Smart Home

Zielgruppen, Schnittstellen und die Rolle des Fachhandwerks
 
Ralf Kern; Foto: Rademacher

Interview mit Ralf Kern, Geschäftsführer Technik der Rademacher Geräte-Elektronik GmbH.

markt intern:  Welche Anwendungen zählen aus Ihrer Sicht zum Bereich der Hausautomation?

R.Kern: Die Zielgruppenstruktur im Bereich der Hausautomation ist außerordentlich heterogen. Das hat unmittelbare Auswirkungen auf die konkreten Anwendungen im Einzelfall. Auffällig ist jedoch, dass übergreifend ein Schwerpunkt in den Bereichen Sicht-und Sonnenschutz, Licht und Elektroinstallation sowie Klima und Heizung auszumachen ist. Möglicherweise deshalb, weil man diese Bereiche in der Vergangenheit schon gerne elektrisch gesteuert hat. In einem nächsten Schritt etablierte sich dann nach und nach die einfache Automatisierung auf Basis zeitlicher Vorprogrammierung.

markt intern: Verdienen solche Lösungen bereits das Prädikat ‘intelligent‘ im Sinne des viel zitierten Smart Home?

R.Kern: Nein, so weit würde ich nicht gehen. Aber es ist sicherlich eine Vorstufe, die aus heutiger Sicht sehr hilfreich ist, bei einem technischen Laien ein Gesamtverständnis für aktuelle Gebäudeautomations-Konzepte zu entwickeln. Denn im Grunde sind wir jetzt so weit, dass die gesamte Außen- und Innenfassade eines Gebäudes, als auch die Elektroinstallation fester Bestandteil der Gebäudeautomation geworden ist. Früher fokussierte sich die Automation auf einzelne Schaltvorgänge bzw. Nischenlösungen. Technologisch betrachtet ging es also fast ausnahmslos um die sog. Aktorik. Jetzt kommt noch die Sensorik und die intelligente Vernetzung dazu. So hat beispielsweise ein Temperatursensor die Aufgabe, dem Gebäude bei Kälte die fehlende Wärme zuzuführen. Zum Beispiel durch die intelligente Steuerung von Heizung, Sonnenschutz und Fenstern. Ist es zu warm, dann sorgt die Sensorik für die automatische Zufuhr von Kälte. Hier sind dann Fenster, Sonnenschutz und Klimaanlage so aufeinander abzustimmen, dass sich optimale Ergebnisse erzielen lassen. Eine ähnliche Rolle spielt die Sensorik auch in den Bereichen Wohnkomfort oder Sicherheit. Ich denke hier zum Beispiel an die Möglichkeit zur Nutzung individuell konfigurierbarer Lichtszenarien oder den Einbruchs- oder Feuerschutz.

markt intern: In welche Zielgruppen lässt sich der heutige Markt für Hausautomation grundsätzlich unterteilen ?

R.Kern: Das größte Potential liegt naturgemäß bei den sog. ‘early adoptors‘. Diese Leute erkennt man in der Regel daran, dass sie überdurchschnittlich technikaffin sind und von sich aus nach Automationskonzepten Ausschau halten und vorhandene Systeme ständig erweitern. Häufig handelt es sich dabei um Menschen, die auch beruflich in irgendeiner Form mit technologischen Neuentwicklungen in Berührung kommen. Weil sie selbst aus der Branche kommen oder weil sie in artverwandten Bereichen hinreichend Erfahrungen mit technologischen Neuentwicklungen haben. Aber dies kann und darf natürlich nicht die Hauptzielgruppe für einen Anbieter von Gebäudeautomationslösungen sein. Dazu ist diese Zielgruppe einfach zu klein. Viel wichtiger sind für uns Menschen, denen es nicht auf technische Details ankommt, die aber stattdessen dafür zu begeistern sind, den Komfort intelligenter Gebäudetechnik in ihren beruflichen oder privaten Alltag zu integrieren.

markt intern:  Aber sind das nicht nur einige wenige handverlesene Technik-Experten, die man nur vereinzelt und mit viel Glück antrifft?

R.Kern: Es lohnt sich, bei dieser Frage genau hinzusehen. Es gibt nach unserer Wahrnehmung eine beachtliche Zahl von Endanwendern, die keine Technik-Experten sind, aber dennoch die Funktionsvielfalt einer zeitgemäßen Automationslösung nutzen möchten. Und zwar so, dass man nicht gleich ein halbes Vermögen dafür bezahlen muss. Als Faustformel für den Grad der Technikaffinität kann man sich m.E. gut an einem Router wie zum Beispiel der FritzBoxX des Herstellers AVM orientieren. Diese Geräte sind millionenfach in deutschen Haushalten im Einsatz. Ich behaupte: Wer willens und in der Lage ist, weitestgehend selbstständig die Grundfunktionen eines solchen Routers  in Betrieb zu nehmen, für den ist das Smart Home System HomePilot von Rademacher die ideale Gebäudeautomationslösung. Fachhandwerksbetriebe berichten uns immer wieder, dass sie insbesondere solche Kunden auf das Thema Gebäudeautomation ansprechen, die eine derartige Router-Lösung, einen Home Server oder ähnliche Systeme im Einsatz haben und die Möglichkeiten dieser Geräte aktiv nutzen.

markt intern: Sie vertreiben HomePilot gemeinsam mit dem elektrotechnischen Fachhandwerk über den Elektro-Großhandel. Was hat denn das installierende Fachhandwerk davon, wenn es eine Lösung anbietet, die der Endkunde nach Ihren Vorstellungen idealerweise selbst in Betrieb nehmen sollte ?

R.Kern: Korrekt, das Fachhandwerk und nicht zuletzt die von uns ausgebildeten HomePilot-Fachmänner liegen uns sehr am Herzen. Sie sind die idealen Multiplikatoren unserer HomePilot Lösung hin zum Endkunden. Das Fachhandwerk ist für Rademacher ein ganz wichtiger Faktor, weil sich dem Endanwender die Funktionsvielfalt vom HomePilot-System nur dann erschließt, wenn der HomePilot als Steuerungseinheit auf Sensoren und Aktoren zugreifen kann. Und für die Beratung, Planung und Installation der entsprechenden Aktoren und Sensoren ist das elektrotechnische Fachhandwerk unverzichtbar. Zum einen wegen seiner umfassenden technischen Kompetenz. Zum anderen aber auch aus rechtlichen Gründen. Ein Großteil der Aktoren und Sensoren sind technologisch betrachtet direkter Bestandteil der gesamten elektrischen Anlage eines Gebäudes, da sie direkt mit dem 230V-Netz verbunden sind. Der Zugriff auf eine elektrische Anlage ist nur solchen Personen gestattet, die ihre Eignung durch einen offiziell anerkannten Qualifikationsnachweis belegen können - und zwar aus guten Gründen. Es ist die ureigenste Aufgabe des elektrotechnischen Fachhandwerks, die technologische Infrastruktur dafür zu schaffen, dass elektrische Geräte zuverlässig und sicher ihren Dienst verrichten können. Und die Steuerungseinheit einer Gebäudeautomation ist im Grunde nichts anderes als ein elektrisches Gerät zur intelligenten Nutzung von Sensoren und Aktoren.

markt intern: Aber die Einrichtung einer Steuerungseinheit ist ja wohl deutlich komplexer als der Gebrauch eines Bügeleisens. Kann man das denn wirklich miteinander vergleichen?

R.Kern: Dass man das von Ihnen genannte Bügeleisen nicht 1:1 mit einer Steuerungseinheit vergleichen kann, liegt auf der Hand. Für beide Geräte gilt aber gleichermaßen: Für ihre Inbetriebnahme ist eine technologische Infrastruktur erforderlich, die im Vorfeld von einer Fachkraft zu errichten ist. Nur wenn die Infrastruktur vorhanden ist, können die Geräte arbeiten. Für den Betrieb eines Bügeleisens muss man einen Schukostecker in die Steckdose einer zuvor professionell errichteten Gebäudeinfrastruktur einführen. Bei der Steuerungseinheit HomePilot werden im Vorfeld zusätzlich von einem Fachmann Sensoren und Aktoren installiert. Im Anschluss daran, müssen Sensoren und Aktoren bei der Steuerungseinheit angemeldet werden. Der Anmeldevorgang ist für technikaffine Endkunden in der Regel kein Problem. Benötigt ein Kunde hier Unterstützung, dann hat er die Möglichkeit, ggf. gegen eine Service-Gebühr seinen Elektro-Handwerker mit der Inbetriebnahme zu beauftragen. Im Idealfall greift der Kunde dabei auf den Elektriker zurück, der im Vorfeld für die Errichtung von Sensorik und Aktorik zuständig war und die sicherheitstechnische Verantwortung für die zuvor errichtete elektrotechnische Infrastruktur übernommen hat. Denn dieser Mensch kennt sich mit den individuellen Möglichkeiten der von ihm installierten oder gewarteten elektrischen Anlage zwangsläufig am besten aus. Auch hat der Elektro-Handwerker so die Chance, den Kunden im Hinblick auf weitere Anwendungen zu beraten, so dass am Ende beide glücklich sind. Der Endkunde weil er mehr Komfort und Sicherheit bekommt und der Elektro-Handwerker weil er mehr Umsatz generieren kann und einen zufriedenen Endkunden hat.

markt intern: Wie sollte die Bedienbarkeit eines Hausautomationssystems konzipiert sein, damit es sich beim Endkunden durchsetzen kann?

R.Kern: Der Aufwand für die erste Inbetriebnahme sollte sich in Grenzen halten. Dies darf jedoch nicht zu Lasten der Funktionsvielfalt gehen. Eine anspruchsvolle Funktionsvielfalt ist der eigentliche Mehrwert eines Gebäudeautomationssystems. Wir haben diesen vermeintlichen Widerspruch dadurch gelöst, indem wir sehr sorgfältig darauf geachtet haben, die Bedienoberfläche, das sog. Interface, sehr genau zu strukturieren. Beim ersten Blick auf das Interface fallen zunächst nur die wichtigsten Grundfunktionen ins Auge. Erst wenn der Kunde diese Funktionen verstanden hat, wird er sich mit den Möglichkeiten der Untermenüs befassen, das ihm Zugriff auf weitere Funktionen verschafft. Für Hersteller mit einem hohen Qualitätsanspruch geht es stets darum, ein Gespür dafür zu entwickeln, welche Möglichkeiten ein Automationssystem bieten sollte und wo die einzelnen Funktionen zu platzieren sind. Hier trennt sich nach unserer Erfahrung in qualitativer Hinsicht oftmals die Spreu vom Weizen. Insbesondere bei Automationslösungen, die bei Discountern oder Billig-Versendern angeboten werden, sollte man im Vorfeld sehr genau die Funktionsvielfalt und die Bedienbarkeit auf den Prüfstand stellen.

markt intern: Für einen Markenhersteller hört sich dies nach akribischer Entwicklungsarbeit an. Welchen Stellenwert hat die Schaffung von Software für Ihr Unternehmen ?

R.Kern: Durch unsere Smart Home-Aktivitäten ist die Softwareentwicklung für unser Unternehmen von fundamentaler Bedeutung. Der Erklärungsbedarf steigt in fast allen Bereichen. Neben Kundenservice und Vertrieb besteht die eigentliche unternehmerische Leistung zu erheblichem Anteil daraus, komplexe Software-Lösungen zu entwickeln und diese mit elektrotechnischer Hardware zu verknüpfen. Und das, obwohl das Unternehmen Rademacher von seiner Historie her eigentlich ein Hardware-Produzent ist.

markt intern: Lässt sich der Software-Anteil der Entwicklungsarbeit prozentual beziffern?

R.Kern: Da gibt es bei den einzelnen Produktkategorien erhebliche Unterschiede. Bei den Aktoren kann man sagen, dass etwa 50% des Entwicklungsaufwandes jeweils in Hardware und Software gehen.  Bei der Steuerungseinheit HomePilot  ist das Verhältnis etwa 80% Software und 20% Hardware.

markt intern: Könnten Sie den beachtlichen Stellenwert von Software an einem Beispiel veranschaulichen ?

R.Kern: Nehmen Sie zum Beispiel die in den HompePilot-Software integrierte GeoPilot-Funktion. Hier sorgt eine App dafür, dass der Nutzer eines mobilen Endgerätes sich innerhalb eines zuvor definierten regionalen Einzugsgebietes orten lassen kann. Nähert sich der Nutzer dem Gebäude auf eine bestimmte Entfernung, dann sorgt die GeoPilot-Funktion dafür, dass sich das Gebäude auf die Ankunft des Bewohners vorbereitet. Dann kann bereits vor der Ankunft am Gebäude die Jalousie in die richtige Position gebracht werden. Heizung oder Kimaanlage sorgen für die richtige Temperatur, die Außenbeleuchtung schaltet sich ein und unmittelbar vor dem Eintreffen am Gebäude öffnet sich das Garagentor automatisch. Und zwar so, dass der Bewohner in seinem Auto nicht erst eine Fernbedienung betätigen oder bei Regen aussteigen müsste, um das Garagentor manuell zu öffnen. Die GeoPilot-App sorgt also dafür, dass sich das Garagentor automatisch öffnet, wenn der Nutzer sich auf eine zuvor vom Benutzer vordefinierte Entfernung hin dem Gebäude nähert. Der eigentliche Mehrwert dieser Funktion liegt darin, eine komplexe Software zu entwickeln, die so etwas leisten kann.

markt intern: Bisher konnte sich die Hausautomation bei vielen Kundengruppen noch nicht so durchsetzen, wie manch einer es sich wünschen würde. Wo liegen die Gründe ?

R.Kern: Wer sich heute auf einschlägigen Fach- oder Endverbrauchermessen umsieht, der findet unzählige Konzepte zum Thema Smart Home. Dieser Begriff ist nicht geschützt. Er wird inflationär verwendet. Für den Endkunden ist es in Anbetracht der Vielzahl der Angebote extrem schwierig zu erkennen, welches System  für seine individuellen Anforderungen eine gute Lösung ist. Was ist im Vergleich dazu eine schlechte Lösung ? Was ist eine Nischenlösung ? Welches Konzept geht weit über die Anforderungen des Kunden hinaus? -  Auf all diese Fragen findet der Endverbraucher nicht immer zufriedenstellende Antworten. Das Ergebnis ist, dass ein Teil der Interessenten dann doch lieber Abstand von der Idee eines Smart Home nimmt. Ein anderer Teil entscheidet sich dann zunächst für Konzepte, die im Grunde nur eine Scheinlösung sind. Zum Beispiel weil die Funktionstiefe und/oder die Bedienbarkeit viele Wünsche offen lassen. Das wird dem Kunden aber erst klar, wenn er die Systeme in Betrieb genommen hat. Und dann ist es im Grunde zu spät.

markt intern: Wie lässt sich so etwas verhindern ?

R.Kern: Indem der Kunde sich von einem qualifizierten Experten endkundengerecht beraten lässt, der sich mit verschiedenen Automationssystemen auskennt. Am Ende einer Beratung kann der Endanwender dann selbst entscheiden, welche Lösung seinen individuellen Bedürfnissen entspricht. Hier ist es Aufgabe des Beraters, gemeinsam mit seinem Kunden jene Funktionalitäten zu ermitteln, für die sich der Anwender begeistern kann. Hier ist es stets hilfreich, wenn der Endanwender im Vorfeld eine Möglichkeit hat, sich von dem Fachmann seines Vertrauens einzelne Funktionen vorführen zu lassen. Durch eigenes Erleben lässt sich der Nutzen einer Anwendung besser erfahren als durch viele Worte. Für langwierige Erklärungen ist das Thema Gebäudeautomation viel zu abstrakt. Das lässt sich schwer vermitteln. Hier tragen wir als Unternehmen und unsere Kunden aus dem Fachhandwerk - insbesondere die von uns ausgebildeten HomePilot-Fachmänner - eine hohe Verantwortung der wir uns gerne stellen und welche  wir als Chance sehen.

markt intern: Insbesondere aus dem Bereich der IT behaupten unterschiedliche Experten immer wieder, dass SmartHome deshalb nicht vorankommt, weil die Anbieter keine offenen Schnittstellen anbieten, mit denen es möglich wäre, Komponenten unterschiedlicher Anbieter miteinander agieren zu lassen. Wie denken Sie darüber?

R.Kern: Zunächst einmal ist ja schon die Behauptung falsch, dass es im Bereich SmartHome keine offenen Schnittstellen gibt. Es gibt zum einen verschiedene Standards in denen sich Hersteller zusammengeschlossen haben, um ihre jeweiligen Komponenten gewerkeübergreifend über eine gemeinsame Oberfläche zu steuern. Dies hat den Vorteil, dass die Funktionsvielfalt durch die gleichzeitige Verwendung von Komponenten unterschiedlicher Hersteller nahezu unbegrenzt ist. Für bestimmte Anwendungsfelder ist beispielsweise der KNX-Standard hervorzuheben. Auch Rademacher hat Antriebsmotoren entwickelt, die über eine KNX-Schnittstelle verfügen. Damit lässt sich diese Komponente auf ideale Weise in das KNX-basierte Automationssystem eines Gebäudes integrieren. Weil dort die Programmierung über eine gesonderte Software, die sog. ETS erfolgt und außerdem die Verlegung einer gesonderten KNX-Datenleitung notwendig ist, eignet sich dieser Standard in erster Linie für Neubauten im professionellen Zweckbau oder im gehobenen Privatsegment. Für die Renovierung und Modernisierung sind Funksysteme in der Regel die bessere Wahl. Hier gibt es verschiedene Lösungen am Markt die teilweise auch (quasi-)offen sind, also herstellerübergreifend agieren können.

markt intern: Und warum springt Rademacher nicht auf diesen Zug auf?

R.Kern: Die prinzipiellen Vorzüge eines vollständig offenen bzw. (quasi-)offen Systems sehen wir durchaus. Aber die Erfahrung bei solchen Systemen zeigt auch, dass die Produkte unterschiedlicher Hersteller am Ende zwar überwiegend kompatibel sind, aber eben nicht immer zu 100%. Und wenn dann ein Funktionalitätsproblem auftritt, dann hat der Kunde keinen Ansprechpartner an den er sich wenden kann. Dann fühlt sich niemand zuständig, das Problem zu beheben. Und am Ende steht der Elektro-Handwerker in der Verantwortung, obwohl diesen keine Schuld trifft, wenn technisch einwandfreie Komponenten auf einmal zur Überraschung aller Beteiligten in einem konkreten Einzelfall doch nicht miteinander kompatibel sind. Dies ist ein Fallstrick vor dem wir alle Beteiligten schützen möchten. Nicht zuletzt deshalb, weil eine nicht abschließend geklärte Funktionalitätsverantwortung auch haftungsrechtlich fatale Konsequenzen haben kann.

markt intern: Welche Lösung hält Rademacher bei den funkbasierten Automationssystemen für Endkunden und Vertriebspartner bereit?

R.Kern: Ähnlich wie bei KNX setzen wir auch bei unserem funkbasierten System HomePilot  auf einen Lösungsansatz, der auf Basis von standardisierten Schnittstellen die Verknüpfung mit Komponenten anderer Hersteller ermöglicht. Wir haben ein sog. geschlossenes offenes System und bieten mit unseren Fachpartnern dem Kunden die Beratung, den Verkauf, die Installation und den Service für das komplette System an.

markt intern: Wie hat man sich diese Form der ’Öffnung’ vorzustellen. Können Sie dies an einem Beispiel aus der Praxis erläutern?

R.Kern: Der Nutzen von sog. geschlossenen offenen Systemen liegt auf der Hand. Beispielsweise verfügt die Steuerungseinheit HomePilot von Rademacher über eine Schnittstelle des Z-Wave-Standards. Wenn ein Kunde noch einen HomePilot ohne Z-Wave in Gebrauch hat, dann lässt sich die Schnittstelle nachinstallieren. Deren Gebrauch ist dann sinnvoll, wenn der Endkunde über die Steuerungseinheit beispielsweise den Heizungsstellantrieb des Herstellers Danfoss (Typ 8433) ansteuern möchte. Über Z-Wave ist sichergestellt, dass es zwischen diesen beiden Komponenten im Grunde keine Kompatibilitätsprobleme geben kann. Sollte es wider Erwarten doch einmal zu einer Funktionsstörung kommen, dann wird  Rademacher seiner Verantwortung als Systemanbieter gerecht werden und eine Lösung herbeiführen. Darauf können Endkunde und Fachhandwerker sich hundertprozentig verlassen. Diese Verlässlichkeit kann Ihnen ein generell offenes System niemals bieten. Letzten Endes muss garantiert sein, dass individuelle Fragen zur Bedienung von einem einzigen Ansprechpartner beantwortet werden können. Das Gleiche gilt auch für andere Funktionsstörungen, die selbst bei ausgereiftester Technik immer mal auftreten können. Hierfür stehen das Unternehmen Rademacher und die ausgebildeten HomePilot Fachmänner.

markt intern: Mit Blick auf die Verlässlichkeit von Funksystemen wird oftmals kolportiert, dass die Funkfrequenz ein Gradmesser für die Qualität und Zuverlässigkeit eines Systems ist. Ihr Marktbegleiter RWE hat es sich in der jüngeren Vergangenheit nicht nehmen lassen, in einer offiziellen Mitteilung die Verlässlichkeit von Systemen auf Basis des 433 Mhz-Frequenzbands in Frage zu stellen. HomePilot von Rademacher funkt in diesem Frequenzband. Wie bewerten Sie diese Qualitätsdiskussion ?

R.Kern: Ich habe auch gelesen, dass RWE zur Vermarktung seiner RWE Smart Home-Pakete den untauglichen Versuch unternimmt, diese längst überholte Diskussion wiederzubeleben. Jeder, der sich in der Materie etwas auskennt weiß genau: Im Vergleich zum 433 Mhz-Frequenzband ist im Gegenzug auch die Reichweite von 868 Mhz-Systemen theoretisch um den Faktor 2 geringer. Auch dies kann im täglichen Einsatz zu Funktionsstörungen führen. Es geht letzten Endes um Funkabdeckung im Gebäude. Aber: Im berühmten Funkloch funktioniert kein einziges funkbasiertes Smart Home. Für die Verlässlichkeit eines Funksystems spielen heute in Wahrheit ganz andere Faktoren eine entscheidende Rolle. So ist es beispielsweise viel wichtiger, ob ein Funksystem in der Lage ist, bidirektional zu kommunizieren. Ob es verschlüsselt agiert, oder ob jedes Endgerät über eine Routing-Option verfügt.

markt intern:  Was ist denn eine Routing-Option ?

R.Kern: Kennzeichen der Bi-direktionalität ist die Tatsache, dass der Empfänger dem Sender antwortet. Abgesehen davon gilt die Routing-Option als entscheidendes technisches Merkmal für die Funkabdeckung im Gebäude. Das heißt, dass jeder Aktor oder Sensor zugleich auch ein Repeater ist, der das Funksignal selbstorganisiert verstärken und weiterleiten kann. Das sind die wahren Qualitätskriterien für eine professionelle Gebäudeautomation auf Funkbasis. Bei allen Rademacher-Produkten, die ihren Dienst auf Basis einer 230 Volt-Spannung verrichten, ist sichergestellt, dass diese bi-direktional kommunizieren und eine signalverstärkende Wirkung haben.

markt intern: Und welche Produkte werden diesem Anspruch gerecht ?

R.Kern: Auf jeden Fall alle funkfähigen Rademacher-Produkte. Hier denke ich zum Beispiel an unser umfangreiches Sicht- und Sonnenschutzportfolio der elektrischen Gurtwickler, Sonnen- und Wetter-Sensoren, Rollladen- und  Markisenmotoren. Außerdem ist hier das umfangreiche Portfolio aus den Feldern Licht und Elektroinstallation sowie Klima und Heizung zu nennen. Dazu zählen Zeitschaltuhren, Funk-Aktoren, Zwischenstecker, Heizkörperstellantriebe, Hand-und Wandsender, Rauchmelder, Fenster- und Türkontakte und auch eine IP-Kamera zur Gebäudeüberwachung. Hier freue ich mich insbesondere im Hinblick auf die light & building in Frankfurt aus den Bereichen Elektroinstallation, Heizung und Überwachung Neuheiten vorstellen zu können.

markt intern: Bei einer solchen Sortimentsvielfalt drängt sich schnell die Frage auf, ob denn die klassischen Schalterhersteller mit ihren jeweiligen Automationslösungen noch eine Daseinsberechtigung haben?

R.Kern: Die Lösungen unserer Marktbegleiter – insbesondere aus dem Schaltersegment – setzen zum Beispiel mit Blick auf das Design der einzelnen Schalterlinien andere Schwerpunkte. Letzten Endes ist es immer eine Frage des persönlichen Geschmacks und des Budgets, das einem Endkunden zur Verfügung steht. Und hier sind wir als Rademacher mit unseren Lösungsansätzen gut aufgestellt, zumal viele unserer Lösungen sich mit den Schalterprogrammen unserer Marktbegleiter kombinieren lassen.

markt intern: Welche Automations-Potentiale bietet die Digitalisierung von Übertragungs- und Verteilnetzen mit Blick auf das Stichwort ‘Smart Grid‘ ? Unter Umständen auch unter Einbindung der Elektro-Mobilität ?

R.Kern: Mittelfristig wird sich hier sehr viel tun. Dies lässt sich derzeit allerdings noch schwer vermitteln. Die Elektro-Mobilität hat den Durchbruch noch nicht geschafft und bei der Digitalisierung der Übertragungs- und Verteilnetze ist man noch nicht so weit, dass man ernsthaft von einem intelligenten Netz, also einem Smart Grid, sprechen könnte. Meines Wissens nach laufen hier seit Jahren unterschiedliche Pilotprojekte. Konkrete Resultate, die einen Beitrag dazu leisten könnten, dass das intelligente Gebäude von einem intelligenten Netz profitieren könnte, sehe ich noch nicht. Das wird kommen, aber vermutlich nicht in den nächsten Jahren.

markt intern: Wie lange wird es noch dauern ?

R.Kern: In den nächsten drei Jahren erwarte ich hier keine massenmarkttauglichen Konzepte. Und was danach kommt, weiß niemand. Sie können aber sicher sein, dass Rademacher stets auf der Höhe der Zeit ist und entsprechende Konzepte anbieten wird, sobald die technologische Infrastruktur für eine sinnvolle Verknüpfung von SmartHome-Produkten mit dem im Aufbau befindlichen SmartGrid vorhanden ist.
markt intern: Vielen Dank für das Gespräch!

Das Redaktionsgespräch mit Ralf Kern führte Oliver Blumberg, Chefredakteur des Brancheninformationsbriefes markt intern Elektro-Installation.