Deutschland bleibt Barzahlungsland

Aber die bargeldlose Zukunft rückt näher

von: Dr. Frank Schweizer-Nürnberg | Quelle: Mittelstand 12/2017 | Eingestellt am: 23.06.2017

„Was einen Vorteil bringt, wird auch genutzt – sowohl vom Kunden als auch vom Händler“, ist sich Jochen Siegert, COO des deutsch-amerikanischen Fintech-Unternehmens Traxpay, sicher. In einer spannenden Podiumsdiskussion zum Thema 'Die Zukunft des Bezahlens' wagte er im Berliner Basecamp gemeinsam mit Matthias Hönisch, Head of Cards beim Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR), Ludger Bieberstein, Projektmanager TIHM-Marktsysteme bei REWE Systems, und Sikander Hauser, Head of Ecommerce Business Development – EMEA bei Alipay, dem Bezahldienst des chinesischen E-Commerce-Riesen Alibaba, einen Blick in die Glaskugel. Eingeladen zu der Veranstaltung hatte der Handelsverband Deutschland (HDE).


Bieberstein, Hauer, Siegert, Hönisch u.Moderator Hanno Bender (v. l.). | © 'markt intern'

Die Ausgangslange hierzulande analysierte der HDE-Zahlungsexperte Ulrich Binnebößel in seiner Keynote. Nach wie vor werden über 50 Prozent des Umsatzes im deutschen Einzelhandel bar abgewickelt. „Die klassische Kartenzahlung holt langsam, aber stetig auf“, so Binnebößel. Laut Hönisch liegen die Kosten für die Bargeldzahlungen bei 12,5 Milliarden Euro jährlich. Kosten, die durch Veränderungen im Zahlungsverhalten eingespart werden könnten. „Wir wollen nicht über die Abschaffung von Bargeld reden, es aber zurückdrängen“, so Hönisch. Aus Sicht der Banken ist das logisch, denn je mehr Kartenumsätze generiert werden, umso mehr Absatzmöglichkeiten für bargeldlose Zahlungsprodukte gibt es.

Mobile Zahlungsarten spielen bisher hierzulande noch keine Rolle. Anders als in China, wo 450 Millionen aktive KundenAlipay nutzen, wie Hauser erläuterte. Auch auf Deutschland hat es der mobile Bezahldienst abgesehen. „Wir wollen Alipay für die Händlerseite öffnen, nicht für die deutschen Kunden“, stellte Hauser klar. „Der Fokus liegt auf chinesischen Konsumenten, die hier im stationären Handel und online bezahlen wollen“, erläuterte der Alipay- Manager dieses Ziel. Touristen und Geschäftsreisenden soll durch die Einführung von Alipay im deutschen Handel ermöglicht werden, ihre gewohnte App für ihre Einkäufe zu nutzen. Sprachbarrieren und Wechselkurse könnten so umschifft werden. Im Fokus der App stehe nicht die Bezahl-, sondern die Lifestyle-Funktion: „Es geht nicht um die Frage 'Wie bezahle ich?', sondern um die Fragen 'Wo kaufe ich ein?' und 'Wo gehe ich hin?“. Die App vereine verschiedene Services und Funktionen und locke den Kunden beispielsweise mit Rabattaktionen in stationäre Geschäfte.

Für den deutschen Zahlungsverkehr prognostiziert HDE-Experte Binnebößel eine Weiterentwicklung der bisherigen Verfahren, ohne dass die alten Methoden komplett ersetzt würden. Großes Potenzial schreibt er dem Instant Payment zu. Dabei wird die Zahlung dem Empfänger sofort – also binnen Sekunden – gutgeschrieben und ist für diesen verfügbar. Nutzbar soll diese Art der Echtzeitüberweisung sowohl für Privatpersonen sein, um Geldbeträge zu übertragen, als auch beim Einkauf im Geschäft. Noch in diesem Jahr würden erste Piloten getestet. Eine Einführung könnte bereits 2018 bevorstehen. Kommt es dazu, wird dies die Erlösverteilung im Zahlungsverkehr erheblich verändern. Instant Payment benötigt nämlich nicht zwingend eine Bank als Zahlungsintermediär. Der Handel dürfte dies auch dazu nutzen, den Druck auf die Banken und Kartenherausgeber zu erhöhen, ihre Provisionen im unbaren Zahlungsverkehr weiter zu senken. Profitieren werden davon zunächst vor allem, wie eigentlich immer, die Big Player.