Netzausbau

Lastmanagement und intelligente Netze (Smart Grid)


Franz Untersteller; Foto: LUM BW

Düsseldorf: Interview mit Franz Untersteller (B'90/Grüne), Minister für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg.


'markt intern’: Die Energiewende im Stromsektor gilt als langfristiger Prozess über mehrere Jahrzehnte. Nachdem die Phase der Systemeinführung so gut wie abgeschlossen ist, treten wir aktuell in die ’zweite Phase’,  in die sog. Systemdurchdringung (25-50 %- Stromanteil aus EE), ein. Wie lange wird diese Phase aus Ihrer Sicht mindestens andauern?

Untersteller: Ich befürchte länger, als dies mit etwas mehr Ehrgeiz möglich wäre. Während wir uns in Baden-Württemberg ambitionierte Ziele gesetzt haben und den Anteil der Erneuerbaren an der Stromerzeugung im Land von 19 Prozent im Jahr 2011 bis zum Jahr 2020 auf 38 Prozent verdoppeln wollen, bremsen im Moment sowohl die Bundesregierung als auch die EU-Kommission den weiteren Ausbau eher aus als dass sie ihn voranbringen. Ich setze mich dafür ein, dass auch hier wieder etwas mehr Ehrgeiz an den Tag gelegt wird. Denn ich halte es durchaus für realistisch, dass der Anteil, deutschlandweit betrachtet, bis zum Jahr 2025 auf mindestens 50 Prozent steigen kann. Schon das Leitszenario des Netzentwicklungsplans geht von 46 Prozent im Jahr 2023 aus, daher ist der Kabinettsbeschluss zur EEG-Reform, der nur noch 40 bis 45 Prozent im Jahr 2025 vorsieht, ein enttäuschender Rückschritt.

’markt intern’: Welche Bedeutung hat die  dezentrale Energieerzeugung und Speicherung in dieser ’zweiten Phase’?

Untersteller: Die Energiewende verändert die komplette Struktur des Energiemarktes, denn bisher funktionierte der Markt ja nur in eine Richtung: Von wenigen zentralen Erzeugungsanlagen aus wurden die Menschen mit Strom und Wärme versorgt. Jetzt bekommen wir einen Markt, in dem die Zahl der Erzeuger deutlich zunimmt, in die Hunderttausende geht und in dem der Strom in beide Richtungen fließt. Das ist eine Riesenchance nicht nur für diejenigen, die beispielsweise Photovoltaik auf dem Dach haben oder in eine Bürgerwindkraftanlage investiert haben, sondern auch für das Handwerk, den Mittelstand und die Kommunen.

Je mehr Strom aus schwankenden erneuerbaren Quellen wie Sonne und Wind erzeugt wird, umso größer wird natürlich auch die Bedeutung der von Ihnen angesprochenen Speicherkapazitäten. Wir brauchen Pumpspeicherkraftwerke und wir brauchen mittel- und langfristig auch neue Speichertechnologien, deshalb stecken wir Geld in die Speicher-Forschung.

’markt intern’: Inwieweit kann die dezentrale Energieerzeugung und Speicherung schon heute in Verbindung mit professioneller Gebäudeautomation im Rahmen eines Energiemanagements einen Beitrag zur Optimierung des Eigenverbrauchs leisten (Anm. d. Redaktion: Fakten dazu können Sie dem bereits bei ’markt intern’ veröffentlichten Interview des ZVEI entnehmen)? Inwieweit kann ein möglichst hoher Eigenverbrauch von regenerativ erzeugter Energie in der derzeitigen ’Phase’ bereits einen sinnvollen Beitrag zur Energiewende leisten (z.B. als Beitrag zur Netzstabilität)?

Untersteller: Erlauben Sie mir bitte vorweg die Feststellung, dass ich die zunehmende Eigenstromerzeugung durchaus auch skeptisch sehe, Stichwort Entsolidarisierung. Denn in dem Maße, in dem die Eigenstromerzeuger von der EEG-Umlage und Netznutzungsentgelten entlastet werden, werden die übrigen Letztverbraucher zusätzlich belastet. Daher muss meiner Meinung nach künftig auch der Eigenverbrauch in gewissem Umfang in die EEG-Umlage einbezogen werden. Die Höhe des zu entrichtenden Umlageanteils darf natürlich weder den Ausbau der PV noch etwa Kraft-Wärme-Kopplung unrentabel machen, also er darf die Wirtschaftlichkeit der Anlagen nicht bedrohen.

Zu Ihrer Frage nach der Netzstabilität: Einen sinnvollen Beitrag hierzu kann der Eigenverbrauch nach meiner Ansicht nur leisten, wenn er sich an den Anforderungen des Netzes ausrichtet. Es nützt uns ja nichts, wenn ein hauseigener Batteriespeicher den vormittags erzeugten PV-Strom speichert und zur Mittagsspitze schon vollgeladen ist. Sinnvoller wäre es, eben während der Mittagsspitze zu speichern und dafür zu sorgen, dass der gespeicherte Strom möglichst dann entnommen wird, wenn die Einspeisung aus erneuerbaren Quellen gering ist. Hierzu müssen die Speicher intelligent gesteuert werden, möglichst von den Netzbetreibern. In diese Richtung sollten wir uns bewegen.

’markt intern’: Welche Rolle spielen die Themen ’Lastmanagement’ und ’intelligente Netze’ (Smart Grids) in der derzeitigen Phase der ’Systemdurchdringung’? Was ist notwendig, um so schnell wie möglich den flächendeckenden Einsatz der Smart Meter-Technologie ermöglichen zu können ? Wie weit ist hier das Land Baden-Württemberg?

Untersteller: Ich halte es für außerordentlich wichtig, dass wir bei der weiteren Umsetzung der Energiewende nicht nur die Angebotsseite betrachten, sondern wir müssen in unsere Überlegungen auch zwingend die Nachfrageseite miteinbeziehen. Der weitere Ausbau der schwankenden Energiequellen Wind und Sonne führt ja dazu, dass unser Strom zunehmend dezentral und in Abhängigkeit von Wetterlage und Tageszeit erzeugt wird. Wir müssen daher künftig auf der Ebene der Verteilernetze Angebot und Nachfrage besser aufeinander abstimmen sowie Erzeugungsanlagen, Speicher und Verbraucher mittels modernen Informations- und Kommunikationstechnologien besser miteinander vernetzen. Die von uns Ende 2012 ins Leben gerufene Smart Grids-Plattform Baden-Württemberg mit Akteuren aus Industrie, Energiewirtschaft, Wissenschaft und Politik, hat hierzu im letzten Jahr eine Vielzahl von Vorschlägen und Handlungsempfehlungen erarbeitet und in der „Smart Grids-Roadmap Baden-Württemberg“ zusammengefasst. Sie zeigt auf, wo Innovationsschwerpunkte in Baden-Württemberg liegen, welche Handlungs- und Lösungsansätze es gibt, welche Rahmenbedingungen wie geändert werden sollten, welche tragfähige Geschäftsmodelle entwickelt und welche Pilotprojekte angestoßen werden könnten. So wird zum Beispiel empfohlen, einen Lehrstuhl zur interdisziplinären Integration des Themas Smart Grids in der Forschung und Lehre einzurichten. Außerdem hat die Plattform vorgeschlagen, das Verteilnetz durch den Einsatz von regelbaren Ortsnetztransformatoren in Richtung Smart Grid auszubauen. Ich bin davon überzeugt, dass Baden-Württemberg zu einem Vorreiter bei der Entwicklung von Smart Grids werden kann. Wir wollen daher dieses Jahr ein Förderprogramm für Demonstrationsvorhaben im Bereich Smart Grids auflegen.

Auch bei dem von Ihnen angesprochenen Thema „Lastmanagement“ sind wir aktiv. Unter Federführung der Agora Energiewende und in Zusammenarbeit mit Bayern haben wir eine Studie zum „Lastmanagement in Süddeutschland“ durchgeführt. Sie hat gezeigt, dass Industriebetriebe in Baden-Württemberg und Bayern kurzfristig mehr als ein Gigawatt ihrer Stromnachfrage zeitlich verschieben und damit einen wichtigen Beitrag zur Versorgungssicherheit in Süddeutschland leisten können. Auch hierzu soll es demnächst Pilotprojekte geben. Sie sollen die tatsächlichen Potenziale noch besser abschätzen und mögliche Hemmnisse identifizieren. Besonders wichtig wird hierbei sein, welche Anreize der Markt setzen muss, damit die Industrie das bei ihr vorhandene Potenzial auch tatsächlich erschließen wird.

’markt intern’: Was muss heute geschehen, damit die Vollendung der Energiewende unter massivem Einsatz von Lastmanagement, Smart Grid, Smart Meter und marktreifen Speichern nicht zu einer dauerhaften Utopie wird ? Welche Hemmnisse sind dazu in den nächsten Jahren zu überwinden ? Ziehen hier alle Beteiligten wirklich an einem Strang?

Untersteller: Ich bin der festen Überzeugung, dass wir für das Gelingen der Energiewende nicht nur die Erneuerbaren weiter ausbauen und die Netze modernisieren, sondern auch die Bereitstellung von Strom-Kapazitäten vergüten müssen. Ich habe daher schon vor fast drei Jahren einen Vorschlag für einen sogenannten Kapazitätsmarkt vorgelegt. Denn die gewollte und stetig steigende Einspeisung erneuerbarer Energien in das Stromnetz führt zu einem sinkenden Börsenpreis und dazu, dass fossile Kohle- oder Gaskraftwerke immer weniger Betriebsstunden im Jahr erreichen und kaum noch wirtschaftlich zu betreiben sind. Kapazitätsmarktmechanismus bedeutet, dass die Bereitstellung von Kapazitäten zur Deckung des Strombedarfs vergütet wird. Die Kapazitäten müssen hohe Anforderungen an Effizienz, Emissionen, Flexibilität und Verfügbarkeit genügen und dürfen sich keinesfalls auf fossile Kraftwerke beschränkten. Dabei kommen neben Gaskraftwerken mit Kraft-Wärme-Kopplung insbesondere auch Potenziale der Laststeuerung und Stromspeicherung in Frage. Wie gesagt liegt unser Vorschlag längst auf dem Tisch, jetzt ist die Bundesregierung am Zug, sie muss jetzt möglichst bald Klarheit schaffen, wie es hier weiter gehen soll.

’markt intern’: Welche Schritte sind heute notwendig, um die Stromversorgung mit dem Wärmesektor zu verzahnen?

Untersteller: Mit jeder Kraft-Wärme-Kopplungsanlage werden die Strom- und Wärmeversorgung schon heute miteinander verzahnt. In Zukunft müssen wir die Kraft-Wärme-Kopplung noch gezielter einsetzen und ausbauen, um die fluktuierende Stromerzeugung zu ergänzen und den Wärmebedarf besser abzudecken. Außerdem brauchen wir mehr Wärmespeicher und zwar sowohl kleine, lokale als auch große, saisonale Speicher. Hier besteht noch erhebliches Potenzial für die Entwicklung weiterer technischer Lösungen, zum Beispiel Brennstoffzellen in Hausheizungen. Eine weitere Verknüpfung sehe ich beim Einsatz von Kraft-Wärme-Kälte-Kopplungsanlagen. Der Einsatz der Wärme für Kühlzwecke kann den Strombedarf für Klimaanlagen wesentlich reduzieren. Insgesamt müssen wir den Wärmespeichern mehr Aufmerksamkeit widmen. Deshalb hat Baden-Württemberg in der Umwelt- und Energieforschung hier einen Schwerpunkt gesetzt.

Auch für eine nachhaltige Mobilität wird die zukünftige Stromversorgung und hier insbesondere die Speicherung großer Energiemengen eine entscheidende Rolle spielen. Die bisher überwiegend auf fossile Energien gestützte Mobilität muss sich grundlegen wandeln. Nur durch einen Wechsel hin zur Elektromobilität, die sich überwiegend aus erneuerbaren Quellen speist, können wir die enormen CO2-Emissionen des heutigen Straßenverkehrs reduzieren.

Ich gehe davon aus, dass sowohl die batterieelektrisch angetrieben Fahrzeuge als auch ganz besonders die Wasserstoff- und Brennstoffzellenfahrzeuge das zukünftige Straßenbild prägen werden. Mit einer Betankungszeit von nur rund 3 Minuten, Reichweiten, die jetzt schon bei 500 bis 700 km liegen, und mit einer nahezu geräuschlosen und vibrationsarmen Fahrweise, stehen die Brennstoffzellenfahrzeuge den bisherigen fossil betriebenen PKW in nichts nach. Wichtig dabei ist, dass der Strom für die Batterieladungen und für die nachhaltige Erzeugung von Wasserstoff möglichst aus erneuerbaren Energien stammt. Ich bin davon überzeugt, dass Wasserstoff als chemischer Speicher für große Energiemengen zukünftig weit über den Mobilitätsbereich hinaus eine entscheidende Rolle spielen wird. Wir müssen daher jetzt wirtschaftlich und technisch sinnvolle Speichermöglichkeiten für Wasserstoff für den großtechnischen Einsatz entwickeln.

’markt intern’: Zu welchem Zeitpunkt ist das Erreichen von ’Phase 4’ der Energiewende (sog. ’letzte Meile’ mit 75%- 100% Stromversorgung aus EE) realistisch?

Untersteller: Wir haben uns in das Ziel gesetzt, in Baden-Württemberg im Jahr 2050 rund 80 Prozent der Energie aus erneuerbaren Energien zu gewinnen. Das ist zwar ein durchaus ehrgeiziges Ziel, nichtsdestotrotz nach meiner festen Überzeugung aber auch ein realistisches.

’markt intern’: Quasi im letzten Moment ist aus dem Koalitionsprogramm in Berlin die steuerliche Anrechenbarkeit von Maßnahmen zur energetischen Sanierung von Bestandsbauten herausgefallen, obwohl es eigentlich fest verankert schien. Vorher schon ist eine entsprechende Initiative im Vermittlungsausschuss am Widerstand einiger Länder gescheitert. Dabei gilt als erwiesen, dass ein Förder-Euro eine private Investition von ca. acht Euro auslöst. Wie steht die Landesregierung und Ihr Ministerium zu einer Initiative, die energetische Sanierung steuerlich zu fördern? Warum ist aus Ihrer Sicht der letzte Anlauf im Vermittlungsausschuss gescheitert?

Untersteller: Ich bedauere es außerordentlich, dass es der letzten Bundesregierung nicht gelungen ist, ein Programm zur steuerlichen Absetzbarkeit von Gebäudesanierungen auf den Weg zu bringen. Baden-Württemberg hatte hierzu mehrere Kompromissvorschläge vorgelegt, weil wir der Meinung sind, dass dieses Handlungsfeld für Energiewende und Klimaschutz viel zu bedeutend ist, um es parteipolitischen Interessen zu opfern. Ich werde mich daher dafür einsetzen, dass die neue Bundesregierung dieses Thema doch noch aufgreifen wird, auch wenn es im Koalitionsvertrag leider nicht enthalten ist.

Das Gespräch führte Oliver Blumberg, Chefredakteur des Brancheninformationsdienstes  ’markt intern’ Elektro-Installation.

Weitere Infos zu jeweils aktuellen Entwicklungen im Zusammenhang mit der Energiewende erhalten Sie als regelmäßiger Leser des Branchen-Informationsbriefes 'markt intern'-Elektro-Installation.

Infos zu den Bezugsmöglichkeiten finden Sie hier