Handelspräsident Radau:

Kunden wollen in den Innenstädten eine Erlebniswelt vorfinden

von: Dr. Frank Schweizer-Nürnberg | Quelle: Mittelstand 21/17 | Eingestellt am: 13.10.2017

Michael Radau, © markt intern

Michael Radau, hauptberuflich Inhaber der SuperBioMarkt-Lebensmittelgeschäfte, war am 28. September Gast der 'mi'-Redaktionskonferenz. Allerdings nicht in dieser Eigenschaft, sondern in seiner ehrenamtlichen Tätigkeit als Präsident des Handelsverbandes Nordrhein-Westfalen. Seit vier Jahren übt er dieses Amt aus und doch ist sein Umgang nicht präsidial abgehoben, sondern ausgesprochen offen und kommunikativ. Entsprechend locker ging es in der Diskussion zu, die gleichwohl sehr ernst über gravierende Handelsthemen debattierte. Radau hatte auf dem Jahresempfang seines Verbandes im März in Düsseldorf davon gesprochen, der Wandel sei für den Handel immer selbstverständlich gewesen. Aber aktuell sei das Tempo der Veränderungen „so atemberaubend, dass unsere Reaktionszeiten dem kaum noch gewachsen sind. Manche großen Unternehmen schaffen das, aber nicht alle. Und inhabergeführte Fachgeschäfte schaffen das oft nicht.“

Wie fällt seine Einschätzung heute aus und was kann für inhabergeführte Fachgeschäfte getan werden, damit sie nicht von der Digitalisierung des Handels hinweggefegt werden? Radau sieht die Lage unverändert kritisch, erkennt jedoch Veränderungen zum Frühjahr: „Die Erkenntnis, wie massiv dieser Wandel sein wird, ist gewachsen. Nicht nur wegen der wieder auftauchenden Fragen zum Thema Warenhäuser. Da finden Veränderungen statt, die unsere Innenstädte, zum Teil auch die 1a-Lagen, massiv verändern werden. Das ist der eine Punkt. Der andere Punkt ist zu erkennen, dass Stadtteilzentren, Mittelstädte, kleine Kommunen in einer unglaublich schwierigen Situation sind. Die Antwort, was wir tun können, ist keine einfache. Wäre sie einfach, dann wäre sie wahrscheinlich auch schon umgesetzt worden. Für mich ist der erste Schritt der, dass wir tatsächlich das Bewusstsein für die Situation herstellen müssen. Dass wir allen Beteiligten klarmachen müssen, was sich unwiederbringlich verändern wird. Und ich sage ganz eindeutig wird, nicht kann. Es wird passieren.“ Der Analyse kann 'markt intern' kaum widersprechen. Allerdings bleibt noch zu klären, warum der Einzelhandel etwa in den Wahlprogrammen der Parteien, die in den neuen Bundestag gewählt worden sind, so gut wie nicht vorkommt (vgl. Mi 19/17).


mi-Herausgeber Olaf Weber, Michael Radau und Mi-Chefredakteur Dr. Frank Schweizer-Nürnberg, v. l. n. r. | © markt intern

Für Radau ist dies kein Grund, demotiviert zu sein, weil er „unabhängig davon, ob sich das jetzt in den Parteiprogrammen ausdrückt“, schon das Gefühl hat, bei den Politikern sei die Erkenntnis gewachsen, „hier etwas tun zu müssen“. Man müsse die enormen Veränderungen den politisch Verantwortlichen klarmachen, auch den Verwaltungsverantwortlichen, aber noch mehr müsse man sie „den Händlern selbst verdeutlichen. Nicht allen ist klar, dass sie der Digitalisierung folgen müssen. Wir sind daher sehr intensiv in Überlegungen, so etwas wie einen Digitalisierungscoach zur Verfügung zu stellen. Wir erleben bei Fortbildungsprogrammen, Vorträgen oder sonstigen Veranstaltungen ganz oft, dass sich dazu die üblichen Verdächtigen einfinden. In der Regel Unternehmen, die schon relativ weit sind in dem Bereich. Die holen sich noch einmal eine Bestätigung, vielleicht noch einmal einen kleinen Input, die tauschen sich dort mit jemandem aus, der sich auch schon auf den Weg gemacht hat. Aber diejenigen, die in die Materie noch nicht eingetaucht sind, die trauen sich gar nicht mehr da hin. Doch genau denen müssen wir klarmachen, wie sie sich am Markt zukünftig positionieren müssen.“

Es ehrt den Handelspräsidenten, dass er auch die eigenen Mitglieder berechtigterweise in die Pflicht nimmt. Aber das darf nicht dazu führen, Politik und Verwaltung aus deren Verantwortung zu entlassen. Auch wenn niemand verlangen kann, das Internet zu verbieten, darf die Politik nicht die Augen vor den erheblichen volkswirtschaftlichen Verwerfungen verschließen, die mit dem Onlinehandel einhergehen. Das sieht auch Radau so, ihm ist allerdings wichtig, dass die Branche nicht damit argumentiert, der Onlinehandel bringe sie um. „Das wäre grundfalsch, weil dieses Denken uns lähmt, uns hemmt. Es geht“, so fährt er fort, „jetzt für mich darum, denjenigen, die Lust auf eine Handelszukunft haben, jegliche Unterstützung zu geben. Wie kommen die in die digitalisierte Welt rein und wie können wir sie unterstützen? Auch bei einem Programm, das den Handel mehr zu einem – ich gehe jetzt wirklich ein bisschen weiter in die Zukunft – Eventdienstleister macht.“

Dabei ist für Radau klar, dass diejenigen, die stationäre Geschäfte betreiben und zum Einkaufserlebnis beitragen wollen, aber ihrerseits auch ein Umfeld brauchen, in dem sich Erlebniskauf für die Kunden herstellen lässt. „Zum Überleben des innerstädtischen Einzelhandels braucht es Rahmenbedingungen, die mir als Verbraucher Lust machen, dort hinzugehen. Dazu gehört eine unkomplizierte Erreichbarkeit.“ Es sei für Einzelhändler schwer erträglich, Autos aus den Innenstädten raushalten zu wollen. Die Mehrheit der Kunden will, aus welchen Gründen auch immer, mit dem Auto zum Einkaufen fahren. Das sollte die Politik akzeptieren und nicht versuchen, den Menschen vorzuschreiben, den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen: „Es hat noch nie funktioniert, Kunden zu etwas zu zwingen. Es sei denn, man macht extreme gesetzliche Repressalien.“

Radau hatte auch gleich einen Vorschlag für seine Heimatstadt Münster parat, wie diese das Problem der langen Schlangen vor den Parkhäusern am Wochenende angehen könne. In der Innenstadt gebe es Schulen, deren Schulhöfe leerstünden: „Warum kriegen wir kein einfaches System hin, den Schulen, die alle auch Geldbedarf haben, zu sagen, macht irgendein System, bei dem samstags zwischen 10.00 und 17.00 Uhr der Schulhof als bewirtschafteter Parkraum dient?“, fragt der Handelspräsident und fährt fort: „Nehmt von den Leuten zwei Euro, packt einen Teil der Einnahmen in eure SV-Kasse, der Rest geht in einen Schulfonds. Wahrscheinlich gibt es wieder tausend Gründe, warum man das nicht machen kann. Wenn wir jedoch in der Verwaltung endlich lernen, erst einmal zu überlegen, wie kann ich das umsetzen, statt zu denken, welche Paragraphen sprechen dagegen, dann wären wir schon einen großen Schritt weiter.“

Und noch etwas muss sich ändern, so Radau, wenn der stationäre Einkauf zum Erlebnis werden solle. In der Vergangenheit hätten viele Händler nur versucht, ihren Verkaufspreis zu kommunizieren: „Das wird keiner so offiziell bestätigen, aber de facto haben wir unsere Kommunikationsmaßnahmen in extremem Maße darauf ausgerichtet. Dabei haben wir vergessen, dass wir ein sehr wertvolles Gut, nämlich unsere Mitarbeiter, haben, die eine entsprechende Qualifizierung und Ausbildung, auch ein anderes gesellschaftliches Standing haben müssen. Ich finde immer spannend, dass ein Verkäufer in den USA im Social Ranking der gesellschaftlichen Wahrnehmung und Würdigung deutlich höher steht, als das in Deutschland der Fall ist.“

Durchaus skeptisch sieht Radau die Tendenz, überall digitale regionale Marktplätze zu errichten. Deren Erfolg sei häufig sehr überschaubar. Unabhängig davon seien die Projekte, die teilweise auch staatliche Fördermittel erhalten haben, wie etwa die Online City Wuppertal oder Mönchengladbach bei eBay, sinnvoll gewesen, um daraus zu lernen, was Erfolg bringen könne und was nicht. Vor dem Hintergrund wachsender Onlineumsätze bleibt es ein Phänomen, warum dennoch gleichzeitig die Verkaufsflächen wachsen, wenn auch nur noch minimal. Radau glaubt, die Zeiten der ungezähmten Ansiedlung großer Einzelhandelsimmobilien seien vorbei. Wichtig sei, die Verkaufsflächenbeschränkungen in den Innenstädten zu überdenken. Es müsse möglich sein, mehrere nebeneinanderliegende Immobilien zu verbinden, um daraus eine Ladenfläche zu machen: „140, 160 qm Ladengrößen sind für einen klassischen Einzelhändler zu klein. Es muss die Möglichkeit geben, aus drei Flächen eine zu machen, ohne nicht zu überwindende Bauauflagen, was den Brandschutz angeht.“

Mit Michael Radau hat der Einzelhandel in NRW einen Präsidenten, der auch für unkonventionelle Ideen offen ist, der Engagement an den Tag legt und zu motivieren weiß. Dass er zudem auch als Einzelhändler selbst erfolgreich ist, ist nicht die schlechteste Voraussetzung, für die Branche etwas zu erreichen. Jetzt müsste nur mal so langsam die Politik über ihren Schatten springen und ihrerseits dafür sorgen, dass die Innenstädte wieder zu Plätzen werden, in denen der Handel blüht, und zwar auch für diejenigen, die Einkäufe am liebsten mit dem Auto erledigen.

Das vollständige Redaktionsgespräch mit Radau können Sie hier lesen. Dort erfahren Sie dann beispielsweise auch, was der Handelspräsident im eigenen Unternehmen testet oder wie er über die Chancen des Onlinehandels im Lebensmittelbereich denkt. Ebenso finden Sie hier ein kurzes Videointerview, das wir mit ihm im Anschluss an die Diskussion geführt haben.