich inzwischen bei den zuständigen Ministerinnen und Ministern vorgesprochen und erlebe, dass einigen durchaus bewusst ist, was gerade im Handel passiert. Was hat sich seit dem Frühjahr getan? Die Erkenntnis, wie massiv dieser Wandel sein wird, ist gewachsen. Nicht nur wegen der wieder auftauchenden Fragen zum Thema Warenhäuser. Da finden Veränderungen statt, die unsere Innenstädte, zum Teil auch die 1a-Lagen, massiv verändern werden. Das ist der eine Punkt. Der andere Punkt ist zu erkennen, dass Stadtteilzentren, Mittelstädte, kleine Kommunen in einer unglaublich schwierigen Situation sind. Die Antwort, was wir tun können, ist keine einfache. Wäre sie einfach, dann wäre sie wahrscheinlich auch schon umgesetzt worden. Für mich ist der erste Schritt der, dass wir tatsächlich das Bewusstsein über die Situation herstellen müssen. Dass wir allen Beteiligten klarmachen müssen, was sich unwiederbringlich verändern wird. Und ich sage ganz eindeutig wird, nicht kann. Es wird passieren.

mi: Wem muss man das am meisten erklären?


mi-Herausgeber Olaf Weber, Michael Radau und Mi-Chefredakteur Dr. Frank Schweizer-Nürnberg, v.l.n.r. | © markt intern

Radau: Man muss es den politischen Verantwortlichen klarmachen, den Verwaltungsverantwortlichen und noch mehr muss man es den Händlern selbst verdeutlichen. Nicht allen ist klar, dass sie der Digitalisierung folgen müssen. Wir sind daher sehr intensiv in Überlegungen, so etwas wie einen Digitalisierungscoach zur Verfügung zu stellen. Wir erleben bei Fortbildungsprogrammen, Vorträgen oder sonstigen Veranstaltungen ganz oft, dass sich dazu die üblichen Verdächtigen einfinden. In der Regel Unternehmen, die schon relativ weit sind in dem Bereich. Die holen sich noch einmal eine Bestätigung, vielleicht noch einmal einen kleinen Input, die tauschen sich dort mit jemandem aus, der sich auch schon auf den Weg gemacht hat. Aber diejenigen, die in die Materie noch nicht eingetaucht sind, die trauen sich gar nicht mehr da hin. Die trauen sich nicht, weil sie das Gefühl haben, dann dort als ‘Digitaldepp’ geoutet zu werden. Doch genau denen müssen wir klarmachen, wie sie sich am Markt zukünftig positionieren müssen.

mi: Bevor wir zu den Rezepten kommen, was man machen sollte, würden wir gerne den Aspekt noch einmal vertiefen, ob und wie die Politik sensibilisiert werden muss. Unsere Analyse der Wahlprogramme der sechs Parteien, wenn wir CDU/CSU mal insoweit als eine Partei nehmen, die in den Bundestag eingezogen sind, hat hinsichtlich der Aussagen zum Handel ein erschreckendes Ergebnis erbracht. Dazu finden Sie bei der Union nichts, bei der AfD nichts, bei Bündnis 90/Die Grünen und bei der Linken nichts. Zwei Parteien haben etwas dazu gesagt. Die FDP hat sich mit den Ladenöffnungszeiten befasst, die sie generell auch sonntags freigeben möchte. Interessanterweise eine Angelegenheit, die nur die Länder regeln können. Die einzige Partei, die etwas mehr formuliert hat, ist die SPD. Die hat immerhin festgestellt, sie wolle die Ergebnisse der Dialogplattform Einzelhandel umzusetzen versuchen. Zudem hat sie sich damit beschäftigt, wie es mit der Datensicherheit im Onlinehandel aussieht und sie will dem Bundeskartellamt mehr Kompetenzen im Hinblick auf den Verbraucherschutz einräumen. Letzteres macht uns Sorgen, weil wir der Meinung sind, das Bundeskartellamt sei der falscheste Adressat dafür. Ist dieser Befund nicht für einen Handelspräsidenten demotivierend?

Radau: Für mich ist es nicht unbedingt demotivierend, weil ich unabhängig davon, ob sich das jetzt in den Parteiprogrammen ausdrückt, schon das Gefühl haben, dass bei den Politikern die Erkenntnis gewachsen ist, hier etwas tun zu müssen. Wir haben in den vergangenen Jahren auch an verschiedenen Stellen gezeigt, dass der Handel selbst Verantwortung übernimmt. Ein Beispiel dafür ist das Thema Plastiktüten, das unser Landesverband vor zwei Jahren aufgebracht hat. Wir haben die Initiative zur Selbstverpflichtung gestartet, die am Ende erfolgreich war. Es war ein erster wichtiger Schritt, der auch uns manchmal sehr kritisch gegenüberstehenden politischen Vertretern gezeigt hat, dass wir eine Selbstverpflichtung hinbekommen, die in tatsächlicher Handlung mündet. Aber das ist definitiv nur ein kleiner Punkt. Uns ist bewusst, dass wir noch eine Menge machen müssen. Gehen Sie mal durch bestimmte Stadtteile, gehen Sie mal durch bestimmte kleinere Städte und Sie erkennen den Totentanz in der Innenstadt.


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mi: Diese Verödung hat gravierende Folgen für die gefühlte innere Sicherheit der Bevölkerung. Die Ängste nehmen zu, wenn der qualifizierte Handel sich dort zurückzieht.

Radau: Oder funktionierende Gastronomie, was damit zusammenhängt. Das ist definitiv eine Spirale, die man sich ansehen kann.

mi: Kommen wir mal zu einer der Ursachen, die mit der Veränderung zu tun hat: stationärer Handel versus Onlinehandel. Sinnigerweise gab es heute eine Veröffentlichung von Rocket Internet, die mitgeteilt haben, 13 Prozent von Delivery Hero für 650 Millionen Euro verkauft zu haben. Darin zeigt sich, was es mit den desruptiven Kräften der Plattformökonomie auf sich hat. Einen dreistelligen Millionenbetrag mit dem Verkauf einer Beteiligung an einem Unternehmen zu erzielen, das überwiegend Verluste schreibt, ist beachtlich. Der Hype, der um Startups und die Internetökonomie gemacht wird, überrascht, wenn man sich die massiven volkswirtschaftlichen Verwerfungen anschaut, die damit für die Branche verbunden sind. Die Steuerquote dieser Unternehmen ist vermutlich deutlich niedriger als die Ihres Unternehmens. Wir wollen und können das Internet nicht verbieten. Aber die Politik darf die Augen nicht davor verschließen, welche erheblichen volkswirtschaftlichen Verwerfungen es gibt.

Radau: Definitiv. Wir können und wollen das Internet nicht verbieten. Wir müssen den Händlern, die den Charme einer Innenstadt oder einer Handelslandschaft ausmachen, aufzeigen, wie sie Online/Offline miteinander verknüpfen können. Dass heißt nicht unbedingt immer, selbst einen eigenen großen relevanten Onlineshop aufzumachen. Ich muss ja überhaupt erst einmal im Netz gefunden werden. Ich muss über das Smartphone darstellbar sein. Ganz viele Händler-Seiten sind auf dem Smartphone eigentlich nicht vernünftig zu erkennen. Dieser Standard, auf allen möglichen Formaten zu finden zu sein, ist für viele Einzelhändler noch lange keiner. Ich möchte trotzdem ganz deutlich machen, dass wir nicht argumentieren sollten, der böse Onlinehandel mache uns stationär kaputt. Das wäre grundfalsch, weil dieses Denken uns lähmt, uns hemmt. Wir werden Einzelhändler verlieren, die ihre Hausaufgaben nicht machen. Es geht jetzt für mich darum, denjenigen, die Lust auf eine Handelszukunft haben, jegliche Unterstützung zu geben. Wie kommen die in die digitalisierte Welt rein und wie können wir sie unterstützen? Auch bei einem Programm, das den Handel mehr zu einem – ich gehe jetzt wirklich ein bisschen weiter in die Zukunft –Eventdienstleister macht. Ich glaube, dass Innenstädte in der Zukunft sich nicht mehr dadurch auszeichnen, dass Kunden sie aufsuchen, um sich ihren Wagen mit Waren vollzumachen und dann nach Hause zu fahren, sondern sie wollen dort eine Erlebniswelt vorfinde. Die klassische Einkaufssituation werden wir nicht mehr lange haben.

mi: Es gibt Händler, die das digitale Gen irgendwie im Blut haben. Aber dann gibt es auch wieder diejenigen, denen die Beschäftigung mit diesen Fragen schwerfällt. Aber inzwischen sitzen alle in einem gemeinsamen Boot. Nehmen wir nur das Thema innere Sicherheit und das bereits angesprochene Sicherheitsgefühl in den Innenstädten. Das wird sich nicht verbessern, wenn die Kleinen sterben und sich nur die Großen behaupten. Wie können wir auch diejenigen, denen dieses Gen fehlt, die sich der Digitalisierung warum auch immer verweigern, überleben? Können wir es uns erlauben, die alle über die Klinge springen zu lassen? Müssen wir nicht gemeinsam die Forderung verstärken, auch die stationäre Einkaufskultur in der Innenstadt wieder attraktiver zu gestalten, etwa durch ausreichend Parkplätze?

Radau: Da bin ich völlig bei ihnen. Deswegen habe ich eben gesagt, ich glaube, dass sich die Einzelhandelslandschaft deutlich verändern wird. Zum Überleben des innerstädtischen Einzelhandels braucht es Rahmenbedingungen, die mir als Verbraucher Lust machen, dort hinzugehen. Dazu gehört eine unkomplizierte Erreichbarkeit. Ich glaube, dass wir uns in einem Wandel befinden, auch bei der Fortbewegung. Wenn wir uns in 15 Jahren wieder verabreden, dann fahren wir hier vielleicht mit einem selbstfahrenden Auto, in das ich einfach an einer Stelle einsteige und auf der Grafenberger Allee einfach wieder aussteige. Aber eines möchte ich auch ganz deutlich machen, derjenige, der sich dieser Thematik verweigert, der wird das je nachdem wie gut oder schlecht er ist, noch drei, fünf, von mir aus auch zwölf Jahre aushalten, aber irgendwann ist dann dieses Geschäft tatsächlich zu. Gerade die mittelständischen kleineren inhabergeführten Geschäfte müssen lernen, davor nicht die Augen zu verschließen.

mi: Die Digitalisierung ist ein Prozess, der anders als frühere Sprünge bei technologischen Entwicklungen nicht abgeschlossen wird, sondern in einem Kreislauf fortwährender Veränderungen steht. Diese Entwicklung werden wir nicht mehr stoppen. Ein Händler, der in die Digitalisierung einsteigt, unterliegt einem fortwährenden Weiterbildungsprozess, und zwar gezwungenermaßen.

Radau: Gezwungenermaßen und in einer extrem großen Geschwindigkeit. Digitalisierung darf man auf keinen Fall als technische Veränderung verstehen, etwa in der Form, dass ich jetzt meine Rechnung elektronisch und nicht mehr physisch erhalte. Das ist viel zu kurz gegriffen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Wir machen gerade an einem unserer Standorte einen Test, den ich gleichzeitig erschreckend und spannend finde. Wir können von jedem genau sagen, ohne ihn zu kennen, ob er ein bioaffiner Mensch ist. Und wenn er in der Nähe eine unserer Filialen ist, kann ich ihm einen Gutschein schicken und ihm sagen, wenn Du jetzt in einen SuperBioMarkt gehst, kriegst Du zehn Prozent, entweder auf alles oder auf ein ganz bestimmtes Produkt. Dabei wissen wir, dass er sich für ein solches Angebot an einem Nachmittag interessiert, am Vormittag aber nicht. Das ist die Geschwindigkeit, die ich meine. Wenn ich das jemandem vor fünf Jahren erzählt hätte, hätte er mich ausgelacht. Wir müssen den Händlern klarmachen, dass sie ihre Kunden viel besser verstehen müssen. Nicht alle Kunden, das kann man sowieso nicht, sondern ihren Kunden, der für sie infrage kommt. Das macht für mich Digitalisierung aus, ob wir das gut finden oder nicht.

mi: Kommen wir noch einmal zur Plattformökonomie. Alle reden vom Erfolgsmodell Plattformökonomie und empfehlen den Händlern, die großen Anbieter durch eigene Plattformen zu schlagen. Der HDE kooperiert dabei mit Ebay, weil Ebay den Händlern anders als Amazon  keine Konkurrenz mache. Wohin soll das führen, wenn das alle machen? In das Projekt Onlinecity Wuppertal fließen erhebliche Fördergelder. Ohne die wäre das Projekt wahrscheinlich morgen tot. Im Prinzip befeuern wir mit derartigen Modellen das System der großen weltweiten Plattformen und treiben diesen damit immer mehr Umsatz zu. Es wird keine 200.000 Plattformen geben, die erfolgreich sind. Läuft die Entwicklung also auf ein Oligopol hinaus?

Radau: Ich bin definitiv auch kein Verfechter davon, die X-te Plattform zu schaffen. Es wird vielleicht durchaus die eine oder andere Spezialplattformen geben, auf der sich bestimmte Ziel- oder Nischengruppen zu Hause fühlen. Aber die Lösung wird das definitiv nicht sein. Wir müssen als Händler viel stärker serviceorientierter Dienstleister werden. Wir haben als Händler viel zu lange zu intensiv darauf gesetzt, der Preis sei der einzige Faktor, den wir wirklich nach draußen stellen können. Das wird keiner so offiziell bestätigen, aber de facto haben wir unsere Kommunikationsmaßnahmen in extremem Maße darauf ausgerichtet. Dabei haben wir vergessen, dass wir ein sehr wertvolles Gut, nämlich unsere Mitarbeiter, haben, die eine entsprechende Qualifizierung und Ausbildung, auch ein anderes gesellschaftliches Standing haben müssen. Ich finde immer spannend, dass ein Verkäufer in den USA im Social Ranking der gesellschaftlichen Wahrnehmung und Würdigung deutlich höher steht, als das in Deutschland der Fall ist. Ich habe einen guten Freund, der hat ein Textilgeschäft. Dem geht es hervorragend. Warum? Er hat seine Kunden unglaublich individualisiert. Wenn er seine Ware einkauft, dann kauft er nicht einfach ein, sondern er kauft für Herrn Meier und Frau Müller ein und anschließend hat er für beide einen vorkonfektionierten Kleiderständer. Wir müssen uns Gedanken machen, welchen Mehrwert wir unseren Kunden bieten können. Wir brauchen ein anderes Verständnis davon, wie wir mit unseren Kunden handeln wollen. Und die werden trotzdem irgendwann auf die Plattform gehen, aber ich habe als stationärer Händler darüber eine Fähigkeit oder Möglichkeit, Kunden zu binden, zu halten und vielleicht sogar perspektivisch zu gewinnen.

mi: Kommen wir noch einmal zum Ausgangspunkt zurück. Sie haben erwähnt, was Händler machen müssen und wie Kunden sich verhalten. Bleibt die Frage, was die Politik, was die Kommunen machen können. Nehmen wir das Beispiel Mönchengladbach by Ebay. Das ist seitens der Stadt mit ihrer Wirtschaftsförderungsgesellschaft und mit der Hochschule Niederrhein begleitet worden. Aber wie soll die Innenstadt Mönchengladbachs davon profitieren, dass Händler in Mönchengladbach eine eigene Ebay-Seite haben und jetzt Onlinegeschäfte machen? Die Hochschule Niederrhein hatte im Vorfeld eine Verbraucherbefragung gemacht, wie Kunden das Einkaufen in Mönchengladbach empfinden. Das Ergebnis war eher desaströs. Wenn der Stadt dann nichts anderes einfällt, als mit der Hochschule Niederrhein das Projekt Mönchengladbach by Ebay zu machen, ist das ein bisschen wenig. Die Stadt wird dadurch ja nicht schöner. Oder wenn die Grünen bundesweit am liebsten den Pkw in Innenstädte komplett außen vor lassen würden. Die Kunden wollen trotzdem am liebsten mit dem Auto zum Einkaufen fahren. Thomas Geisel, der Düsseldorfer Oberbürgermeister, hat hier letztes Jahr im April als Redaktionsgast gesagt, „das Problem zwischen Online- und Einzelhandel werden sie nicht dadurch lösen, indem sie freies Parken einführen. Jedes zweite Haus abreißen und dafür einen Parkplatz bauen.“

Radau: Sowohl Wuppertal als auch Mönchengladbach waren zu Recht Versuchsfelder, auf denen wir sehen können, wo die Grenzen sind und wozu Verbraucher bereit sind. Wir haben uns als Verband an beiden Projekten regional aktiv beteiligt, denn letztlich geht es darum, wie unter Ausnutzung zusätzlicher Vertriebskanäle – und das sind eben sicher auch Plattformen – Händler zusätzliche Umsätze generieren können und damit gestärkt werden. Wir reden alle über Regionalität, die wir alle gut finden. In der Handlungsform sieht das dann manchmal ein bisschen anders aus. Bei Ebay ging es darum, mit einer professionellen Plattform und einem professionellen Anbieter zu schauen, welche Möglichkeiten es zum gegenseitigen Nutzen gibt. Der Nutzen in Mönchengladbach war für die beteiligten Händler höherer als in Wuppertal. Aber natürlich müssen wir sowohl mit Thomas Geisel als auch mit dem Münsteraner OB über die Verkehrspolitik reden. Wir sind da auch im Gespräch mit dem Deutschen Städtetag. Mir ist klar, dass nicht überall kostenfreie Parkplätze die Lösung sind. Ich bin am vergangenen Samstagvormittag in der Innenstadt von Münster gewesen und habe vor den Parkhäusern wieder lange Schlangen gesehen. Das können wir uns nicht mehr erlauben. Wir müssen Infrastrukturen schaffen, die das verhindern. Da gibt es ganz viele kleine Möglichkeiten. In Münster erlebe ich, dass die Schulhöfe am Wochenende alle leer sind. Warum kriegen wir kein einfaches System hin, den Schulen, die alle auch Geldbedarf haben, zu sagen, macht irgendein System, bei dem samstags zwischen 10.00 und 17.00 Uhr der Schulhof als bewirtschafteter Parkraum dient. Nehmt von den Leuten zwei Euro, packt einen Teil der Einnahmen in eure SV-Kasse, der Rest geht in einen Schulfonds. Wahrscheinlich gibt es wieder tausend Gründe, warum man das nicht machen kann. Wenn wir jedoch in der Verwaltung endlich lernen, erst einmal zu überlegen, wie kann ich das umsetzen, statt zu denken, welche Paragraphen sprechen dagegen, dann wären wir schon einen großen Schritt weiter. Den Verbraucher zu zwingen, er müsse den Öffentlichen Nahverkehr nutzen, ist Unsinn. Es hat noch nie funktioniert, Kunden zu etwas zu zwingen. Es sei denn, man macht extreme gesetzliche Repressalien.

mi: Gerade Bewohner der Stadtränder sind eine sträflich vernachlässigte Kundschaft, was die Erreichbarkeit der Innenstädte betrifft. Die Befragungen finden in der Regel nur in den Innenstädten statt. Bewohner der Innenstadt beurteilen die Erreichbarkeit aber gänzlich anders. Wir empfehlen daher dem HDE, Befragungen außerhalb der Innenstadt durchzuführen.

Radau: Für diese Fehlgewichtung gibt es ein schönes Beispiel. In Münster gab es einen Bürgerentscheid zum Thema verkaufsoffene Sonntage. Die Auswertung war sehr spannend. Die Bewohner der Innenstadt haben das abgelehnt. Das war auch klar, weil die sechs Tage in der Woche alles nutzen können und am Sonntag Ruhe haben wollen. Sämtliche drum herumliegenden Stadtteile haben fast durch die Bank gesagt, sie wären dafür, zumindest diese drei oder vier Sonntage, um die es damals ging. Die eigentliche Zielgruppe, die Bürger aus dem Münsterland, durften erst gar nicht abstimmen.

mi: Ein weiteres Problem ist, dass in den Stadträten wenig Händler vertreten sind.

Radau: Da müssen wir uns einfach an die eigene Nase fassen. Sämtliche Einzelhändler in Münster, Mönchengladbach oder Düsseldorf könnten sich ja als Kandidat aufstellen lassen. Ich glaube, es gäbe genug Persönlichkeiten, die dann auch gewählt würden.

mi: War das nicht früher so?

Radau: Früher war es so. Früher wurden wesentlich mehr Stadträte von Unternehmern oder Unternehmerinnen gestellt. Das hat stark abgenommen. Ich kann aber verstehen, warum es so ist. Ich habe an einem halben Dutzend Ratssitzungen teilgenommen und mir danach jedes Mal gesagt, dass ich dafür nicht geschaffen bin.

mi: Lassen Sie uns einen anderen Punkt ansprechen, die Ansiedlungspolitik. Wir haben beispielsweise die kuriose Situation, dass im bergischen Städtedreieck Remscheid, Wuppertal, Solingen in einem Radius von etwa 40 km drei Einkaufszentren entstehen sollen. In Duisburg ist gerade das geplante Designer Outlet Zentrum von den Bürgern abgelehnt worden. Aber das garantiert nicht, dass das Zentrum nicht woanders entsteht. Trotz des boomenden Onlinehandels haben wir unverändert Verkaufsflächenwachstum. Gibt es eine Möglichkeit, insgesamt einen Bewusstseinswandel in den Kommunen zu erreichen?

Radau: Also ich glaube, hier am Tisch wissen alle, wie lange diese Verfahren dauern. Die Sachen, die in den letzten Jahren noch mit großen Flächen dazugekommen sind, hatten oftmals zehn, zwölf Jahre Vorlauf. Ich glaube, die Zeiten der großflächigen Einheiten gehen zu Ende. Ich glaube nicht, dass die großen Konzerne, sofern sie über neue Projekte nachdenken, noch 30.000er oder noch größere Center im Kopf haben. Die suchen nach anderen Möglichkeiten. Damit die möglich sind, muss sich aber auch das Bewusstsein in Politik und Verwaltung ändern, in den Innenstädten wieder eine größere Bebauung zuzulassen. 140, 160 qm Ladengrößen sind oft für einen klassischen Einzelhändler zu klein. Es muss die Möglichkeit geben, aus drei Flächen eine zu machen, ohne nicht zu überwindende Bauauflagen, was den Brandschutz angeht. Die aktuelle Entwicklung wird auch Auswirkungen auf die Immobilienpreise haben. Bis auf vielleicht wenige Städte werden wir in der nächsten Zeit hier eine deutliche Erosion erleben.

mi: Im Moment ist die noch weit entfernt. Schauen Sie sich die Kö an. Da gibt es so gut wie kein selbständiges Geschäft mehr.

Radau: Ja, aber auch dort wird das schwieriger.

mi: Wir sprechen viel über die Digitalisierung. Wir haben auf der anderen Seite aber auch den Effekt, dass viele ein Einkaufserlebnis haben wollen. Die Leute möchten die Waren anfassen, sie anprobieren. Es wird also immer auch einen Umsatz geben, der damit zusammenhängt, ein Einkaufserlebnis haben zu wollen.

Radau: Wenn es eins ist, wäre ich bei ihnen. Aber ganz ehrlich, ich erlebe noch zu viel, was nicht wirklich ein Erlebnis ist. Und die Online- oder auch Multichannel-Unternehmen sehen diesen Umstand sehr stark. Einerseits geben sie Ihnen die Möglichkeit, dieses haptische Erlebnis auch zu Hause zu haben. Und wenn es Ihnen nicht gefallen hat, können Sie die Ware einfach zurückschicken. Sie können auch eine persönliche Beratung haben, bei der der Mensch Ihnen zwar nicht vis-à-vis gegenübersteht, aber über Skype oder eine andere Technologie lässt sich das leicht darstellen. Die Emotionalität anzusprechen, ist einer der Schlüssel zum Erfolg. Aber dann muss ich das auf allen Ebenen tun, dann muss ich mich dort als Kunde wirklich angenommen fühlen. Und ich muss das Gefühl haben, auf meine individuellen Bedürfnisse werde eingegangen.

mi: Die einzige Gruppe, die wir eigentlich nicht mit Publikationen bedienen, sind Lebensmitteleinzelhändler. Da wir jetzt aber hier einen als Gast haben, würden wir mit Ihnen gerne die Frage klären, wie es um Onlineverkäufe im Lebensmitteleinzelhandel bestellt ist. Bisher sind die noch sehr überschaubar, weil die Logistik teurer ist als bei nicht verderblichen Waren. Aber es gibt inzwischen sehr ambitionierte Ansätze. Glauben sie, dass die Welle kommt und wenn ja, wird dann Amazon Deutschlands größter Lebensmitteleinzelhändler?

Radau: Also das wird definitiv kommen, das ist im Moment der auf kleinem Niveau prozentual mit am stärksten steigende Bereich im Onlinehandel. Ich glaube nicht, dass die Logistikkosten viel höher sind. Sie sind vielleicht sogar geringer, weil Textilien beispielsweise häufig zurückgeschickt werden, weil sie einem nicht gefallen oder nicht passen. Das geschieht bei Lebensmitteln eigentlich nicht. Die Käufer rufen vielleicht an und sagen, die Avocado war doch steinhart, obwohl ich sie weich haben wollte. Aber retourniert wird eigentlich nicht. Die Frage ist, wie intelligent setzt sich die Logistik ein und wie weit kann ich den Verbraucher zumindest teilweise an den Kosten beteiligen. Es gab lange die Erwartungshaltung, das Produkt dürfe nur so viel wie im Aldi-Regal kosten. Das ändert sich. Wir werden sicher nicht schnell einen Anteil von zehn, 20 oder mehr Prozent haben. Dafür ist unsere Versorgungsdichte zu intensiv und dafür wird auch noch der Preis zu intensiv gespielt. Aber der Bequemlichkeitsfaktor wird das Spannende sein. Wenn ich das gut hinkriege und vielleicht sogar noch mit wertigen Lebensmitteln, dann ist das tatsächlich ein Feld, auf dem etwas geht. Das ist zugleich eine riesen Chance für die Lebensmittler, das nicht über Amazon laufen zu lassen. Es wird in allen Städten und in kleineren Bereichen zukünftig intelligente, mobile Liefer- und Bringdienste geben. Wenn ich die klug miteinander kombiniere, ist da viel machbar. In Münster gibt es einen Pizzahändler der hat seine Belieferung komplett auf E-Skooter umgestellt. Aber sein Hauptgeschäft geht erst ab 17.00 Uhr los. Tagsüber stehen die Dinger zum Teil rum. Die könnten die Lebensmittellieferanten dann wunderbar nutzen.

mi: Ja, aber wenn Sie die Lebensmittel vor 17.00 Uhr anliefern, treffen Sie den Besteller nicht an.

Radau: Das ist die Frage. Wie weit sind ältere Leute daran interessiert? Wenn da ein Fahrer kommt, mit dem sie tatsächlich reden können, der kommunikationsfähig ist, dann kann das etwas sein, was durchaus sehr geschätzt wird. Der Fahrer nimmt dann die Funktion ein, die sonst der Mitarbeiter im Laden einnimmt.

mi:. Wenn der Fahrer dann eine tabletunterstützte Dialogführung hat, kann ja nix mehr schief gehen. Was allerdings auch bedenklich ist, ist die teilweise doch sehr aufwendige Verpackung.

Radau: Das wäre tatsächlich keine ökologische Lösung. Aber schauen Sie sich die ersten Amazon Bestellungen da. Da haben Sie alle Sachen einzeln bekommen. Da wurde ein Päckchen Butter in einen Karton eingepackt, bei sieben Sachen hätten Sie nachher einen Müllberg ohne Ende. Die lernen aber viel schneller als wir glauben. Wer mal bei DHL Lebensmittel bestellt hat, sieht, die haben mittlerweile sehr kluge Mehrwegverpackungen.

mi: Eine korrekte Umweltbilanz zu erstellen, ist eine Wissenschaft für sich. Die Logistiker sagen ihnen beispielsweise, natürlich ist der Transport eines Paketes nicht umweltfreundlich, aber wir haben nicht nur ein Paket im Auto, wir haben viele Pakete im Auto. Sollten die Kunden die alle einzeln selbst abholen, würden die mehr fahren als wir auf einer Tour. Da wir schon einmal bei Umweltfragen sind, lassen Sie uns abschließend die Energiekosten ansprechen. Der Handel als einer der größten Energieverbraucher ist im Prinzip der größte Zahler der Energiewende neben den privaten Haushalten, weil er im Sinne der EEG-Umlage nicht als energieintensiv gilt und deswegen von der Zahlung nicht befreit ist. Sehen sie da eine Lösung durch eine Jamaika-Koalition?

Radau: Nein. Wir sollten versuchen das Thema ins Bewusstsein zu holen oder im Bewusstsein zu halten. Aber dass eine neue Regierung das System ändert, daran glaube ich nicht. Die Lösung für den Handel kann eigentlich im Moment nur sein, alle intelligenten Systeme der Energieeinsparungen zu nutzen, um unsere Energiekosten, die noch weiter steigen werden, überschaubar zu halten. Ich sehe leider keine andere Möglichkeit.

mi: Herr, Radau vielen Dank für die sehr interessante und offene Diskussion.